Kirchensteuer : Kritik aus pastoraler Sicht

Anfang Sept.1993 lud das Katholische Bildungswerk Recklinghausen zu einer Diskussionsveranstaltung rund um die Kirchensteuer ein. Mehr als 60 ChristInnen folgten der Einladung und diskutierten das Thema sehr kontrovers.

Der nachfolgende Beitrag, entnommen dem Referat von Herrn Oberstudiendirektor Heinz-Georg Terbille, Recklinghausen, konzentriert sich im wesentlichen auf die nach Meinung des Autors bedenklichen Aspekte der Kirchensteuer aus pastoraler Sicht.

 "Ich wage die Behauptung, daß das System der deutschen Kirchensteuer, das weltweit außer bei uns und in Österreich seines gleichen sucht, in nicht geringem Maß mitbeteiligt ist an dem gegenwärtig sich ständig verschlechternden Kirchenimage bei uns. Es wirkt sich verhängnisvoll aus auf die Kirche als Institution, die in vielen Bereichen schon längst den Charakter eines bürokratischen Selbstläufers mit entsprechenden Sachzwängen angenommen hat, und ebenso auf die Ortskirche als Gemeinde zusammenlebender Christinnen und Christen. Wir werden darum im folgenden sehr wohl zu unterscheiden haben, was wir je mit "Kirche" meinen, wenn wir von Kirche reden. Wir werden jeweils unterscheiden müssen zwischen Kirche als Institution, die das persönliche Zeugnis des einzelnen Christen und das ansteckende Miteinander im Leben des gemeinsamen Glaubens ermöglicht und die selbst Teil dieses Glaubenszeugnisses sein muß, und zwischen Kirche als zur Bürokratie pervertierende Institution, in der nach der Gehlenschen Institutionenlehre eine an sich zweckmäßige Verwaltung umschlägt in Herrschaft von Menschen über Menschen. Anders formuliert: Wenn die an sich notwendige und hilfreiche Institution Kirche ihre Leitidee, nämlich die befreiende Verkündigung der Gegenwart Gottes bei den Menschen in Jesus Christus vergißt und diese durch Bürokratie ersetzt, dann ist dies die Krise der Institution Kirche. Schließlich müssen wir beim Reden von Kirche beachten noch die Gemeinde vor Ort, die Pfarrgemeinde als greifbar werdendes Bild der Institution. Ihr Leben prägt konkret das Kirchenbewußtsein der Mitglieder.

Dem weitaus größten Teil der kirchenamtlich geführten katholischen Kirchenmitglieder - nur von dieser Kirche will ich reden - (das sind nach der letzten Statistik im Bistums Münster mehr als 70 %)der in den kirchenamtlichen Verwaltungen einerseits unter der Rubrik "Karteileichen", andererseits aber auch unter der Sparte "Zahlende Mitglieder" geführt wird, diesem Teil begegnet Kirche immer weniger im Kontext einer Familie oder Pfarrgemeinde. Seine Hauptberührungspunkte sind die Medien. Für "Christen" dieser Gruppe ist dann auch nicht mehr das Kirchenbild von wie auch immer gearteten persönlichen Erfahrungen geprägt, sondern von Amtsträgern die via Medien "gegenwärtig sind": Papst, Bischöfe Priester. Damit wird ein vorkonziliares Bild von Kirche präsentiert, das nicht zu den individuell und gemeinschaftlich erfahrenen Lebensräumen der Menschen heute paßt, das schon ungleichzeitig ist.(Daß bei der Präsentation dieser Kirchenvertreter in den Medien häufig ein negativer Vorführeffekt beabsichtigt ist, scheint manchem der oft "gegenwärtigen" Amtsträger völlig zu entgehen.) In diesem von Ungleichzeitigkeit gekennzeichneten Kirchenbild nimmt in der Kirchenkritik die Kirchensteuer einen nicht unbedeutenden Rang ein.

