Fall Dokumentation

Bistum Augsburg im Konflikt mit dem Ehepaar Rist-Grundner

 

Beginnen wir mit dem letzten Stand der Dinge. Denn der Anfang dieser Geschichte könnte Ihnen, falls Sie die INFOS kennen, vertraut sein. Am 3.10. dieses Jahres schrieb das Ehepaar Veronika und Dr. Werner Rist-Grundner ihrem Diözesanbischof den folgenden Brief:

 

 

Veronika und Dr. Werner Rist Kolpingstraße 14 D-87459 Pfronten Tel. 0049/8363-5989

Diözesanbischof im Schlössl

Dr. Viktor Josef Dammertz A-6682 Vils

Hoher Weg 18 Tel. 0043/5677-8033

86152 Augsburg Pfronten, 03.10.2000

 

Unsere Exkommunikation

 

Sehr geehrter Herr Bischof Dr. Dammertz,

seit nunmehr sieben Jahren versuchen wir, auf gravierende pastorale Mängel in Ihrer Diözese aufmerksam zu machen, wie z.B. die Benachteiligung behinderter Kinder in der Sakramentsvorbereitung, die unterlassene kirchliche Hilfeleistung gegenüber Eltern und Angehörigen bei Totgeburt oder Suizid, sowie die Abwertung des Engagements von Laien als "innerkirchliche Einmischung".

Alle Beispiele, die wir angeführt haben, wurden als Bagatelle abgetan oder überhaupt geleugnet, sogar unsere eigenen Erfahrungen wurden uns von kirchlichen Amtsträgern einfach abgesprochen (z.B. im Schreiben des Hr. OR Josef Heigl vom 24.09.97 an unsere Schwieger/Mutter!).

Die Behandlung, die wir durch die Amtskirche von Augsburg erfahren haben, und noch vielmehr ihr Wegsehen, ihre "Unzuständigkeit" hat dazu geführt, dass wir in Ihrer Diözese keinerlei Heimat mehr hatten. Wir haben uns darum wieder mehr und mehr der Erzdiözese Salzburg‚ aus der meine Frau und unsere Adoptivkinder stammen, zugewandt. Seit diesem Zeitpunkt beteiligen wir uns verstärkt in Salzburg, bzw. in Tirol aktiv am Gemeindeleben, lassen uns im Glauben bestärken, feiern Gottesdienst, führten unser behindertes Kind zusammen mit unserem farbigen Patenkind aus Kolumbien zur Firmung, zahlen dort den Kirchenbeitrag. Wir haben Ihnen dies auch offiziell am 30.08.1996 mitgeteilt.

Diese Form des kirchlichen und spirituellen Auszugs aus der Diözese Augsburg wurde von dortigen Amtsinhabern als "nicht ausreichend" erachtet. Vom Leiter des Kirchensteueramtes, Hr. Spychala, wurden wir im März 1997 aufgefordert, den "Austritt aus der Kirche auf dem Standesamt in Pfronten zu vollziehen". Diese telefonische Aussage hat Hr. Spychala am 20.04.1997 schriftlich bestätigt.

Ende Oktober 1997 wurde ich, Veronika Rist-Grundner, aus der Mitarbeit in der diözesanen Ehe-Familien- und Lebensberatung entlassen. Unsere Vertreibung aus der Kirche wurde also auf allen Ebenen mit Nachdruck betrieben - außer auf der Ebene des Geldes! Unter Androhung der staatlichen Zwangsvollstreckung wurde von uns die doppelte Kirchensteuer gefordert und sogar für Zeiten der Arbeits- und Einkommenslosigkeit wurden uns Steuern vorgeschrieben! -

Nach unserem Empfinden ist

> es ein starkes Stück, aus der Kirche Vertriebenen Steuervorschreibungen nachzusenden;

> die Benachteiligung Behinderter ein Verstoß gegen das Deutsche Grundgesetz, Artikel 3, Absatz 3 sowie gegen die ureigenste Intention Jesu Christi;

> der Mangel an sozialrechtlicher Absicherung von Mitarbeitern ein Verstoß gegen die gewerkschaftlichen Errungenschaften der letzten 100 Jahre, gegen gehendes Sozialrecht und ganz besonders gegen die Soziallehre der katholischen Kirche;

> die Gleichsetzung des standesamtlichen Kirchenaustrittes mit religiöser Abständigkeit, Häresie oder Schisma eine mit dem katholischen Kirchenrecht nicht zu vereinbarende deutsche Praxis;

