Konfessionslose aller Bundesländer vereinigt euch?
Überlegungen zu einem
„Zentralrat der Konfessionsfreien in Deutschland“ (ZdKiD)

„Divide et impera!“, „teile und herrsche“: Dieser einfachen und doch höchst erfolgreichen Machtstrategie bedienten sich schon die antiken Tyrannen. Auch heute noch ist ihre Wirksamkeit ungebrochen: Wie leicht ist es doch, alte Besitzstände zu wahren, wenn man die politischen Gegner gegeneinander ausspielen und ihre Uneinigkeit für eigene Zwecke auszunutzen kann! Gewiss, mitunter muss man sich ziemlich anstrengen, um den Spaltpilz beim politischen Gegner anzusetzen, aber wenn man ganz besonderes Glück hat und die Kontrahenten naiv genug sind, dann übernehmen diese die zermürbende Teilungsarbeit selbst – ganz freiwillig, ohne dass man von Außen irgendetwas Besonderes dafür tun müsste… – In einer solch glücklichen Lage befinden sich die christlichen Kirchen in Deutschland. Sie mussten sich gar nicht erst bemühen, das freigeistige Spektrum zu teilen, diese Aufgabe haben wir ihnen in der Vergangenheit mit großer Opferbereitschaft abgenommen. Dies ist einer der Gründe dafür, warum die vielen Millionen Menschen, die das Christentum bereits hinter sich gelassen haben, bislang politisch weitgehend unsichtbar geblieben sind. Sofern sie sich überhaupt freigeistigen Organisationen angeschlossen haben, gehören sie zersplitterten Verbänden an, die in der Vergangenheit einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Energie darauf verschwendet haben, sich gegenseitig zu bekämpfen.

Zugegeben: Das Verhältnis der säkularen Verbände zueinander hat sich in den letzten Jahren merklich gebessert. Einige Missverständnisse sind aus dem Weg geräumt werden und es wurden auch bereits gemeinsame Projekte initiiert.[i] Doch dieser erste Schritt reicht keineswegs aus, um die Dominanz der Kirchen in Politik und Medien zu durchbrechen. Was uns vor allem fehlt, sind zwei zentrale Institutionen, über die die mit uns konkurrierenden Glaubensgemeinschaften längst verfügen: nämlich erstens einen eigenständigen Wohlfahrtsverband, mit dem wir uns im sozialen Bereich profilieren können sowie zweitens ein politisches Gremium, das als zentraler Ansprechpartner für Politik und Medien fungieren kann.

Obgleich die Realisierung eines „Humanistischen Wohlfahrtverbandes“ [ii] ebenfalls ein wichtiger Meilenstein in Richtung einer erfolgreichen „positiven Säkularisierung“[iii] wäre, werde ich mich hier auf die Darstellung der Idee eines „Zentralrats der Konfessionsfreien“ im Sinne eines gemeinsamen, politischen Repräsentationsorgans der konfessionsfreien Menschen in Deutschland konzentrieren.

Zur Vorgehensweise: Zunächst will ich kurz darlegen, warum wir ein solches Gremium überhaupt brauchen. Danach möchte ich begründen, weshalb es unter PR-Gesichtspunkten sinnvoll wäre, dieses Gremium als „Zentralrat der Konfessionsfreien in Deutschland“ zu bezeichnen. In meinem dritten Teil werde ich den möglichen Aufbau des Zentralrats anreißen und die Frage diskutieren, ob und inwieweit ein solches Gremium berechtigt sein könnte, im Namen der konfessionsfreien Menschen in Deutschland zu agieren. Hiernach werde ich auf einige absehbare Schwierigkeiten eingehen, die der Realisierung des Projekts „Zentralrat der Konfessionsfreien in Deutschland“ entgegenstehen. Das abschließende kurze Fazit beschäftigt sich mit der Frage, wie es nun weitergehen könnte, nachdem die Idee eines „Zentralrats der Konfessionsfreien in Deutschland“ zumindest andeutungsweise in Papierform vorliegt.

Warum ein zentrales politisches Repräsentationsorgan sinnvoll ist

Stellen wir uns einen x-beliebigen Politiker oder Journalisten vor: Er (oder sie) ist mit einem weltanschaulich aufgeladenen Thema konfrontiert, zu dem die Kirchen Stellung bezogen haben. Nehmen wir an, dieser Politiker oder Journalist will wissen, welche Positionen außerhalb der Kirche zu diesem Thema existieren, vor allem was die vielen Millionen Menschen denken, die nicht mehr religiös organisiert sind. Er gibt entsprechende Schlagworte bei Google ein und stößt auf die unterschiedlichen Verbände innerhalb des säkularen Spektrums. Unweigerlich stellt sich die Frage: Wer wäre der geeignete Ansprechpartner? Wer repräsentiert die konfessionsfreien Menschen in Deutschland? Sind es die Freidenker, die Humanisten, die Atheisten, die Freireligiösen, die Freigeister? Während auf religiöser Seite die Ansprechpartner bekannt und mehr oder weniger klar definiert sind (Katholische Bischofskonferenz, Zentralkomitee der Katholiken in Deutschland, Evangelische Kirche in Deutschland, Zentralrat der Juden in Deutschland, Islamrat und Zentralrat der Muslime in Deutschland), ist die Lage im säkularen Spektrum merkwürdig unübersichtlich. Dies führt dazu, dass wahrscheinlich auch der prinzipiell aufgeschlossene Journalist und Politiker vorzeitig resignieren und sich auf die Verlautbarungen der bekannten religiösen Institutionen konzentrieren wird.

