Eva Müller, Gott hat hohe Nebenkosten
Wer wirklich für die Kirchen zahlt

Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2013, TB 14,99 €

Seit neun Jahren leitet Bernadette Knecht einen katholischen Kindergarten in Rauschendorf / Königswinter bei Bonn. Sie ist kompetent, engagiert und beliebt. Aber als ihre Ehe zerbricht und als sie sich neu verliebt, wird sie entlassen. Sie hat gegen die Moralvorstellungen der katholischen Kirche verstoßen. Die Eltern sind entsetzt -  und wütend. Sie wollen ihre Kindergärtnerin behalten und gehen auf die Barrikaden. Dabei machen sie eine erstaunliche Entdeckung: Die Kirche bestimmt, aber sie zahlt nicht - der Kindergarten wird von ihnen selbst, vom Staat finanziert.
Eva Müller erzählt die Geschichte einer Auseinandersetzung, die exemplarisch für die Konflikte zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern in konfessionellen Einrichtungen steht. Anhand weiterer Beispiele aus dem ganzen Land beleuchtet sie Arbeitsbedingungen von Ärzten, Pflegern und Lehrern. Dabei stellt sie fest, dass die Anzahl katholischer und evangelischer Einrichtungen immer weiter steigt, während die Zahl der Kirchenmitglieder immer weiter sinkt. Eva Müller blickt in diesem Buch hinter die Kulissen des zweitgrößten deutschen Arbeitgehers; sie schildert, wie die Kirchen den Markt dominieren, was das für Arbeitnehmer bedeutet und wer den Preis dafür zahlt. Anschaulich, informativ und kritisch: »Gott hat hohe Nebenkosten“ fragt danach, welchen Einfluss die Kirchen heute haben -und welchen sie haben sollen.

Das Buch ist flott geschriebenen, die Fälle, sowohl in der kath. wie in der ev. Kirche, sind genau recherchiert. Die an den Konflikten Beteiligten kommen selbst zu Wort.  Die sehr lesenswerten Dokumentationen sind engagiert erzählt - und das ohne billige Polemik.

Rauschendorf ist überall.

Darum fragt die Autorin am Ende:
„ ... nach der Entscheidung in Rauschendorf .... (bleiben einige) Fragen offen. Fragen, die dort nicht geklärt werden können. Etwa ob ein Staat es sich leisten kann, dass für Hunderttausende »seiner« Beschäftigten wesentliche Errungenschaften der modernen Zeit nicht gelten. Und ob die finanzielle Förderung kirchlicher Sozialeinrichtungen nicht in Zukunft an die Einhaltung grundlegender Arbeits- und sozialrechtlicher Standards geknüpft werden muss.
Dass die Beziehung zwischen Kirche und Gesellschaft neu definiert werden muss, scheint klar. Nur wie? Papst Benedikt XVI. hat auf seiner Deutschland-Reise 2011 gesagt: Die Kirche müsse sich entweltlichen, um ihrem Auftrag besser gerecht zu werden. Seitdem wird innerhalb der Kirche darüber diskutiert, was er damit wohl genau gemeint habe. Die Fälle Rauschendorf, Düsseldorf, Emmerich, Stadthagen, Berlin, Neu-Ulm und viele andere weisen darauf hin, dass die Kirche sich entscheiden muss, wie sie mit der Welt, in der auch all ihre Mitarbeiter leben, umgehen will“ S. 188 f

Haltern am See, 1.1.2013, Friedrich Halfmann