> der Umgang mit uns zutiefst unchristlich weil lieblos (Kor 13)

Sehr geehrter Herr Bischof Dammertz, da alle unsere bisherigen Bemühungen um einen konstruktiven und einvernehmlichen Weg fehlgeschlagen haben, unser außergerichtliches Vergleichsangebot zur Nachversicherung für 11 Jahre kirchlicher Tätigkeit sowie unser ausdrückliches Versöhnungsangebot vom 7.11.1998 einfach ignoriert worden sind und weder die Interventionen unseres Ortspfarrers Roland Rasser noch die anderer Freunde, ja nicht einmal die Nachfragen des Erzbischof von Salzburg, Dr. Georg Eder, ein Ergebnis gebracht haben, fordern wir heute öffentlich:

1. Nehmen Sie die mit dem erzwungenen Kirchenaustritt verbundene Exkommunikation zurück!

2. Veranlassen Sie die Rückerstattung jener Kirchensteuerbeträge, die wir unter massivem Druck doppelt bezahlt haben (insgesamt DM 2.294,66).

3. Nehmen Sie die (rechnerisch unrichtige und sachlich ungerechtfertigte) Steuervorschreibung für 1998 zurück und verzichten Sie auf weitere Vorschreibungen, auch wenn diese nach staatlichen Gesetzen möglich wären.

4. Verhindern Sie jede weitere ungebührliche Einflussnahme Ihrer Mitarbeiter auf das laufende Sozialgerichtsverfahren.

Mit freundlichen Grüßen, Fam Rist-Grundner

 

Zum besseren Verständnis

Frau Veronika Rist-Grundner, Österreicherin, Jahrgang 52, kann auf eine gediegene kirchliche Vergangenheit zurückblicken. Nach ihrer Mitgliedschaft bei den Wernberger Missionsschwestern und einer anschließenden Theologischen Laienausbildung arbeitete sie u.a. an einem Gemeindeaufbauprojekt der Missionsgesellschaft Bethlehem, Schweiz, in Kolumbien mit. Von dieser Zeit her sagt sie von sich selbst: "Vermutlich sind wir in Südamerika ´verdorben´ worden, als wir in den Basisgemeinden und durch die Theologie der Befreiung einen hohen Anspruch an "Kirche" entwickelt haben."

Von diesen Ansprüchen ließ sie sich auch während einer sechsjährigen Sozialarbeit in Österreich mit berufsbegleitender Ausbildung zur Familientherapeutin und durch ihre Heirat mit dem Kinder- und Jugendarzt und Theologen Dr. Werner Rist nicht herunterhandeln.

In einem Brief vom 11.8.99 an den österreichischen Erzbischof Eder, den sie um Vermittlung und Hilfe baten, stellte sich das Ehepaar so vor:

..... Seit unserer Eheschließung 1983 in Saalfelden leben wir im Allgäu, in der Diözese Augsburg. Wir konnten 3 Kinder adoptieren. Unser zweiter Sohn, Simon, verstarb 1986 den Plötzlichen Säuglingstod. Bei Jakob, unserem Ältesten, stellte sich im Laufe seiner vorschulischen Entwicklung heraus, dass er Wahrnehmungsstörungen, sowie ein Hyperaktivitätssyndrom hat. Eine Einschulung in der Sonderschule für Lernbehinderte in Füssen wurde notwendig. Lediglich unsere Tochter durchlief bisher eine ganz ‘normale‘ Entwicklung, obwohl wir durch die Situation ihrer leiblichen Mutter (psychisch krank) anfangs auch so manche Befürchtung hatten.

Angestoßen durch die schwierigen Erfahrungen mit unseren Kindern engagierten wir uns auch stark für andere Eltern, die zum Teil ‘sprachlos‘ waren und gründeten z.B. mehrere Selbsthilfegruppen für "verwaiste Eltern" und wurden in den Elternbeirat der Sonderschule gewählt...."

 

Zu den Vorfällen im Einzelnen

"Die Sonderschule in Füssen, in die auch unsere beiden Kinder Jakob und Katharina gegangen sind, wurde in der Sakramentsvorbereitung "übersehen", bzw. wurden Sonderschulkinder von den Sakramenten ausgeschlossen.

Bei Suizid eines Kindes verweigerte ein Oberallgäuer Pfarrer nicht nur die kirchliche Beisetzung sondern auch jeden Beistand und Trost für die Angehörigen.

Ein Ostallgäuer Pfarrer brachte in seiner Grabrede die Spinale Muskelerkrankung eines 18-jährigen mit Onanie in Verbindung und zeichnet sich selbst damit nicht nur durch äußerste Unwissenheit aus sondern entehrt auch damit das Ansehen des Verstorbenen.