Hier stoßen wir auf die erste wichtige Funktion, die ein zentrales Repräsentationsorgan der Konfessionsfreien in Deutschland erfüllen müsste: eine Orientierungsfunktion. Politik und Medien verlangen – ob uns dies nun gefällt oder nicht – klare Ansprechpartner. Bislang waren wir nicht in der Lage, dieses fundamentale Interesse der Mediengesellschaft zu erfüllen. Das vorgeschlagene Gremium könnte hieran etwas ändern.

In dem eben angeführten Beispiel sind wir von einem Politiker oder Journalisten ausgegangen, der prinzipiell offen ist für die Positionen und Belange konfessionsfreier Menschen in Deutschland. Das mag zwar auf einige Journalisten und Politiker zutreffen, jedoch längst nicht auf alle. Und selbst jene, die prinzipiell offen sind, sind meist nicht gewillt, deshalb irgendwelche Risiken einzugehen. Leider aber stellt es unter den gegebenen institutionellen Bedingungen schon ein gewisses Risiko dar, wenn Journalisten konsequent säkular denkende Menschen in ihre Reportagen einbinden wollen. Ich persönlich habe es mehrfach schon erlebt, dass Journalisten, mit denen zuvor ein Gespräch fest vereinbart worden war, mir im Nachhinein eine Absage erteilt haben – nicht, weil sie nicht mehr zu ihrem ursprünglichen Konzept standen, sondern weil sie befürchten mussten, durch Funktionäre oder Helfershelfer der Kirchen unter Druck gesetzt zu werden. Aus demselben Grund wurden wiederholt sogar fertig produzierte Sendungen kurzfristig aus dem Programm genommen. [iv]

Vorausgesetzt, es gäbe eine starke zentrale Organisation, die von freigeistiger Seite aus politischen (Gegen-)Druck erzeugen würde, wäre es für aufgeschlossene Journalisten weit einfacher, ihre Konzepte durchzusetzen. Selbst jene Journalisten, die uns ablehnen, würden gezwungen sein, zumindest gelegentlich unsere Standpunkte zu erwähnen. Gegenwärtig – unter den Voraussetzungen einer weitgehend zerklüfteten säkularen Szene – ist es außerordentlich leicht, die Interessen der Konfessionsfreien zu ignorieren, unsere Positionen totzuschweigen. Das mediale und politische Establishment kann es sich leisten, das Problem der Konfessionslosen einfach „auszusitzen“. Momentan gibt es niemanden, der dieser „Schweigespirale“ wirksam entgegentreten könnte.

Dies wäre die zweite wichtige Funktion, die das vorgeschlagene Gremium erfüllen könnte: Es könnte uns helfen, den politischen Druck zu erhöhen, um auf diese Weise dafür zu sorgen, dass die Interessen und Standpunkte der Konfessionsfreien trotz der immer noch starken Machtposition religiöser Kräfte größere Beachtung in Politik und Medien finden. So schön bunt und anregend das polyphone Konzert freigeistiger Solisten mitunter sein mag, hin und wieder ist es wichtig, auch unisono singen zu können, will man nicht im hohen Geräuschpegel des medialen und politischen Alltagsgeschäfts untergehen.

Warum das vorgeschlagene Repräsentationsorgan unter dem Label „Zentralrat der Konfessionsfreien in Deutschland“ (ZdKiD) auftreten sollte

Der Name des vorgeschlagenen Gremiums sollte einprägsam sein und sofort erkennen lassen, worum es geht. Dabei ist es weniger wichtig, ob uns der gewählte Begriff selber gefällt, entscheidend ist, ob er bei den Adressaten ankommt oder nicht. Hier gilt der pragmatische Leitsatz: Der Köder muss dem Fisch schmecken – nicht dem Angler! [v]

Unter PR-Gesichtspunkten schneiden alternative Bezeichnungen wie „Dachverband der freigeistigen Verbände Deutschlands“ oder „Sichtungskommission der säkularen Verbände Deutschlands“ weit schlechter ab als das vorgeschlagene Label „Zentralrat der Konfessionsfreien in Deutschland“ Warum? Der Hauptgrund hierfür ist, dass das Gerüst des Begriffs - „Zentralrat der X in Deutschland“ - im Unterschied zu den Alternativnamen an bereits etablierte Denk- und Interpretationsschablonen andocken kann. Nicht nur Journalisten und Politiker kennen den „Zentralrat der Juden in Deutschland“ oder den „Zentralrat der Muslime in Deutschland“, sondern nahezu jeder, der die Nachrichten verfolgt. Wenn man hierzulande repräsentative Ansprechpartner für jüdische oder muslimische Belange sucht, denkt man automatisch an die jeweiligen Zentralräte. Diese tief verankerte Denkstruktur würde unbewusst auch auf die Konfessionsfreien übertragen werden.

Wie stark das Begriffgerüst „Zentralrat der X in Deutschland“ wirkt, lässt sich übrigens sehr gut am Beispiel des „Zentralrats der Muslime in Deutschland“ demonstrieren. Dieser Zentralrat hat zwar weit weniger Mitglieder als der „Islamrat“, dennoch ist er in den Köpfen der meisten Menschen viel stärker präsent – und so ist es nicht verwunderlich, dass Google für den kleineren Zentralrat der Muslime dreimal so viele Treffer ausweist als für den größeren Islamrat.

Halten wir zunächst einmal fest: Wir würden enormes PR-Potential verschenken, wenn wir nicht auf die die etablierte Struktur „Zentralrat der X in Deutschland“ zurückgreifen würden. Die Frage ist nun, womit wir die Variable X in der Mitte des Namens auffüllen wollen. Klar sollte sein, dass X eine Personengruppe darstellen sollte und nicht etwa einen Zusammenschluss bestimmter Verbände. Es heißt ja aus gutem Grund auch nicht „Zentralrat der jüdischen Gemeinden in Deutschland“ oder „Zentralrat der islamischen Kulturvereine in Deutschland“.

