Nachrichten aus der Zukunft

Future Church Nr. 23 / 2065

Man soll doch die Kirche im Dorf lassen!

Was haben unsere Vorfahren nicht alles getan, um diesem altkirchlichen Imperativ zu folgen!

Als aber vor zwei Jahrhunderten zuerst die Arbeiter, dann die Intellektuellen, danach die Frauen und schließlich die Kleriker die Kirchen verließen und sich die Sozialdemokraten weigerten, verfallende Gotteshäuser notdürftig zu sanieren, da war es um die Kirchen geschehen. Nur noch an deutschen Stammtischen hörte man gelegentlich den alten Schlachtruf, man solle doch die Kirche im Dorf lassen!

Tatsache ist, dass viele unserer Kinder bereits ohne den Trost der vertrauten Kirchen und ihrer Türme groß werden mussten.

Hilfe kam vor einigen Jahrzehnten von ganz unerwarteter Seite. Der Ausgangpunkt war eine Katastrophe, der 11.Sept. 2001. Die ganz Alten erinnern sich noch: Ein Anschlag sondergleichen erschütterte die Welt. Die Twin-Towers, noch nach ihrer Zerstörung von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, lagen in Schutt und Asche. Beide Türme des globalen Tempels St. Capital waren nicht mehr. Bis in die Mark war die Welt erschüttert, auf Ground Zero war alle Hoffnung. Woran konnte man überhaupt noch glauben?

Der Glaube an das Geld war aber nicht totzukriegen. Bereits wenige Wochen später - das Gold aus den verschütteten Kellern war noch längst nicht vollständig geborgen -  trauten die Bewohner New Yorks ihren Augen nicht: Die beiden Türme waren wieder da, nein nicht leibhaftig, sondern aus Licht. Riesige Scheinwerfer zauberten phantastische Gebilde in die Nacht, und, von weitem gesehen, glaubten die Beobachter der Skyline: Die Twin-Towers sind da, sie sind auferstanden aus dem Nichts und strahlend schön. In ihrer gleißenden Gestalt erschienen sie sogar noch schöner als die alten. - Was machte es da, dass dieser Glaube die Nacht nicht überstand?

Unsere Kirchenmanager waren wie elektrisiert. Warum sollte man in verfallene Kirchen investieren, wenn man sie einfacher und womöglich sogar glanzvoller wiederauferstehen lassen konnte.

Mit dem ehrgeizigen Projekt „Dome aus Licht“! gelangen technische Meisterleistungen. Nicht nur einfache Türme wurden rekonstruiert. Mit aufwändigen Techniken der Lasersteuerung, Lichtstreuung und Absorption gelang es, sogar kunsthistorische Prototypen zu zaubern. High-Tech-Firmen boten schon bald „Gotische Türme“,  „Barock-Zwiebeltürme“ und „Nordische Backsteinfassaden“ an, und in vielen vom Tourismus geprägten Orten kann man sie bewundern.

Vereinzelt sind Bistümer mit überwiegend ländlicher Struktur dazu übergegangen, ganze Dorf-Kirchen per Lichtshow zu simulieren. So konnte zum Beispiel in weiten Teilen Baden-Württembergs (Oberschwaben) per Ganz-Kirchen-Schein der Eindruck flächendeckender Präsenz wieder gewonnen werden - wenigstens für die Nacht.

„Kölner Dom“,

Beta-Version der Fa. Sacra-Lux

Gesponsert vom Touristik-Ministerium des Landes NRW

Einige Softwareschmieden haben inzwischen hochkomplexe Kirchengebilde im Programm. Wie zu hören ist, sind sie in der Lage, selbst filigrane Bauwerke wie den Kölner Dom zurückzuzaubern, falls dieser einmal verfallen sollte. 

Der Vorwurf, man habe es am Ende doch nur mit faulem Zauber zu tun, irritiert die kirchlichen Manager überhaupt nicht. War doch Ihrer Meinung nach seit Anfang des Jahrhunderts das meiste an kirchlicher Präsenz nur eitel Schein und nicht einmal ein schöner -  und nebenbei gesagt, sehr viel teurer!

P. Kunius

Mai 2002