Clemens Steinhilber, Theologie an staatlichen Universitäten - Relikt oder Modell?
Förderung des freiheitlichen Staatsethos durch integrative Feindpolitik
Duncker & Humblot Berlin 2018, 436 Seiten, Euro 109,90

Es ist ungewöhnlich, dass der Autor einer solchen Publikation seine LeserInnen an den eigenen Themenfindungsbewegungen, S. 25-30,  am Entwicklungsprozess seines Denkens und dessen Umbrüchen, an seinen, wie es selbst sagt, nicht unumstittenen Denkwegen, vgl. S 105, teilnehmen lässt, in der Hoffnung, dass diese ihm dann wohlgesonnener folgen mögen. Die diesem Werk zugrunde liegende, bei der Juristischen Fakultät Heidelberg im Jahr 2016 eingereichten Dissertation, fand sogar bei einem der beiden akademischen Gutachter nicht die Zustimmung sondern machte ein drittes, privat bestelltes Gutachten notwendig.

Dass der Autor nach  Fertigstellung seiner Arbeit, vgl. S. 381f  den LeserInnen noch einmal versichert, große Klarheit über sein Thema und den Weg der Erarbeitung gewonnen zu haben, läßt sich im Text selbst nicht immer erkennen. Auch stilistische Unterschiede im Text geben Anlass zu einer solchen Vermutung.

Zur Fragestellung seiner Arbeit fühlt sich der Autor zunächst durch die Wiederkehr der Religion(en) im allgemeinen gedrängt: Die "´Deprivatisierung´ des Religiösen... bringt zum Ausdruck, dass die ´privatisierte´, gleichsam unsichtbar werdende Religion ... in den letzten zwanzig Jahren ... vehement in den öffentlichen Raum zurückgekehrt" ist und sich in drei distinkten Arenen vollzieht: im Staat, im politischen Diskurs und in der Zivilgesellschaft." S. 33, Fußnote 6. 

Ab dem 2. Teil der Abhandlung rückt vor allem der islamische Fundamentalismus in den Fokus, besonders seit der "massiven Zuwanderung aus dem arabischen Raum", S. 116. Hier bringt der Autor seine auch im Ausland gewonnenen Erfahrungen und Gewährsmänner ein. Er spricht von " signifikante(r) qualitative(r) Gefährdung" , S. 117, von einer "latent gegenwärtigen Kulturkampfsituation", S. 123, einer Auseinandersetzung, in der ganz allgemein der "säkulare Staat" negiert wird. Mit dem Hinweis auf "Salafismus, al-Quaida, Hizbollah, Hamas, IS & Co", S. 166  weitet der Autor das Szenario der weltweiten fundamentalen Bedrohung jeglicher freiheitlichen säkularen Ordnung noch einmal aus. 

Wie kann die freiheitliche säkulare Ordnung auf die Bedrohung reagieren? Im Notfall kann und muss sie den Verfassungsschutz zu Hilfe rufen. Angesichts der engeren Fragestellung dieser Abhandlung heißt dies in eingeschränkter Form: Welche Mittel greifen im Vorfeld? Welches religions- sowie integrationspolitische und staatstheoretische Potential hat z.B. unsere deutsche  staatsuniversitäre Theologie als "Fundamentalismusprophylaxe"  bzw. die "Ernstfallprophylaxe", beides Begriffe und Konzepte der wehrhaften Demokratie" S. 29. 
Dieses Potential der universitären Theologie entfaltet der Autor ausführlich ab S. 255.

"Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass Theologie an staatlichen Universitäten eine erprobte, effektive und freiheitsbewahrende Strategie moderner Gesellschaftsordnungen darstellt, um durch akademisch-theologische Bildung des religiösen Personals ein säkulares, freiheitlich-demokratisches Staatsethos zu fördern. Sie bildet eine integrative Feindpolitik, um religiös-weltanschauliche Konfliktlagen im Rahmen einer säkularen Ordnungskonzeption zu befrieden und die Gefahr des religiösen Fundamentalismus mittel- bis langfristig in freiheitsadäquater Weise zu bannen..." S. 382

Zu diesem Urteil kommt der Autor, ohne zu vergessen, dass hinter den Theologischen Fakultäten religiöse Großorganisationen stehen, die durch Gewährung oder Verweigerung des Nihil obstat bzw. den Entzug der Misso canonica massiv die gepriesene Leistungsfähigkeit von Fakultäten sehr beeinträchtigen können.(vgl. Hans Küng in Tübingen, Gerd Lüdemann in Göttingen und Sven Kalisch in Münster, um nur an die bekanntesten "Fälle" zu erinnern).

Haltern am See, 26.4.2018
Friedrich Halfmann