Für die Personengruppe, die der Zentralrat in seinem Namen tragen soll, bieten sich verschiedene alternative Bezeichnungen an, beispielsweise „die Säkularen“, „die Freigeister“, „die Humanisten“ etc.[vi] Allerdings sind diese Bezeichnungen deshalb problematisch, weil sich viele Außenstehende darunter nichts Konkretes vorstellen können.

Für den Begriff „Konfessionslose“ gilt dies nicht: Die Menschen in unserer Gesellschaft sind es gewohnt, sich in Bezug auf Weltanschauungsfragen entweder als Mitglieder einer Religionsgemeinschaft zu bezeichnen oder eben als konfessionslos. Allerdings weckt das „los“ in „konfessionslos“ negative Assoziationen, scheint womöglich gar einen irgendwie schmerzlichen Verlust anzudeuten. Dagegen erzeugt das Adjektiv „frei“ in „konfessionsfrei“ eher positive Assoziationen, man denkt an die Überwindung eines vormalig schlechteren Zustands. Insofern scheint der Begriff „Konfessionsfreie“ die beste Wahl für das freie X in unserem Namen zu sein: Zum einen ist der Begriff eng verwandt mit dem etablierten „konfessionslos“, zum anderen überwindet er dessen negative Konnotationen.[vii]

Gewiss: Manch einer wird es wohl bedauern, dass der Begriff „Konfessionsfreie“ seine Identität bloß negativ aus der fehlenden oder überwundenen Mitgliedschaft zu einer religiösen Institution Religionszugehörigkeit zieht, anstatt die eigene Haltung unabhängig von Religionen positiv zu bestimmen (wie es beispielsweise mit dem Begriff „Humanisten“ möglich wäre). Doch – wie gesagt: Der Köder muss dem Fisch schmecken – nicht dem Angler: Unsere Adressatengruppen vor allem in Politik und Medien werden mit einem „Zentralrat der Konfessionsfreien in Deutschland“ auf Anhieb mehr anfangen können als mit einem „Zentralrat der Humanisten“, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass sich die Konfessionsfreien als politische Bezugsgruppe leichter fassen lassen als die etwas diffuse Gruppe der Humanisten.

Während die Werte-Orientierung am Humanismus im Bereich der sozialen Dienstleistungen in der Vordergrund treten muss – weshalb ich ganz entschieden für einen „Humanistischen Wohlfahrtsverband“ und nicht für eine „Konfessionsfreien Wohlverband“ votiere! – sollte im Namen des politischen Repräsentationsorgans, des Zentralrats, die Personengruppe auftauchen, die rein formal aus der Abgrenzung zu den Mitgliedern religiöser Institutionen gewonnen werden kann: die Menschen, die keiner Konfession angehören, die „Konfessionsfreien“.

Überlegungen zum möglichen Aufbau des „Zentralrats der Konfessionsfreien in Deutschland“ und zum Problem der Legitimation

Die Einrichtung eines „Zentralrats der Konfessionsfreien in Deutschland“ ist selbstverständlich nur dann sinnvoll, wenn er die Legitimation besitzt, tatsächlich im Namen der genannten Personengruppe sprechen zu können. Eine erste notwendige Voraussetzung dafür wäre, dass sich alle maßgeblichen Verbände und Institutionen, die sich dem säkularen Spektrum zuordnen, in diesem Zentralrat engagieren.

Der Zentralrat könnte in der Rechtsform eines Vereins organisiert werden, es sind jedoch auch andere Rechtsformen denkbar. Angenommen, wir würden uns für einen Trägerverein entscheiden, so sollte dieser keine eigenen, natürlichen Mitglieder haben, sondern ausschließlich aus juristischen Personen bestehen, nämlich den Verbänden und Institutionen des säkularen Spektrums. Dies sollte nebenbei auch die Befürchtung entkräften, dass mit dem Zentralrat eine neue, alternative Institution zu den bestehenden Verbänden geschaffen werden soll.

Die zentralen Gremien des Trägervereins wären die Mitgliederversammlung, zu der Vertreter aus den Mitgliedsverbänden delegiert werden, sowie der Vorstand, der für die laufenden Geschäfte und Aktivitäten des Zentralrats verantwortlich zeichnet. Die einfachste Lösung, den Vorstand zu bilden, wäre natürlich, ihn durch die Delegierten der Mitgliederversammlung wählen zu lassen. Dies würde jedoch möglicherweise die Gefahr erhöhen, dass der Vorstand zu einem Spielball von Verbandsinteressen würde. Deshalb schlage ich vor, dass die Vorstandskandidaten direkt über die Mitglieder der einzelnen Verbände gewählt werden. Dies wäre zwar eine aufwendigere Prozedur, sie zeigt aber symbolisch auf, wie das Verhältnis von Zentralrat zu den Mitgliedsverbänden bestimmt sein sollte: Obgleich der Zentralrat aus den Mitgliedsverbänden gebildet wird, sollte er in erster Linie nicht die Verbände repräsentieren, sondern – wie der Name schon sagt – die konfessionsfreien Menschen in Deutschland.

Nebenbei: In Gesprächen habe ich immer wieder festgestellt, dass auf der Ebene der „einfachen Mitglieder“ die Unterschiede zwischen den Verbänden weit weniger groß sind als auf Funktionärsebene. Dies sollten wir auch berücksichtigen bei der Frage, ob die inhaltlichen Unterschiede zwischen den Verbänden nicht von vornherein eine Form der engeren Zusammenarbeit, wie sie das Projekt eines Zentralrats notwendigerweise verlangt, ausschließt. Ich werde auf dieses Thema später noch einmal eingehen.

