Achim Pfeiffer, Religion und Politik in den Schriften Papst Benedikt XVI
Die politischen Implikationen von Joseph Ratzinger

Tectum Verlag Marburg 2007, € 29,50

Titel und äußere Gestalt der Publikation sind sehr ansprechend: in Leinen gebunden, mit dunkel gehaltenem Umschlag, Benedikt XVI in lehrender Haltung als Blickfänger. Die Begriffe Religion und Politik im Titel wecken große Hoffnungen in einer Zeit, in der dieses Thema auf allen Tagesordnungen ganz oben steht.

Die Hoffnung wird jedoch enttäuscht. Der Autor grenzt sein Arbeitsfeld stark ein. Nur der Sektor staatlichen, bzw. institutionellen Handelns sollte reflektiert werden. Und in die Analyse konkreter Ereignisse wurden der einfachen Wiedererkennbarkeit dieser Elemente wegen zwei Vorfälle, das römische Verbot der deutschen Schwangerschaftskonfliktberatung und die Ausschaltung der südamerikanischen Theologie der Befreiung einbezogen. Beide Konflikte wurden übrigens definitiv im Pontifikat Johannes Pauls II. entschieden, wobei Kardinal Ratzingers Positionen und Einflussnahmen dabei natürlich nicht unerheblich waren.

Von größerem Gewicht als diese Begrenzung des Untersuchungsfeldes ist die Tatsache, dass der Autor die beiden Ereignisse zu benutzen scheint, um die Denkwelt Ratzingers rund um zentrale (politische) Begriffe wie Toleranz, Gewissen, Politik, Staat und Volk (Gottes) zu skizzieren. Das geschieht allerdings auf eine so kompakte Weise, dass sie dem Leser viel Geduld abfordert. Seitenlang werden aus Ratzingers an sich schon nicht sehr eingängigem Schrifttum ohne Rücksicht auf den Zusammenhang Stichwort-Zitate herausgerissen und aneinander gereiht, vg. S. 29ff, 35 ff 
Leider spielen diese Darlegungen dann in der Konfrontation mit dem aktuellen Konflikt kaum noch eine Rolle. Auch eine auf die konkreten Vorfälle bezogene Herausarbeitung von Implikationen findet nicht statt. Das konstatiert der Autor, vielleicht von ihm gar nicht mal so empfunden, auf Seite 74, selbst. 
Zitat: "Nun stellt sich hier die Frage, wo denn eigentlich die politischen Implikationen Ratzingers im ganzen Problem der Schwangerschaftskonfliktberatung liegen. Zunächst sind die Berührungspunkte nicht gleich zu erkennen, nach weiterem Studium wird jedoch deutlich, dass Ratzinger die Basis, nämlich das Grundgesetz Deutschland, nennt...". S. 74 
Mit anderen Worten, Ratzingers theologische Position spielt offensichtlich keine Rolle mehr. Er bezog sich nämlich vor allem auf das deutsche Grundgesetz.

Der zweite Teil der Darlegungen (Konflikt um die Befreiungstheologie) ist sachlich fundierter und besser gegliedert, bleibt aber hinsichtlich der Erarbeitung von Implikationen ebenfalls hinter den Erwartungen zurück.

Es ist erstaunlich, in einer Diplomarbeit (angenommen im Fachbereich Politikwissenschaften der Uni Duisburg-Essen, 2005) folgendes als abschließendes Ergebnis zu lesen: 
"Wie sieht nun das Gesamtergebnis in bezug auf die Aufgabenstellung aus? Zuerst ist festzustellen, dass in den Werken Joseph Ratzingers tatsächlich politische Implikationen vorhanden sind. Diese Implikationen sollen Anstöße sein, die das gesellschaftliche Leben unter Einbeziehung Gottes zu verbessern ... So soll auch das Christentum als moralischer Wegweiser, sozusagen als Gewissen der Politik, zur Verfügung stehen..." S. 112
Bedurfte diese Erkenntnis einer so aufwändigen Analyse?

Der Autor steht seinem Untersuchungsgegenstand Ratzinger/Benedikt XVI in einer kaum noch zu überbietenden Weise distanzlos gegenüber. Dies ist vor allem im abschließenden, offenbar nach Fertigstellung der Arbeit angefügten Kommentar erkennbar. 

Zitate: "Kritik kann an Ratzingers Ausführungen kaum angebracht werden, da er die eine Wahrheit als Grundlage all seiner Ausführungen verwendet hat, denn wenn man mehr als eine Wahrheit als gegeben sähe, wären ja all diese Wahrheiten relativ. Diese eine Wahrheit stellt sich in der einen Person Jesu Christi dar....Er ist derjenige, der Glaube, Hoffnung und Liebe ist und gibt, von denen die Liebe die größte und wichtigste Gabe ist. Diese Liebe ist gleich Wahrheit, daher ist das Christentum die einzig richtige, die einzig wahre Religion. Dazu noch die toleranteste, denn wie kann eine Religion intolerant sein, in der die Liebe das höchste Gut ist und wiederum das Gute selbst ist." S. 113

"... Daher können wahre Christen aus reiner Logik keine Zweifel an Ratzingers Ausführungen anbringen. Täten sie es trotzdem, entzögen sie sich damit gleichzeitig ihre eigene Glaubensgrundlage. Das wird ganz deutlich bei den Theologen der Befreiung. Sie versuchen Ratzingers Ausführungen zu begegnen, scheitern aber kläglich und stellen sich schließlich dem Primat des Papstes.", S. 114

Mit einer abschließenden Bemerkung entwertet der Autor seine Forschungsergebnisse selbst nahezu vollständig:
Zitat: "... Schließlich noch eine Bemerkung von fundamentaler Bedeutung: Es handelt sich bei Ratzingers Aussagen eigentlich nicht um seine eigene Urheberschaft, sondern lediglich um Klarstellungen auf der Basis des Christentums und der Lehre der Katholischen Kirche, welche sich einer sinninterpretierenden Deutung durch Menschen entziehen..." S. 114

Schade, dass die zuletzt genannte Überzeugung nicht zu Beginn der Arbeit preisgegeben wurde, dann hätte man sich u.U. die Mühsal des Lesens ersparen können.

Friedrich Halfmann