Im Ostallgäu verweigerte die Kirche den Eltern eines totgeborenen Kindes jeden Beistand mit der Begründung, dass die "Taufe für die Lebenden sei, nicht für die Toten".

Die Caritas Augsburg verweigerte uns jede Unterstützung in der Begleitung Trauernder mit dem Hinweis: "Überlassen Sie das doch den hauptamtlichen kirchlichen Mitarbeitern." Und wie aus internen Beratungsgesprächen bekannt wurde, sieht das Ordinariat eine Aufgabe darin, die "selbsternannten Sterbe- und Trauerbegleiter (gemeint sind konfessionell ungebundene Hospizhelfer) unter Kontrolle zu bringen...." (Brief an das Kath. Kirchensteueramt Augsburg vom 10.10.1996).

Im selben Schreiben kündigt das Ehepaar an, ins Exil zu gehen und ihre kirchliche Heimat in Saalfelden/Österreich zu suchen, nachdem der Antrag, "Kirchensteuer umwidmen" zu dürfen und ebenso der Antrag auf "Steuerverweigerung aus Gewissensgründen" abgelehnt worden waren.

Exkurs

Bezüglich der steuerlichen Aspekte der kirchlichen Umorientierung nach Österreich bestätigt das Finanzamt Füssen, dass es zwischen der Republik Österreich und der Bundesrepublik Deutschland ein zwischenstaatliches Abkommen gebe, das eine Doppelbesteuerung verhindert. Die Kirchensteuerämter Bayerns und die Kirchenbeitragstellen Österreichs waren übereingekommen, dass Katholiken die Kirchensteuer dort einzahlen sollen/dürfen, wo sie ihre überwiegenden Lebensinteressen haben. Diese Regelung gelte allerdings nur für BürgerInnen des Freistaates Bayern (Dokument >BAYRKIST.doc/6.9.95>)

Das Finanzgericht München erklärte im Urteil vom 7.9.98 (AZ: 13K 4716/97), dass diese Übereinkunft keine zwischenstaatliche Anerkennung gefunden habe. Die Existenz einer solchen Abmachung wurde von der Diözese Augsburg am 21.10.97 bestritten. Erzbischof Eder von Salzburg teilte mit, die interdiözesane Vereinbarung sei 1998 einseitig von Bayern widerrufen worden.

Das Ehepaaar Rist-Grundner kam seinen finanziellen Verpflichtungen dem Augsburger Kirchensteueramt gegenüber insofern nach, als es die Beträge für 92 - 97 sowohl beim Katholischen Kirchensteueramt des Bistums Augsburg als auch bei der Kirchenbeitragsstelle Saalfelden einzahlte und sich dies bestätigen ließ.

Die Eskalation

Frau Rist-Grundner erhielt Anfang August 97 vom Leiter der Beratungsstelle die Mitteilung, dass sie über den 1.1.98 hinaus nicht beschäftigt werden könne, wenn die Kirchensteuerangelegenheit nicht geregelt sei. Zitat: "Ein Mindestmaß an Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber muss ich verlangen." Damit endete das Arbeitsverhältnis, und Frau Rist-Grundner folgte der unglaublich zynischen Aufforderung des Bistums Augsburg, aus der Kirche auszutreten.

Die mehr als 14 jährige Beziehung zur diözesanen Einrichtung war allerdings noch nicht beendet. Die EFL hatte keine Sozialabgaben abgeführt, weswegen Frau Rist-Grundner auch kein Arbeitslosengeld beziehen konnte. - Ein Verfahren in dieser Angelegenheit ist noch beim Sozialgericht anhängig.

Frau Rist-Grundner verlagerte ihre berufliche Tätigkeit nach Vils (Österreich) und baute dort eine eigene Praxis für Familientherapie auf. Durch Indiskretion ihres deutschen Heimatpfarrers an den Ortspfarrer in Vils wurde ihre Arbeit schwer beeinträchtigt: Der ´alte´ Pfarrer wollte nicht, dass der ´neue´ "den Fehler begeht und .... womöglich die Kommunion gibt". Von ihren KlientInnen hörte sie, das Pfarrhaus von Vils lasse verlauten, man könne zu Frau Grundner doch "wegen des Kirchenaustritts" keine Patienten schicken.

Der Kirchensteuerbescheid für 1998, am 21.8. 2000 ausgestellt, brachte das Fass zum Überlaufen, siehe oben!