Kommen wir in dieser Stelle auf das bereits angeschnittene Legitimationsproblem zurück. Ich hatte gesagt, dass die Mitwirkung der säkularen Verbände eine notwendige Voraussetzung dafür ist, dass der Zentralrat im Namen der konfessionsfreien Menschen in Deutschland sprechen kann. Die Frage ist allerdings, ob diese notwendige Voraussetzung zugleich auch eine hinreichende Voraussetzung ist. Immerhin muss man zugeben, dass von den mehreren Millionen Konfessionslosen in Deutschland nur winziger Bruchteil, nämlich einige Zehntausend, in den säkularen Verbänden organisiert sind. Stellt dieses Faktum nicht grundsätzlich die Legitimation des vorgeschlagenen Zentralrats in Frage?

Ich denke, dies trifft nicht zu, denn Organisationen können sehr wohl legitimer Weise auch im Namen von Menschen sprechen, die nicht direkt zu ihren Mitgliedern zählen. So setzt sich Greenpeace ganz selbstverständlich auch für jene von ökologischen Verwüstungen betroffene Kleinfarmer oder -fischer ein, die Greenpeace nicht angehören. Und ebenso klar ist, dass Amnesty International völlig zu Recht nicht nur im Namen jener Gefangenen spricht, die zufällig Mitglieder dieser Menschenrechtsorganisation sind.

An dieser Stelle könnte man einwerfen, ich würde Äpfel mit Birnen vergleichen. Als Maßstab für den Zentralrat müssten zuallererst religiöse Institutionen herangezogen werden, vor allem die christlichen Kirchen, die im Gegensatz zu den säkularen Verbänden nachweislich viele Millionen Mitglieder haben und somit – wie es scheint – in ganz anderer Weise legitimiert sind, für ihre Mitglieder zu sprechen.

Auf den ersten Blick mag dieses Argument zutreffend erscheinen, es lässt aber außer Acht, dass die Mitgliedschaft in den christlichen Kirchen in der Regel zu einem Zeitpunkt erworben wurde, als die betreffenden Personen beim besten Willen nicht geschäftsfähig waren. Nicht sie selbst haben sich dereinst für die Mitgliedschaft entschieden, sondern ihre Eltern, die gleichfalls „geborene Kirchenmitglieder“ waren. Wenn man sich dies vor Augen führt, schwindet der Respekt gegenüber den hohen Mitgliedszahlen der Kirchen. Ohne Taufe im Säuglingsalter hätten die Kirchen heute kaum mehr Mitglieder als die säkularen Verbände. Auf jeden Fall gilt: Wer sich dazu entschieden hat, die Kirche zu verlassen, hat seine Zugehörigkeit zur Gruppe der Konfessionsfreien mit größerer Bewusstheit erwählt als dies beim durchschnittlichen Kirchenmitglied der Fall ist, das seine Mitgliedschaft in der Glaubensgemeinschaft gewissermaßen in die Wiege gelegt bekam.

Das wohl stärkste Gegenargument in Bezug auf den Anspruch des Zentralrats, im Namen aller Konfessionslosen in Deutschland sprechen zu können, ist die Behauptung, dass die Gruppe der konfessionsfreien Menschen zu heterogen sei, als dass man sie auf einen gemeinsamen Nenner bringen könne. Wer keiner Religionsgemeinschaft angehöre, so könnte man argumentieren, könne doch sehr wohl religiös sein und würde sich sicherlich nicht gerne von dezidierten Atheisten und Religionskritikern vertreten sehen. Zu diesem Argument ist Folgendes zu sagen:

  1. Der vorgeschlagene „Zentralrat der Konfessionsfreien“ soll kein „Zentralrat der Atheisten oder Religionskritiker“ sein. Seine Aufgabe wird es nicht sein, atheistische oder allgemein religionskritische Propaganda zu betreiben, sondern dafür zu sorgen, dass die Interessen und Standpunkte konfessionsfreier Menschen in der Politik und in den Medien stärker berücksichtigt werden. Mit Glaubensfragen wird sich der Zentralrat nur dann beschäftigen müssen, wenn aufgrund religiös bestimmter Entscheidungen die Interessen konfessionsfreier Menschen in Mitleidenschaft gezogen werden.
  2. Da der Zentralrat der Konfessionsfreien im Unterschied zu religiösen Institutionen nicht von heiligen, unverrückbaren Dogmen ausgehen wird, ist seine Politik jederzeit revidierbar. Konfessionsfreie Menschen, die mit den Aktivitäten des Zentralrats nicht einverstanden sein sollten, werden also die Möglichkeit haben, etwaige Fehlentwicklungen zu korrigieren.
  3. Die Mitgliedsverbände des Zentralrats stellen keine homogene Einheit dar, sondern vertreten selbst mitunter höchst unterschiedliche Positionen. Insgesamt ist die Pluralität der Standpunkte im Zentralrat der Konfessionsfreien sicherlich stärker ausgeprägt als die Meinungsvielfalt innerhalb der Katholischen Bischofskonferenz, die von Politik und Medien trotzdem als höchstes Repräsentationsorgan der Katholiken in Deutschland akzeptiert wird.
  4. Es ist stark zu bezweifeln, dass die Gruppe der Konfessionsfreien in sich tatsächlich heterogener ist als die Gruppe der Kirchenmitglieder. Ebenso wie es Konfessionsfreie gibt, die religiös sind, gibt es Kirchenmitglieder, die radikal humanistisch oder atheistisch denken. Letzteres hat die Kirchen bislang nicht davon abgebracht, im Namen „der Gläubigen“ zu sprechen. Solange die Kirchen auf diese Weise agieren, hat wohl auch der Vertretungsanspruch des „Zentralrats der Konfessionsfreien“ seine Berechtigung.

