Nachrichten aus der Zukunft

Hightec - die Lösung des Schein-Problems !

Allgemeines Sonntagsblatt Nr. 37/ 2001

Papst Johannes Paul II hatte im Frühjahr 1998 der Deutschen Bischofskonferenz die Quadratur des Kreises abverlangt:

Die Bischöfe sollten alles tun, um Frauen im Schwangerschaftskonflikt in ihrer Gewissensnot beizustehen, und gleichzeitig legte er den Bischöfen eindringlich ans Herz, aus der staatlichen Schwangerschaftsberatung auszusteigen.

Der Stein des Anstoßes lag in der Eindeutigkeit des Scheins: Weil er zu nichts anderem zu gebrauchen war als allein zur Vorlage beim Arzt für eine straffreie Abtreibung, witterte der Papst in ihm eine "Lizenz zum Töten".

Lange war es dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Lehmann gelungen, sich um die Entscheidung herumzudrücken. Brief statt Schein? Anruf statt Schein? Wie muß ein Schein beschaffen, damit er kein Schein mehr ist?

Hightec-Spezialisten gelang es, eine Lösung zu finden, an der inzwischen auch die römische Kurie Gefallen gefunden hat:

Alle Schwangerschaftsberatungsstellen setzen ihre Arbeit fort wie bisher. Die Hilfe suchenden Frauen kommen auch in den Genuß des gesetzlich vorgeschriebenen Scheins. Allerdings: Dieser wird nicht mehr von den MitarbeiterInnen der Einrichtung ausgereicht sondern von einem Automaten.

Wegen der besonderen Brisanz des Scheins wird auf die Einzelheiten des Verfahrens entscheidenden Wert gelegt.

Die Eigentumsverhältnisse am Automaten sind klar geregelt. Eigentümerin ist der Staat, genauer, die jeweilige Kommune. Sie sorgt für den ordnungsgemäßen Betrieb (Strom) und die regelmäßige Wartung, ferner dafür, daß immer ausreichend Formularmuster vorhanden sind.

Der Schein-Automat befindet sich außerhalb der Räume der kirchlichen Beratungsstelle. Entweder wird zu diesem Zweck ein weiterer Raum angemietet, für den auch staatlicherseits die Miete zu zahlen ist, oder ein derzeit (noch) zur Beratungsstelle gehöriger Raum wird feierlich zum sog. ex-ekklesialen Territorium erklärt.

Ausgeklügelte Detailsbestimmungen stellen sicher, daß die MitarbeiterInnen der Beratungsstelle zu keinem Zeitpunkt und in keiner der denkbaren Notsituationen auch nur verdachtsweise mit dem Automaten in Berührung kommen.

Die Bischöfe stimmten der "Automatenlösung" erst zu, als Elektroniker versicherten, daß es zwischen der Beratungsstelle und dem Automaten keinen der bisher üblichen Kontakte mehr gebe. Dank moderner Technik sei nur ein einziges, winzig kleines, völlig unsichtbares Funksignal erforderlich. Auf eine Kabelverbindung alten Stils zwischen Beratungsstelle und Automat, die eine materielle Verbundenheit dargestellt hätte, könne also verzichtet werden.

Nach erfolgter Beratung drückt die Leiterin der Einrichtung lediglich auf einen kleinen unscheinbaren Knopf, was den Automaten veranlaßt, ein weißes Blatt Papier für den Ausdruck lediglich bereitzuhalten.

Die Klientin selbst ist es, die nach erfolgter Beratung von außen, per Tastendruck den Automaten in Gang setzt. Erst dessen Software steuert den Ausdruck des anstößigen Scheins. Mit anderen Worten, die Beratungsstelle lädt keine Schuld mehr auf sich. Sie kann von sich sagen, so sehen es die Bischöfe, sie habe nur ein völlig unschuldig-weißes Blatt Papier herausgegeben.

Natürlich trugen die spitzfindigsten unter den formal geschulten Moraltheologen auch gegen diese Lösung noch ihre Bedenken vor: Selbst ein nur Millisekunden dauernder Funkkontakt zwischen der Beraterin und dem Automaten, mag er auch unter energetischen Gesichtspunkten betrachtet fast an der Nachweisbarkeitsschwelle liegen, ließe immer noch den Verdacht auf das Vorliegen einer Cooperatio materialis aufkommen.

Die letzten Bedenken der Bischöfe beseitigte der Justizminister: Nach Rücksprache mit der Vorsitzenden des Bundesverfassungsgerichtes kann bei der Automaten-Lösung die sonst unverzichtbare persönliche Unterschrift der Beraterin unterbleiben. Der Schein erhält Rechtsgültigkeit auch ohne Unterschrift, wie es bei Bankgeschäften üblich ist.

Somit kann sich die katholische Kirche, von der Last des größten Schein-Problems des letzten Jahrhunderts befreit, den Aufgaben des neuen Jahrtausends zuwenden.

P. Kunius