Paul Michael Zulehner: Welche Zukunft haben die Gemeinden?

Münster. "Die Visionen entscheiden über das Schicksal der Kirche und nicht ihre Strukturen. Das Ringen um erneuerte Strukturen macht auch nur dann Sinn, wenn klar ist, wohin die Reise geht." Der Wiener Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner legte am Freitag (10.09.2004) im münsterschen Franz-Hitze-Haus den Finger in die Wunde vieler deutscher Bistümer: die von Beratern wie etwa McKinsey vorgelegten Sanierungskonzepte.

Keinen Zweifel ließ der Wissenschaftler an der Entwicklung: Weil das Geld knapp werde, stehe die Kirche vor einem gewaltigen Umbauprozess. Die alten lieb gewonnenen Strukturen werden sich nach Ansicht des 65-jährigen auflösen.

Wie die Kirche der Zukunft aussehen wird, darüber hat Zulehner eigene Vorstellungen. Zulehner ermunterte die deutschen Bistümer, nicht nur rigide Sparkonzepte aufzulegen, sondern vielmehr die Stunde zu nutzen und pastorale Entwürfe für die Zukunft zu entwickeln. Er forderte einen mutigen, missionarischen Umbau der Kirche.

Dieser sei schon deshalb notwendig, weil die "ererbte Kirchengestalt baufällig ist". Die durch den römischen Kaiser Konstantin eingeläutete Phase der Volkskirche gehe zu Ende. Waren früher 95 Prozent der Kirchenstruktur durch die politischen Mächte gesichert, existiere heute individualisierte religiöse Wahlfreiheit. "Religionskomponisten herrschen vor, die sich ihr eigenes Glaubenshaus zimmern." Doch der religiöse Markt ist für die Kirche nach der Einschätzung Zulehners "optimal", denn der Markt für Spiritualität boomt.

Um erfolgreich zu sein, muss die Kirche jedoch nach seiner Meinung ihre Struktur ändern: Eine vom Klerus und der Obrigkeit gestützte Kirche ist ihm zufolge ohne Chance. Aus der Kirche für das Volk sollte nach den Vorstellungen der Synode eine Kirche des Volkes werden. Entwickelt habe sich stattdessen eine "Expertenkirche", ein modernisierter Dienstleistungsbetrieb mit vielen Hauptamtlichen, der auf Dauer nicht mehr zu bezahlen sei, den Zulehner aber auch aus pastoralen Gründen in Frage stellt.

Die augenblickliche Übergangskrise ist gekennzeichnet durch Priestermangel, Geldmangel und den Mangel an Christen bzw. Gemeindemitglieder, wie der Professor erläuterte. Was in vielen deutschen Bistümern angesichts der Krise zurzeit durchgeführt wird, bezeichnete Zulehner als "Altbausanierung". So würden angesichts des Priestermangels die Seelsorgeräume vergrößert. "Priesterzahlorientierte Raumpflege", nennt der Pastoraltheologe diese Entwicklung. Eine Entwicklung, die nicht nur zum Verlust von priesterlicher Seelsorge führe, sondern zu einer "untergründigen Re-Klerikalisierung". Statt Konzepte von Gemeindeseelsorge zu entwerfen, wird nach Meinung Zulehners von den Bistumsleitungen eine an den Priestern orientierte Strukturveränderung angestrebt.

Diese Strukturveränderung werde von Sparplänen begleitet, die Zulehner als "pastoral verheerendes Downsizing mit kostspieliger betriebswirtschaftlicher Intelligenz" beschreibt. Weil das Geld zum herrschenden Kriterium werde, ökonomische Gesichtspunkte das kirchliche Leben bestimmten, werde radikal gespart. "Sparen und erneuern" sei die Devise - für Zulehner eine platonische Rhetorik. Denn die Sparpläne von Beratern wie McKinsey machten kirchliche Mitarbeiter in aller Regel depressiv. Aus dieser Depression erwachse jedoch kein Aufbruch.

Gerechtfertigt würden solche Einschnitte oft von dem Hinweis, die Kirche müsse sich auf das Kerngeschäft zurückziehen. Doch was ist das? Schnell werde gesagt: Verkündigung, Gottesdienst - also das, was Priester zu verantworten haben. Das habe nebenbei eine fatale Nebenwirkung: Weil die Verträge hauptberuflicher Laien nicht verlängert und keine neuen eingestellt werden, führe das zur Klerikalisierung und Vermännlichung der Hauptamtlichen in der Kirche.

Diese Aufteilung ist für Zulehner nicht biblisch, denn Gottesdienst und Nächstenliebe ließen sich nicht voneinander trennen. Jesus habe nicht gesagt: "Ihr sollt Gott lieben, wenn euch dann noch Geld bleibt, kümmert euch um die Armen." Für Zulehner wird eher umgekehrt ein Schuh daraus: "Kümmert euch in jedem Fall um die Armen in meinem Namen, und wenn dann noch Zeit und Geld bleibt, feiert auch Gottesdienste." Grundsätzlich ließen sich jedoch Gottes- und Nächstenliebe, Mystik und Politik, Kontemplation und Aktion nicht voneinander trennen.

Die Forderung Zulehners angesichts der Krise: Keine Altbausanierung, sondern Kirchenumbau – getreu dem Auftrag an Franziskus. Die Kirche von morgen werde weniger von der Kirchensteuer bestimmt, vielmehr prägten Menschen, die Zeit und Geld einbrächten, das Gesicht der Kirche. Sie seien weniger passive Konsumenten in einem versorgten Kirchenbetrieb, als vielmehr aktive Zeugen. Zu einem entschiedenen Glauben gekommen, bildeten sie lokale Netzwerke, in denen der Dienst in der Regel ehrenamtlich erfüllt werde. Entscheidend sei, welcher pastorale Vorgang nach welchem pastoralen Raum verlangt.

Die Aufgaben vor Ort könnten von so genannten Leutepriestern bewältigt werden, so Zulehner. Diese "Leutepriester" - verheiratete Männer - wüchsen in den Gemeinden heran. Für mehrere solcher lokalen Netzwerke werde es unterstützende pastorale Zentren geben, wo hauptamtliche Fachleute diese Netzwerke unterstützten. Die Kirche werde keine ewigen Einrichtungen mehr haben, sondern schlanke Organisationen und befristete Projekte.

Durch Überlegungen wie diese kann nach Überzeugung Zulehners der Weg aus der Krise gelingen. So werde die Frage nach dem Wohin beantwortet. Denn auf diese Weise könnten viele Menschen in lokalen Netzwerken neue Glaubenserfahrungen machen und so in Gott eintauchen, um neben dem Mitmenschen aufzutauchen.

kirchensite, online mit dem Bistum Münster, Jürgen Kappel, 12.09.2004