Ergänzend zum letzten Punkt möchte ich darauf hinweisen, dass die Giordano Bruno Stiftung im nächsten Jahr unter Federführung von Carsten Frerk ein Forschungsprojekt zum Thema „Empirie der Konfessionen und Weltanschauungen“ durchführen wird. Wir werden untersuchen, was konfessionell gebundene und konfessionsfreie Menschen auf weltanschaulichem, ethischem und politischem Gebiet denken und welche aussagefähigen Trends auf diesem Gebiet in den letzten 40 Jahren zu beobachten sind. Schon eine erste Durchsicht des vorhandenen statistischen Materials hat deutlich gemacht, dass die grobe Einteilung in Konfessionen (auch die Unterteilung in Konfessionszugehörigkeit und Konfessionslosigkeit) an den wirklichen Überzeugungen der Menschen hoffnungslos vorbeizielt.

Dies sollte jedoch keineswegs als Argument gegen den vorgeschlagenen „Zentralrat der Konfessionsfreien“ verstanden werden. Im Gegenteil: Solange die Kirchen politisches Kapital aus der Behauptung ziehen können, dass angeblich Millionen von echten oder zumindest halbwegs überzeugten Gläubigen hinter ihnen stehen, werden auch wir an dem groben Einteilungsraster Kirchenmitglieder/Konfessionsfreie festhalten müssen und solange wird es wohl auch sinnvoll sein, für einen starken Zentralrat der Konfessionsfreien einzutreten.

Halten wir fest: Der vorgeschlagene Zentralrat der Konfessionsfreien in Deutschland könnte und sollte sich offensiv als Repräsentationsorgan aller Menschen verstehen, die hierzulande keiner Konfession angehören (wollen). Unsere Bezugsgruppe besteht also aus mindestens 25 Millionen Menschen. Dass die Mitgliedsverbände nur einen kleinen, nämlich den organisatorisch erfassten Teil des Spektrums widerspiegeln, steht diesem Anspruch nicht im Wege. Man mag die volle Legitimität dieses Vertretungsanspruchs zwar in Frage stellen, allerdings treffen die entsprechenden Argumente in der einen oder anderen Form auch auf die bereits bestehenden religiösen Konkurrenzunternehmungen zu.

Anders formuliert: Falls die Katholische Bischofskonferenz oder die EKD irgendwann einmal den Anspruch aufgeben sollten, im Namen von Millionen zu sprechen, und sich stattdessen auf die wenigen Zehntausend Christen beschränken würden, die tatsächlich noch in vollem Umfang mit den zentralen Dogmen des verfassten Christentums übereinstimmen, könnten auch wir den universellen Vertretungsanspruch fallen lassen. Dies wäre vielleicht auch der Zeitpunkt, an dem ein Zentralrat der Konfessionsfreien überflüssig geworden wäre. Solange aber die religiösen Organisationen weiterhin mit „unredlichen Mitteln“ arbeiten, wäre es naiv, würden wir auf adäquate Gegenstrategien verzichten…[viii] 

Mögliche Stolpersteine auf dem Weg zum Zentralrat – und wie man sie vielleicht überwinden könnte

Der Weg zur Bildung des vorgeschlagenen „Zentralrat der Konfessionsfreien in Deutschland“ ist mit zwei Stolpersteinen gepflastert, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten: Die Realisierung der Idee eines „Zentralrats der Konfessionsfreien“ könnte nämlich scheitern, weil er a) bei den Verbänden auf zu wenig oder b) auf zu viel eigennütziges Interesse stößt.

Zu Punkt a) Es ist leicht vorstellbar, dass sich Funktionäre des einen oder anderen Verbands fragen, warum sich ihr Verband überhaupt an einem „Zentralrat der Konfessionsfreien“ beteiligen sollte. Was sollte das schon bringen? Ist man bisher nicht auch gut ohne eine solche Institution ausgekommen? Und würde man durch den Zentralrat nicht vielleicht auch konkurrierende Verbände mit aufbauen, die bislang (möglicherweise sogar aus guten Gründen?) mehr oder weniger unbeachtet vor sich hin dümpelten?

Solche Überlegungen sind verständlich. Dennoch ist die Gründung eines Zentralrats wohl auch dann noch eine gute Sache, wenn man sie nur aus einer dezidierten Verbandsperspektive betrachtet. Unterstellt nämlich, es gelänge uns, das Instrument „Zentralrat“ vernünftig zu nutzen, so ist zu erwarten, dass wir weit stärker als bisher mit unseren Themen in den Medien präsent sein können – und diese erhöhte Aufmerksamkeit würde natürlich auch den einzelnen Mitgliedsverbänden zugute kommen. Wer könnte dazu schon „Nein“ sagen?

Zu Punkt b) Damit das Projekt „Zentralrat“ nicht von vornherein scheitert, müssen unbedingt einige fundamentale Spielregeln eingehalten werden. So muss vor allem verhindert werden, dass der Zentralrat für einseitige Verbandsinteressen missbraucht wird. Das heißt u.a., dass Verlautbarungen des Zentralrats niemals nur die Perspektive eines Verbandes widerspiegeln dürfen. Dort, wo kein gemeinsamer Nenner gefunden werden kann, muss der Zentralrat entweder schweigen oder aber die Pluralität der Positionen innerhalb des konfessionsfreien Spektrums auf faire Weise wiedergeben. Es wird sicherlich keine leichte Aufgabe sein, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede innerhalb des Spektrums auszuloten, aber ich bin guten Mutes, dass die Unterschiede, die zwischen uns existieren, eine produktive Zusammenarbeit nicht behindern müssen.