Vor wenigen Jahren urteilte anläßlich eines Vortrages der holländische Dominikanerpater und bedeutende Moderator des Vat.II, Prof.E. Schillebeeckx, im Blick auf die bundesdeutsche Kirchenwirklichkeit, das größte Elend der deutschen katholischen Kirche sei ihr Kirchensteuersystem. Er meinte damit den Verlust der Unabhängigkeit gegenüber dem Staat, aber auch den Gewinn an Reichtum im Verbund mit dem Verlust an Sensibilität für soziale Randgruppen, das Verstrickt-Werden in Sachzwänge, die der biblischen Botschaft zuwiderlaufen, etc..

Dieses Elend läßt sich mit einem Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit gut veranschaulichen: Als nach dem Fall der Mauer Mitglieder der Hl. Kreuz Gemeinde in Halle (heute Sachsen-Anhalt) zum ersten Mal die Partnergemeinde St. Elisabeth hier in Recklinghausen besuchten, machten sie auf dem Heimweg aus alter Anhänglichkeit bei ihrem ehemaligen Bischof Station in Paderborn.

Halle hatte vor der Errichtung der DDR zum Bistum Paderborn gehört. Der Bischof konfrontierte sie schon nach wenigen Minuten des Gesprächs zu ihrem Entsetzen, weil zu diesem Zeitpunkt ihrer Geschichte für sie völlig unverständlich, mit Forderungen der Verankerung des Religionsunterrichts in den künftigen Schullehrplänen und der Übernahme des Kirchensteuersystems. Entsetzen auch deshalb, weil im Weigerungsfall mit der Streichung der den Besuchern bekannten Bonifatiushilfe gedroht wurde. Mit dem Religionsunterricht sollten die säkularisierten, neuheidnischen Menschen der ehemaligen DDR rechristianisiert und mit der Steuer sollten die Unabhängigkeit der Kirche und Bedingungen zur Bewältigung der künftigen Aufgaben (welcher?) geschaffen werden.

Heute - drei Jahre nach der Wiedervereinigung und nach noch jungen Erfahrungen mit westlichen Segnungen (die Gemeinde hat an der Stelle der alten Kirche ein neues Gotteshaus errichtet, eine neue Sozialstation wird gebaut, in der Stadt ist ein katholisches Gymnasium gegründet worden) beklagen nicht wenige Mitglieder der Gemeinde den beginnenden Verlust an Solidarität, Gemeinschaftsgeist, an persönlicher Initiative für die Gemeinde. Aus der einst lebendigen Gemeinde beginnt nach westlichem Muster eine Gemeinde mit verwaltetem Service zu werden, "unabhängig" von der "Schimäre Solidargemeinschaft" und von der Unkalkulierbarkeit persönlicher Initiative auf Dauer: Beginn des Verlustes einer bis dahin in dieser Gemeinde lebendigen Leitidee, die auch Überleben in einem feindlichen System ermöglichte.

Nach dieser Einleitung, in der ich beispielhaft auf die Wesensveränderung von Kirche und Gemeinde in den neuen Bundesländern durch kauft bare Bedingungen aufmerksam machen wollte, will ich im folgenden zur Fragwürdigkeit der Kirchensteuer zwei Thesen näher darstellen und begründen:

1.These: Die Kirchensteuer macht die Kirche als Institution unglaubwürdig.