Eine Stimme von außen

Viele haben in der Zwischenzeit versucht, in dem Konflikt zu vermitteln, ohne Erfolg. Auch Roland Rasser, Pfarrer an der Dekanatskirche Saalfelden, gehört zu diesen Vermittlern.

Sein bewegender Brief an den Generalvikar in Augsburg, Herrn Josef Heigl, 24.9.1997

 

Saalfelden, den 24.9.1997

Sehr geehrter Herr Generalvikar

Dass ich mich heute in der Angelegenheit von Veronika Rist-Grundner und Dr. Werner Rist an Sie wende, hat eine langjährig durchlittene Vorgeschichte. die Ihnen, wie ich den Erzählungen von Frau Rist-Grundner entnehme, bekannt sind.

Da die Familie Rist-Grundner mit ihrem Doppelwohnsitz zumindest nominell auch unserer Pfarre angehört, empfinde ich für sie (auch amtlich gesehen) eine seelsorgliche Zuständigkeit - abgesehen davon, dass jeder Mensch mit seinen Nöten bei uns Priestern doch immer wieder Gehör finden soll. In einem ausführlichen Gespräch hat mir Frau Rist-Grundner auch Einsicht in ihren Briefwechsel mit Kirchensteueramt und Ordinariat Ihrer Diözese gewährt, sodass ich mir ein Bild nicht nur aus ihrem subjektiven Blickwinkel machen konnte. Ich habe ihr Anliegen und die Verwicklungen, in die sie damit in Ihrer Diözese geraten ist, lange mit mir herumgetragen und bin nun zu dem Entschluss gekommen, Ihnen zu schreiben. So erlaube ich mir, Ihnen in diesem Brief einige Anmerkungen und Überlegungen aus meiner Sicht darzulegen.

* Ich kenne die Familie Rist-Grundner seit mehr als 10 Jahren als engagierte Katholiken, die sich nicht mit einem bequemen Christentum zufrieden geben und deren Glaubensausrichtung und soziale Einstellung auf dem Anspruch des Evangeliums gewachsen ist. Vor diesem Hintergrund haben sie sich in der auch für den Aufbau von Sterbe- und Trauerbegleitung sowie für eine integrative Erstkommunionvorbereitung mit behinderten Kindern eingesetzt. Dass eine solche Initiative weder aufgegriffen noch zugelassen wurde, ist mir vom seelsorglichen Standpunkt aus unbegreiflich, noch dazu wo sie sich bereit erklärt haben, die Hauptarbeit dabei selbst zu übernehmen.

* Man kann über die ´Steuerverweigerung aus Gewissensgründen‘ geteilter Meinung sein; ich sehe in dieser Aktion einen Notschrei als Reaktion auf immer wieder schmerzlich erfahrene seelsorgliche Missachtung. Wenn wir Auffassungsunterschiede und Interessenskonflikte in Fragen der seelsorglichen Betreuung nur mit dem Hinweis auf steuergesetzliche Regelungen oder gar mit Austrittsaufforderung beantworten können, ohne auf die inhaltlichen Anliegen einzugehen, geht dies am Kernproblem vorbei und zeugt von eklatantem Unverständnis. Denn damit wird die Angelegenheit auf die Ebene des Geldes abgeschoben, die für Fam. Rist-Grundner nie das Hauptproblem war. Ich kann der Familie Rist-Grundner gut nachfühlen, dass sie sich damit noch mehr missverstanden fühlt und bei ihr der Eindruck von Ratlosigkeit und Kälte in der Kirche verstärkt wird.

* Es tut mir weh, die Gefahr herannahen zu sehen, dass wir eine seit Jahrzehnten in der Kirche beheimatete Familie verlieren, nur weil wir infolge menschlicher Verhärtungen und durch unser Eingespannt-Sein in die bürokratische Maschinerie des kirchlichen Apparates konkrete menschliche Nöte nicht mehr wahr- und ernstnehmen können.

Ich bitte und ersuche Sie, Herr Generalvikar, höflichst, alles in Ihrer Möglichkeit Stehende zu tun, um hier eine Verständigung herbeizuführen.

Mit brüderlichem Gruß, Pfarrer Rasser

 

 

Wer das kann

aus der Kirche austreten

die Schatten hinter sich lassen

als wären es Winterkleider

die hellen Gewänder

des Sommers anziehen

mit leichten Schritten einhergehen

schmetterlingsgleich

als wäre die Erde

ein wärmender Stern.

Von der Auferstehung singen

Wer das kann