Nachrichten aus der Zukunft

epd Norddeutschland, 7.Sept. 2003

Nachbetrachtung: Kein Plastik auf dem Kirchentag 2003 

Erinnern Sie sich?

Ein damals völlig unbekannter Action-Künstler platzierte anlässlich des Evangelischen Kirchentages 2001 auf verschiedene Frankfurter Hochhäuser monumentale Christus-Figuren. In Erinnerung geblieben ist den meisten Zeit­genossen wohl das berühmte Motiv "Christus segnet die Deutsche Bank", von der Bank gleichen Namens gesponsert.

Das Vorbild war bekannt: Der Christus von Rio de Janeiro, der bereits seit Jahrzehnten mit wechselndem Wohlgefallen auf das pulsierende Leben dieser südamerikanischen Stadt herabschaut. Das Material: Plastik (mittlere Verrottungsdauer ca. 4000 Jahre). Die Ausmaße: Mit 15 atü bis zu einer Größe von 20 Metern aufblasbar. Christus konnte also auf den kleinen privaten Bankhäusern der Stadt ebenso Platz finden wie auf der Europäischen Zentralbank. Wenn man die Luft rausließ, konnte er zusammengefaltet im Keller der jeweiligen Bank bis zum nächsten Event zwischengelagert werden. Aber auch ein umweltfreundliches Recyclen zu Parkbänken oder Laubtonnen wäre möglich gewesen.  

Natürlich ernteten die Figuren allerlei Spott. In den Klatschspalten der Presse rätselte man, ob der neue Christus sich mehr den Reifen rollenden Michelin-Männchen oder den kreativen Entwürfen des Beate-Uhse-Hauses verdanke. Die abstehenden Ohren schienen den erstgenannten Verdacht zu stützen, das ausdrucksstarke Gemächte eher den zweiten. Das Sex-Haus  verwahrte sich vehement gegen die Unterstellung: Sie nehme es bei der Gestaltung gewisser Kleinigkeiten gerade bei Männern doch ein bisschen genauer.

Von theologischer Seite kritisierten die Wortführer der liberalen Leben-Jesu-Forschung die Plastik in Grund und Boden: Das Fehlen des Mundes gerade bei dem Mann, der nach dem biblischen Zeugnis "Das Wort" genannt werde, der sich offensichtlich weigere, mit eigenen Augen die Welt anzuschauen und kein  Rückgrat besitze, so dass man ihm per Stahlgerüst Halt geben müsse ... Hier mache man aus dem historischen Jesus eine verkündigte Witzfigur.

Man durfte also gespannt sein, ob auf dem diesjährigen Ökumenischen Kirchentag in Berlin die Plastiken wieder auftauchen würden. Schon die Standortfrage gestaltete sich als außerordentlich schwierig. Christus auf dem Reichstag? Der Ältestenrat des Bundestages lehnte es kategorisch ab. Auf dem Bundeskanzleramt? Kanzler Schröders Reaktionen sind in doppelter Version überliefert. Die eine lautete: "Mir steigt keiner aufs Dach, basta!". Die den Bischöfen übermittelte Antwort war nicht minder eindeutig, endete jedoch im Ton etwas versöhnlicher: ".... Leider nein, so wahr mir Gott helfe!"

 

Das endgültige Aus für die Plastik kam überraschenderweise von den katholischen Frauen. In ihren Gemeinden seien inzwischen die feministischen Strömungen so sehr erstarkt, dass man den weiblichen Teilnehmerinnen des Kirchentages solche potenz-aggressiven Mannsbilder einfach nicht mehr zumuten könne.

Bei ihrer Forderung, endlich auch mal attraktive weibliche Figuren aufzustellen, eskalierte der Konflikt. Fundamentalistische Kreise brachten zwar noch zaghaft Maria ins Spiel und schlugen die züchtige Gestalt der Fatima-Madonna vor. 

Die radikalen Frauen blieben jedoch hart: Es gebe wunderbare Darstellungen potenter Frauen, und sie präsentierten gleich eine Fülle eindrucksvoller Beispiele, die meisten davon bereits in der Steinzeit entstanden (siehe Abb. oben).

Der einzige Makel dieser Frauen: Sie hätten es nie zur Ehre der Altäre gebracht.

Der Ausgang des Plastik-Skandals ist bekannt: Um den religionspolitischen Frieden der Hauptstadt und die Eintracht des Kirchentags zu retten, wurde auf religiöse Plastik jeglicher Art verzichtet

P. Kunius

Oktober 2001