Durch die Verbindung mit staatlicher Bürokratie unterscheidet die Kirche als Institution sich nicht von der ersten: Die Kirchensteuer wird in der Regel mit einem Anteil von 9% der Lohn-oder Einkommensteuer erhoben. Bei Großverdienern wird da schon mal eine Ausnahme in Form einer Sondervereinbarung gemacht. Wenn ich recht informiert bin, liegt die Grenze bei 50.000,- DM Kirchensteuer. Damit wird die Kirche abhängig von der staatlichen Lohn- und Steuerpolitik und vom Wirtschaftswachstum. In diesem Zusammenhang erinnere ich an das Leitwort des Katholikentages von 1964 in Stuttgart, ein Kirchentag in der Aufbruchsstimmung des II. Vaticanums. Mario von Galli wies in einer begeisternden Schlußrede auf den ersten Halbsatz des Mottos aus dem Römerbrief 12,2 hin: "Paßt euch der Welt nicht an, sondern wandelt euch durch ein neues Denken." Widerstandsworte, die gern in Predigten und Verhaltensregeln individualisiert werden, niemals aber bisher, wie es doch notwendig wäre, auch die Strukturen der Kirche als Institution anzielten. Paßt euch der Welt nicht an! Als einzelner bin ich in der Kirche, ob ich will oder nicht, diesem Anpassunssmechanismus ohnmächtig und entmündigt ausgeliefert. Durch die Taufe werde ich in die Kirche als neuer Lebensgemeinschaft hineingeboren. Meine erste Kommunion! Mit dem Beginn meiner Beteiligung an der Erwirtschaftung des Bruttosozialprodukts werde ich über die Lohn- bzw. Einkommensteuer zur Kirchensteuer herangezogen. Eingetrieben wird die Kirchensteuer von den Bundesländern über die Finanzämter. Wer da zu zahlen sich weigert, muß mit Pfändung rechnen. Meinem Arbeitgeber muß ich meine Konfessionszugehörigkeit mitteilen, die auf der Steuerkarte registriert wird. Die Arbeitgeber müssen die Buchungskosten und den Verwaltungsaufwand für den Einbehalt der Kirchensteuer übernehmen, selbst dann, wenn sie mit den Zielen der Kirche nicht übereinstimmen. Aus dieser Vereinnahmen kann ich mich nur lösen, wenn ich meinen Austritt aus der Kirche erkläre, nicht etwa bei der Zentralverwaltung oder meiner Ortsgemeinde, sondern beim Amtsgericht oder beim Standesamt.

Ein weiterer Aspekt, der zum Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche als Institution beitragt: Dieses Kirchensteuersystem, weltweit als Besonderheit nur in der Bundesrepublik und in Österreich anzutreffen, begünstigt immer mehr eine Verselbständigung des kirchlichen Zentralismus und seiner Bürokratie. Die Machtkonzentration auf höheren Leitungsebenen, besonders in der katholischen Kirche, in der sie zudem nur einer bestimmten Kaste von Menschen vorbehalten ist, macht die Gemeinden als Kirche vor Ort von diesen Amtsinhabern und ihrem Verwaltungsapparat abhängig. Das führt auf Gemeindeebene zu einer bittstellerischen/ antragstellenden Demutshaltung sowohl wie andererseits zu einer Spiegelung der zentralen Verwaltungsstrukturen auf Gemeindeebene. Es macht schon einen gewaltigen Unterschied, ob die Menschen einer Gemeinde sich untereinander kennen, sich um ihre Nöte und Freuden kümmern, weil die Mitarbeiter zu diesem der christlichen Botschaft gemäßen Leben anregen, oder ob die meisten - wie es tatsächlich der Fall ist, unbekannt sind, dafür aber wohl sortiert mit Namen in der Kartei stehen, weil die Mitarbeiter mit Verwaltungsaufgaben eingedeckt sind. Man kann fast einen Regelsatz aufstellen: Wo in der Kirche viel investiert und an Einrichtungen verwaltet wird, wird wenig verkündet und gelebt.

2. These: Die Kirche vor Ort als Gemeinde von Glaubenden spiegelt die Verwaltungszentrale. Sie ist eher eine Service-Gemeinde nach dem Motto "Bedienung bitte!" als eine kreative Gemeinde, in der sich die Menschen im Sinne Jesu solidarisieren.

