Nachrichten aus der Zukunft

Osservatore Romano, Rom, den 18.Sept. 1999

 Johannes Paul II:

Mit einer „schlanken Kirche" ins Dritte Jahrtausend

Vor einigen Jahren ging ein Bild durch die Presse, das den Papst in trautem Gespräch mit seinem Urahnen zeigte. Ein begnadeter Zeichner offenbarte die beglückende Tiefendimension des Vorgangs, der zugleich viele kirchliche Gemüter erschütterte: Der Papst hatte per Dekret bestätigt, daß Charles Darwin mit seiner Theorie von der Abstammung des Menschen vom Affen der Wahrheit sehr nahe gekommen sei. Mit seiner Unterschrift unter das Dekret, einem Kraftakt sondergleichen, hatte der Papst sich und die ganze Kirche erneut von einer geistigen Altlast befreit und sie für das kommende Jahrtausend fit gemacht.

Für viele Gläubige war dieser Schritt wohl auch deswegen so schockierend, weil sie in der erneuten Abkehr von einer alten Lehre deren eigentlichen Zweck nicht erkannt hatten. Johannes Paul II arbeitet schon seit langem darauf hin, unnötigen Ballast über Bord zu werfen und die Kirche mit der Moderne auszusöhnen. Deshalb war dieser Schritt längst überfällig, denn allenthalben spricht man bereits vom Ende der Post-Moderne, derweil die Kirche noch nicht einmal die Moderne erreicht hat.

Aufmerksame Beobachter der päpstlichen Aufholstrategie erinnerten sich noch lebendig an den ersten spektakulären Schritt in die neue Richtung. Bereits Anfang der Neunziger schloss der Papst seinen Frieden mit der Astronomie und versöhnte sich mit Galileo Galilei. Im damals veröffentlichten Rundschreiben erkannte der Papst dessen Lehre an und forderte alle Katholiken ultimativ auf, ab sofort zu glauben, daß sich die Erde um die Sonne drehe. Dem Entdecker dieser revolutionären Erkenntnis erwies er seine persönliche Reverenz und verzieh ihm seinen hartnäckigen Streit mit der Kirche.

Johannes Paul II will das 20. Jahrhundert allerdings nicht verlassen, ohne auch den letzten Schritt getan zu haben. Über das „Wie" der radikalen Entrümpelung besteht noch Unklarheit. Zwei Namen sind im Gespräch: Marx und Freud, beide innerkirchlich sehr umstritten. Ihre Rehabilitation ist aber gleichermaßen überfällig.

Der Papst schwankt zwischen persönlicher Neigung und objektiver Notwendigkeit. Von der Sache her erscheint es ihm dringlicher, Karl Marx zu rehabilitieren. Kein anderer habe wie dieser schon vor 150 Jahren das Lebensprinzip der Kirche durchschaut: Die ökonomische Basis bestimmt das Bewußtsein, das Geld den Glauben der Kirche. Ihm selbst sei das erst jüngst zur Gewißheit geworden und zwar seit den Skandalen um die Banco Ambrosiano und seinen Freund Kardinal Marcinkus. Ferner werde dies gegenwärtig nirgendwo so dramatisch deutlich wie in der deutschen Kirche! Mit dem Zusammenbruch der finanziellen Basis sei diese geistig völlig aus dem Tritt geraten.

Vermutlich wird der Papst seiner persönlichen Neigung folgen. Sigmund Freud steht ihm sehr nahe. Schon öfter gestand er seiner Umgebung eine gewisse Seelenverwandtschaft zu ihm. Sein Denken kreise, wie man es von Freud her kenne, fortwährend um die Sexualität. Er wisse um die Libido seit seiner frühesten Studentenzeit, und nicht umsonst küsse er heute immer noch mit größter Inbrunst fremde Flughäfen und kleine Kinder.

Wer von den beiden, Marx oder Freud, das Rennen macht, ist offen. Aus Deutschland werden bei allem Wohlwollen für die Idee einer „Lean Church" gegen beide Kandidaten massive Vorbehalte angemeldet. Wenn der Papst sie in den Rang "anonymer Kirchenlehrer" (Karl Rahner) erhebe, werde das zu schweren Turbulenzen führen. Eine Rehabilitation Freud ´s werde Eugen Drewermann auf nahezu unerträgliche Weise aufwerten und automatisch die Auflage seiner Bücher steigern.

Der Friedensschluß mit Marx sei noch viel weniger zu verdauen: Die Befreiungstheolo- gen würden triumphieren und die Basisgemeinden auferstehen. Kardinal Hengsbach´s Lebenswerk stehe auf dem Spiel. War es ihm doch mit Hilfe von Adveniat-Geldern und vielen Millionen aus den Kirchensteuern beinahe gelungen, die Befreiungstheologie zu zerschlagen. Und jetzt sollte Leonardo Boff das letzte Wort behalten?? Unmöglich!!

In gut drei Monaten beginnt das neue Jahrtausend. Dem Papst bleibt nicht mehr lange Zeit, und guter Rat ist teuer.

P.Kunius