Man würde im Übrigen die Idee eines Zentralrats auch völlig missverstehen, wenn man meinen würde, dass es darum ginge, qualitative Unterschiede innerhalb des konfessionsfreien Spektrums einzuebnen. So wichtig es auch ist, in bestimmten Situationen gemeinsam auftreten zu können, so wichtig ist es auch, hin und wieder getrennte Wege einzuschlagen. In diesem Zusammenhang sollte man die zweite, alternative Bedeutung des anfangs zitierten, antiken Mottos „Teile und herrsche“ berücksichtigen: Wenn man eine große Aufgabe vor sich hat, so ist es häufig sinnvoll, arbeitsteilig vorzugehen. Man setzt an unterschiedlichen Aspekten des Problems an, um es so letztlich besser beherrschen, d.h. lösen zu können.

Auf diese Weise lassen sich auch bestimmte Unterschiede innerhalb unseres Spektrums verstehen und entsprechende Spannungen möglicherweise auch besser aushalten.[ix] Ein Beispiel: Wenn auf der einen Seite der IBKA fordert, die Privilegien abzuschaffen, die der Staat bestimmten religiösen Gemeinschaften und Weltanschauungsgruppen zubilligt, und der HVD auf der anderen Seite versucht, exakt diese Privilegien (analog zu den Kirchen) zu erhalten, weil er mit ihrer Hilfe eine effektive humanistische Sozialarbeit leisten kann, so sieht dies auf den ersten Blick wie ein fundamentaler, unüberwindbarer Gegensatz aus. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch nur um zwei unterschiedliche Strategien, die beide das Ziel haben, eine „positive Säkularisierung“ zu bewirken.

Es wäre völlig unsinnig, solche Unterschiede durch die Bildung eines Zentralrats wegretuschieren zu wollen. Genau genommen ist es eher eine Stärke als eine Schwäche des säkularen Spektrums, dass es solch unterschiedliche Vorgehensweisen hervorgebracht hat.

Mit anderen Worten: Wir sollten nicht nur unsere Gemeinsamkeiten, sondern auch unsere Unterschiede im Prozess einer möglichen Zusammenarbeit im „Zentralrat der Konfessionsfreien“ kultivieren. Möglicherweise wird dies – und dies könnte ein erfreulicher Nebeneffekt des Zentralrats sein – auch zur Profilbildung der einzelnen Verbände beitragen und somit ihre Attraktivität für die bislang noch unorganisierten konfessionsfreien Menschen erhöhen. 

Fazit und kurzer Ausblick: Wie könnte es weiter gehen?

Es war nicht der Sinn meiner Überlegungen, hier bereits ein fertiges Konzept eines Zentralrats zu präsentieren. Soweit sind wir noch nicht. Mein Ziel war es vielmehr, darzulegen, dass die Idee eines solchen Zentralrats doch nicht so sehr aus der Luft gegriffen ist, wie es so manchem vielleicht im ersten Moment erscheinen mag. Es liegt nun an den einzelnen Verbänden, darüber nachzudenken, ob und wenn ja: unter welchen Voraussetzungen sie sich an dem vorgeschlagenen „Zentralrat der Konfessionsfreien in Deutschland“ beteiligen möchten.

Für die Giordano Bruno Stiftung kann ich sagen, dass wir an diesem Projekt sehr interessiert sind und dass wir es auch mit unseren Ressourcen aktiv unterstützen möchten, sofern sich genügend Mitstreiter finden lassen. Entsprechendes Interesse vorausgesetzt, sind wir auch gerne bereit, Arbeitstreffen an unserem Stiftungssitz in Mastershausen durchzuführen, um die hier nur grob skizzierte Idee zu konkretisieren.

Unser Engagement in dieser Angelegenheit resultiert aus der Erkenntnis, dass eine professionell ausgerichtete Zusammenarbeit notwendig ist, um die Anliegen der konfessionsfreien Menschen in Deutschland besser vertreten und insgesamt im Sinne einer konsequent humanistischen Aufklärung wirken zu können. Der vorgeschlagene Zentralrat der Konfessionsfreien könnte, so unsere Überzeugung, irgendwann einmal zu einem der wichtigsten Meilensteine in der Emanzipationsgeschichte der säkularen Kräfte in Deutschland werden. Bislang freilich ist er nur eine rudimentär ausgebaute Idee, die auf wenigen Blättern Papier fixiert ist. Es wird gewiss noch einige Zeit dauern, bis die Idee eines konfessionsfreien Zentralrats Wirklichkeit werden kann. Doch der Anfang ist immerhin gemacht… Und wie sagt Ludwig Marcuse so treffend? „Es ist besser, das Gute steht nur auf dem Papier – als nicht einmal dort…“[x]


Anmerkungen

[i] Erinnert sei hier etwa an die gemeinsame (und dadurch wahrscheinlich auch besonders erfolgreiche!) Erklärung zur Augstein-Trauerfeier.

[ii] vgl. das Editorial zu MIZ 1/04

[iii] vgl. Proske, Wolfgang (2004): „Gottlose“ als „Tätervolk“? Nachtrag zur Hohmann-Affäre. In: MIZ 1/04. Siehe auch: Schmidt-Salomon, Michael (2004): Die „neue Leichtigkeit des Seins“ oder: der Genuss des freien Denkens. In: Fincke, Andreas ((Hrsg.): Woran glaubt, wer nicht glaubt? Lebens- und Weltbilder von Freidenkern, Konfessionslosen und Atheisten in Selbstaussagen. EZW-Texte 176. Berlin

[iv] Ein typisches Beispiel hierfür ist die kurzfristige Absetzung der ARD-Sendung „Spott und Hohn für Gott und Sohn“ (1997), die im Vorfeld von der Zeitschrift stern noch als „Tipp der Woche“ angepriesen worden war. Ebenfalls kurz vor der Ausstrahlung wurde 1998 im WDR-Hörfunk das Radiofeature „Straftatbestand: Gotteslästerung“ verhindert. In der Regel sind die Mechanismen der Meinungsmanipulation allerdings subtiler, wenngleich nicht weniger wirkungsvoll, siehe hierzu den „Offenen Brief der Giordano Bruno Stiftung an die Medienverantwortlichen in Deutschland“ (http://www.giordano-bruno-stiftung.de/Archiv/press121104.pdf)