Die Kirche als Gemeinde von Christinnen und Christen ist als Spiegelbild der Verwaltungszentrale eher eine Service-Gemeinde nach dem Motto "Bedienung bitte!", als eine kreative Gemeinde, in der die Botschaft Jesu lebendig ist. Was sind die Sakramente der Taufe und Firmung eigentlich wert, wenn statt der darin ausgedrückten und dem Christen zugesagten Mündigkeit und seiner Teilhabe an einer neuen Lebenswirklichkeit sein Verhältnis zu Gott in der Kirche (in Deutschland) nur an das Zahlen von Kirchensteuern gebunden ist. Es gibt viele Frauen und Männer, die, angesprochen von der Botschaft des Evangeliums und in der Entdeckung ihrer Würde als Getaufte, sich kritisch in der Kirche/Gemeinde engagieren wollen, dies aber nicht können oder dürfen, die psychisch und physisch darunter leiden, daß die Kirche/Gemeinde und sie selbst in der Kirche mehr und mehr ihre Identität verlieren. Um nicht an der berüchtigten "ekklesiogenen Neurose" zu erkranken, treten sie aus der Kirche aus. Nicht selten überweisen sie danach die sonst gezahlten Kirchensteuern und darüber hinaus noch mehr an Einrichtungen, die ihrem Verständnis von Christentum entsprechen. Es gibt sicher auch viele die - aus welchen Gründen auch immer, - schon lange dem Gemeindeleben entfremdet sind und die nun in Zeiten sozialen Druckes aus der Kirche austreten, um wenigstens die Steuern zu sparen. In meiner Gemeinde (nach der Statistik von 1991 leben in ihr 8829 Mitglieder) sind bis zu Jahreshälfte in diesem Jahr schon 40 Mitglieder ausgetreten. Wenn dennoch die meisten Mitglieder meiner Gemeinde, in der sich ca. 13 % am Gemeindeleben beteiligen, in der Regel beschränkt sich dies bei den meisten auf die Teilnahme an den Gottesdiensten, ihre Kirchensteuer einziehen lassen, so scheint dies vielleicht auch eine Vorabeinzahlung zu sein für die Dienstleistung der Rahmengestaltung künftiger wichtiger

Lebensfeste, vielleicht sogar als eine Art Rückversicherung für die Schadensfälle "Krankheit" oder Tod und "was kommt danach?"

Die "Bedienung bitte!" - Mentalität, genährt durch solche Entlastungszahlung qua Kirchensteuer, führt dazu, sich nicht eigentlich von der Botschaft Christi anrühren zu lassen. Durch die Entrichtung dieser ungeliebten Abgabe fühlen sich viele davon befreit, selbst im Sinne Jesu gem. Mt 25 (Endgerichtsgleichnis) oder gem. Apg 4 (Gemeindeleben) sich einzusetzen für Arme, Verachtete oder/und Verrandete. Hier meine ich das individuelle und in der Gemeinde ansteckende Leben der Nachfolge nach den eigenen Möglichkeiten, nicht eine falsche Sehnsucht nach frühchristlicher Gemeinde-Romantik.

Bei aller Einsicht in die Sachzwänge und in die Sachlogik: Kann man damit wirklich für die Kirche Jesu ein solches Steuersystem legitimieren? Steckt dahinter nicht vielmehr ein tief sitzendes Mißtrauen, vielleicht sogar Unglaube der Kirchenleitung, die Botschaft des Evangeliums konnte doch nicht bewirken, daß die Christen ihr Leben in der Nachfolge Jesu gestalten?

Wenn in der Kommunikationstheorie das Axiom gilt, daß jedes Verhalten Botschaft aussendet, dann muß das Verhalten der Kirche ihrer Rede vom Volk-Gottes-unterwegs entsprechen, damit ihre Verkündigung und damit sie selbst als Institution sich nicht als Lüge entlarven. Die Mitglieder des Gottesvolkes-unterwegs sind solidarisch mit allen auf dem gleichen Weg. Sie sollten sich dann auch einsetzen dürfen und können auf allen Ebenen der Kirche mit dem, was sie können und haben, und dies - bitte! - freiwillig."

Heinz-Georg Terbille StD, Recklinghausen