[v] Eine solche pragmatische Herangehensweise ist im Fall des Zentralrats besonders wichtig. Wir neigen ja in der säkularen Szene dazu, jedes Thema im Stile eines „philosophischen Oberseminars“ zu behandeln  (ich gebe gerne zu, dass auch ich häufig genug den „Philosophen in mir“ nur schwer zügeln kann…). Manche Probleme können auf diese Weise jedoch nicht sinnvoll angegangen werden. Wenn man beispielsweise nach einem wirkungsvollen Namen für ein politisches Gremium sucht, sollten nicht die Etymologie, die Geschichte oder der „ideologische Nährwert“ eines Begriffs im Mittelpunkt stehen, sondern die potentiellen Marktchancen, die sich aus einem potentiellen Namen (der „Marke“) ergeben. Daher ist es mehr oder weniger egal, ob der Begriff „Zentralrat“ möglicherweise seine geschichtlichen Wurzeln in Nazideutschland hatte oder ob der Begriff „Konfessionen“ auch das Selbstverständnis nicht-christlicher Religionen trifft. Unter pragmatischer Perspektive ist entscheidend, wie gut der gewählte Begriff bei den relevanten Zielgruppen ankommt.

[vi] Zur unterschiedlichen Bedeutung der Begriffe siehe Groschopp, Horst (2004): Wie säkular ist das „säkulare Spektrum“? Warum traditionelle Selbstbezeichnungen der Freigeister fraglich geworden sind. In: MIZ 1/04

[vii] Nach meinem Vortrag in Berlin, der diesem Aufsatz zugrunde liegt, wies Günter Kehrer auf einen weiteren Vorteil des Begriffs „Konfessionsfreie“ gegenüber „Konfessionslose“ hin: Mit dem Begriff „Konfessionsfreie“ könnten auch jene Menschen angesprochen werden, die im Kopf längst „konfessionsfrei“ sind, jedoch aus sozialen oder ökonomischen Gründen nicht „konfessionslos“ sein können, weil ein Kirchenaustritt möglicherweise mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes verbunden wäre. Schon vor einiger Zeit habe ich darauf hingewiesen, dass die säkularen Verbände auch diese Menschen, die sog. „Zwangskonfessionalisierten“, vertreten müssten (vgl. u.a. Schmidt-Salomon, Michael (1998): Von der Negation zur Position. Über die Notwendigkeit säkularer sozialer Dienstleistungen. In: humanismus aktuell 3/1998.) Auf der Basis dieser Überlegungen wurde im IBKA wenige Zeit später die Möglichkeit geschaffen, „Zwangskonfessionalisierte“ als „außerordentliche Mitglieder“ in den Verein aufzunehmen.

[viii] Joachim Kahl stellte in der Diskussion im Anschluss an meinen Berliner Vortrag die durchaus berechtigte Frage, ob eine solche Haltung ethisch vertretbar sei. Zweifellos: Sie ist ethisch anrüchig, doch die Alternative, eine Art „Kantscher Rigorismus“, ist in seinen praktischen Konsequenzen noch weit problematischer. Hätten wir, wie Kant darlegt, tatsächlich nicht das moralische Recht, „aus Menschenliebe zu lügen“, so könnten wir in Konfliktsituationen nicht mehr ethisch verantwortlich handeln, denn unter dieser Voraussetzung müssten wir beispielsweise einem Mörder das Versteck seines Opfers verraten. Wir sehen: Auch wenn gewiss nicht jedes Ziel jedes Mittel rechtfertigt (und schon gar nicht „heiligt“!), so muss doch stets eine Abwägung getroffen werden, ob zur Erreichung von gerechtfertigten Zielen mitunter nicht auch Mittel gewählt werden müssen, die den eigenen Grundüberzeugungen zumindest partiell widersprechen. Indem wir – wie hier geschehen – solche problematischen Ziweck-Mittel-Relationen transparent machen, verhindern wir, dass sie ideologisch verschleiert und damit der Kritik entzogen werden.

[ix] vgl. Ladwig, Rudolf (2003): Von der notwendigen Differenzierung zur partiellen Kooperation. Ein Plädoyer für das Aushalten von Unterschieden. In: diesseits, 63/2003

[x] Marcuse, Ludwig (1973): Argumente und Rezepte. Ein Wörterbuch für Zeitgenossen. Zürich, S.85

 

 

 

Dr. Michael Schmidt-Salomon ist geschäftsführendes Vorstandmitglied der Giordano Bruno Stiftung und Chefredakteur der religionskritischen Zeitschrift MIZ. Zahlreiche Veröffentlichungen (siehe www.schmidt-salomon.de/). Dem vorliegende Artikel liegt ein Vortrag an der Humanistischen Akademie Berlin (19.11.04) zugrunde. In gedruckter Form erschien der Artikel zuerst in MIZ 4/04.

 

 

Anmerkungen

[1] Erinnert sei hier etwa an die gemeinsame (und dadurch wahrscheinlich auch besonders erfolgreiche!) Erklärung zur Augstein-Trauerfeier.

[2] vgl. das Editorial zu MIZ 1/04

[3] vgl. Proske, Wolfgang (2004): „Gottlose“ als „Tätervolk“? Nachtrag zur Hohmann-Affäre. In: MIZ 1/04. Siehe auch: Schmidt-Salomon, Michael (2004): Die „neue Leichtigkeit des Seins“ oder: der Genuss des freien Denkens. In: Fincke, Andreas ((Hrsg.): Woran glaubt, wer nicht glaubt? Lebens- und Weltbilder von Freidenkern, Konfessionslosen und Atheisten in Selbstaussagen. EZW-Texte 176. Berlin

[4] Ein typisches Beispiel hierfür ist die kurzfristige Absetzung der ARD-Sendung „Spott und Hohn für Gott und Sohn“ (1997), die im Vorfeld von der Zeitschrift stern noch als „Tipp der Woche“ angepriesen worden war. Ebenfalls kurz vor der Ausstrahlung wurde 1998 im WDR-Hörfunk das Radiofeature „Straftatbestand: Gotteslästerung“ verhindert. In der Regel sind die Mechanismen der Meinungsmanipulation allerdings subtiler, wenngleich nicht weniger wirkungsvoll, siehe hierzu den „Offenen Brief der Giordano Bruno Stiftung an die Medienverantwortlichen in Deutschland“ (http://www.giordano-bruno-stiftung.de/Archiv/press121104.pdf)

[5] Eine solche pragmatische Herangehensweise ist im Fall des Zentralrats besonders wichtig. Wir neigen ja in der säkularen Szene dazu, jedes Thema im Stile eines „philosophischen Oberseminars“ zu behandeln  (ich gebe gerne zu, dass auch ich häufig genug den „Philosophen in mir“ nur schwer zügeln kann…). Manche Probleme können auf diese Weise jedoch nicht sinnvoll angegangen werden. Wenn man beispielsweise nach einem wirkungsvollen Namen für ein politisches Gremium sucht, sollten nicht die Etymologie, die Geschichte oder der „ideologische Nährwert“ eines Begriffs im Mittelpunkt stehen, sondern die potentiellen Marktchancen, die sich aus einem potentiellen Namen (der „Marke“) ergeben. Daher ist es mehr oder weniger egal, ob der Begriff „Zentralrat“ möglicherweise seine geschichtlichen Wurzeln in Nazideutschland hatte oder ob der Begriff „Konfessionen“ auch das Selbstverständnis nicht-christlicher Religionen trifft. Unter pragmatischer Perspektive ist entscheidend, wie gut der gewählte Begriff bei den relevanten Zielgruppen ankommt.

[6] Zur unterschiedlichen Bedeutung der Begriffe siehe Groschopp, Horst (2004): Wie säkular ist das „säkulare Spektrum“? Warum traditionelle Selbstbezeichnungen der Freigeister fraglich geworden sind. In: MIZ 1/04

[7] Nach meinem Vortrag in Berlin, der diesem Aufsatz zugrunde liegt, wies Günter Kehrer auf einen weiteren Vorteil des Begriffs „Konfessionsfreie“ gegenüber „Konfessionslose“ hin: Mit dem Begriff „Konfessionsfreie“ könnten auch jene Menschen angesprochen werden, die im Kopf längst „konfessionsfrei“ sind, jedoch aus sozialen oder ökonomischen Gründen nicht „konfessionslos“ sein können, weil ein Kirchenaustritt möglicherweise mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes verbunden wäre. Schon vor einiger Zeit habe ich darauf hingewiesen, dass die säkularen Verbände auch diese Menschen, die sog. „Zwangskonfessionalisierten“, vertreten müssten (vgl. u.a. Schmidt-Salomon, Michael (1998): Von der Negation zur Position. Über die Notwendigkeit säkularer sozialer Dienstleistungen. In: humanismus aktuell 3/1998.) Auf der Basis dieser Überlegungen wurde im IBKA wenige Zeit später die Möglichkeit geschaffen, „Zwangskonfessionalisierte“ als „außerordentliche Mitglieder“ in den Verein aufzunehmen.

[8] Joachim Kahl stellte in der Diskussion im Anschluss an meinen Berliner Vortrag die durchaus berechtigte Frage, ob eine solche Haltung ethisch vertretbar sei. Zweifellos: Sie ist ethisch anrüchig, doch die Alternative, eine Art „Kantscher Rigorismus“, ist in seinen praktischen Konsequenzen noch weit problematischer. Hätten wir, wie Kant darlegt, tatsächlich nicht das moralische Recht, „aus Menschenliebe zu lügen“, so könnten wir in Konfliktsituationen nicht mehr ethisch verantwortlich handeln, denn unter dieser Voraussetzung müssten wir beispielsweise einem Mörder das Versteck seines Opfers verraten. Wir sehen: Auch wenn gewiss nicht jedes Ziel jedes Mittel rechtfertigt (und schon gar nicht „heiligt“!), so muss doch stets eine Abwägung getroffen werden, ob zur Erreichung von gerechtfertigten Zielen mitunter nicht auch Mittel gewählt werden müssen, die den eigenen Grundüberzeugungen zumindest partiell widersprechen. Indem wir – wie hier geschehen – solche problematischen Ziweck-Mittel-Relationen transparent machen, verhindern wir, dass sie ideologisch verschleiert und damit der Kritik entzogen werden.

[9] vgl. Ladwig, Rudolf (2003): Von der notwendigen Differenzierung zur partiellen Kooperation. Ein Plädoyer für das Aushalten von Unterschieden. In: diesseits, 63/2003

[10] Marcuse, Ludwig (1973): Argumente und Rezepte. Ein Wörterbuch für Zeitgenossen. Zürich, S.85

 

Dr. Michael Schmidt-Salomon ist geschäftsführendes Vorstandmitglied der Giordano Bruno Stiftung und Chefredakteur der religionskritischen Zeitschrift MIZ. Zahlreiche Veröffentlichungen (siehe www.schmidt-salomon.de/). Dem vorliegende Artikel liegt ein Vortrag an der Humanistischen Akademie Berlin (19.11.04) zugrunde. In gedruckter Form erschien der Artikel zuerst in MIZ 4/04.