Otwin Massing, Kirchengebundene Religiosität und säkulare Gesellschaft
Studien zu ihrer politischen Psychologie

Grin Verlag Norderstedt 2008, 185 Seiten, € 24,99

 

Dr. Otwin Massing, seit 2002 Prof. em.,  Politikwissenschaftler der Universität Hannover, hat in einem kleinen Sammelband  mehrere Beiträge aus früheren Jahren, die nicht mehr allgemein zugänglich sein dürften, zusammengetragen. Lediglich der letzte Text greift ein Problem der gegenwärtigen Politik auf, den Gottesbezug in der EU-Verfassung. 

Des Autors Werk ist durch ein breites Interessenspektrum auch jenseits der wissenschaftlichen Disziplinenstruktur geprägt. Neben der Soziologie, der Politikwissenschaft und dem Öffentlichen Recht, seinen Studienfächern, richteten sich seine Interessen insbesondere auf die Religionssoziologie, Ökonomie und Psychologie.  In den fünf Beiträgen steht die Frage nach dem Gewicht und der Bedeutung von "Kommunikation" zwischen bzw. in sozialen Gebilden im Vordergrund.

Der Titel lässt nicht unmittelbar erkennen, welch interessante Themen der Autor konkret aufgreift. Zwei kürzeren, eher theorielastigen Texten, folgen zwei längere, die der Frage nachgehen, wie sich Kirche in die Gesellschaft hinein kommuniziert. Der erste analysiert dies am Beispiel des " ... Strukturdilemma(s) konfessioneller (katholischer) Publizistik". Diese Darlegungen zur kirchlichen Presselandschaft im Zeitraum der Gründung der katholischen Wochenzeitung "Publik" (die Anfang 1972 abrupt wieder eingestellt wurde) sind außerordentlich lesenswert und die damals gefällten Wertungen treffen auch heute noch weitgehend zu.

Der andere beschäftigt sich mit dem "image" der Kirchen und enthält "Materialien und Meinungsprofile zur Situation in der Bundesrepublik". Es geht um Einstellungen in der Gesellschaft zur Kirche als Ganzer, zum Klerus, zur Konfessionsschule, Kirchensteuer, zur Ökumene u.v.a.. mehr. Neugierig Gewordene seien daran erinnert, dass diese Beiträge in den frühen 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts abgeschlossen wurden. 

Der Autor lässt immer wieder seine auf  Daten gestützten Einschätzungen einfließen, die seine kirchen-kritische Einstellung erkennen lassen. Seine Ausführungen zur Kirchenfinanzierung z.B. haben nichts an Brisanz verloren hat:

"...Die institutionalisierte Kirche gilt neben dem Fiskus, als einer der reichsten und vermögendsten Bauherren in der Bundesrepublik; es ist jedenfalls eine Kirche der Wohlhabenden, die mit der Kirchensteuer kein Glaubensopfer mehr bringen, sondern sie sich als eine Quasi-Staatssteuer nahezu widerstandslos haben aufoktroyieren lassen. Selbst die kirchlichen "Randsiedler" lassen sich zur Zahlung herbei, weil sie als Sonderabgabe durch Staatsinkasso beigebracht wird. Durch den Automatismus von Gleitklauseln und durch die Koppelung an die Zuwachsrate des Bruttosozialprodukts ist auch den Kirchen die dynamische Steigerung ihrer Einkünfte gewährleistet. 
Zwar geben die meisten Rechtstitel für die staatlichen Millionenzuschüsse beispielsweise zur Pfarrerbesoldung und zur Bistumsdotation auf abzugeltende Ansprüche nach der Säkularisation im frühen 19. Jahrhundert zurück, aber gerade das Insistieren auf deren Rechtsverbindlichkeit bringt die Kirchen, statt sie aus den Bindungen an die staatlichen Instanzen allmählich zu entlassen, in eine intensivere Abhängigkeit von ihnen. Die politisch bedingte Prolongation solcher Wechsel, die keineswegs die Zustimmung der breiten Öffentlichkeit findet, könnte freilich eines Tages in sich zusammenbrechen und als System der kirchlichen Fremdfinanzierung endgültig scheitern. 
Vorerst jedoch und auf absehbare Zeit scheint keine irdische Macht in der Bundesrepublik mächtig genug zu sein, es mit den Kirchen als machtpolitischen Potentialen und unentbehrlichen Integrationsfaktoren verderben zu können. In dieser Situation sind die Kirchen versucht, den bestehenden öffentlichen Konsensus auszunutzen und ihn sich versilbern zu lassen, zumindest sich um die kirchenvertragliche Sicherung des Status quo zu bemühen, "damit ihr Besteuerungsrecht unangetastet bleibe. Bei den Milliardenansätzen an Bau- und Instandhaltungskosten im kirchlichen Bereich, die nicht nur einmalige Ausgaben, sondern vor allem "fortdauernde Aufgaben" nach sich ziehen, wodurch der finanzielle Verfügungs- und Handlungsspielraum der kirchlichen Ämter und Behörden zunehmend eingeschränkt wird, muss sich die Kirche freilich auf ein Ausmaß an Institutionalisierung einlassen, "das sie von steigenden Masseneinkommen ebenso abhängig macht wie von der Bereitschaft der maßgebenden politischen Kräfte, den Status quo nicht anzutasten"  
Es ist nicht allein die direkte Abhängigkeit vom staatlichen Inkasso und vom staatlicherseits garantierten Besteuerungsrecht, das der Kirche zum Verhängnis werden könnte, ihr im öffentlichen Bewusstsein bereits zu einem Handicap geworden ist, es ist vielmehr die Gefahr, dass den Kirchen mit Hilfe ausreichender Dotationen, deren Legitimitätsbasis rechtlich verankert wird, Wohlverhalten gegenüber den staatlichen Instanzen abgekauft wird und dass schließlich das Kirchensteueraufkommen über den Bedarf und die kirchliche Bedarfsplanung selber entscheidet. In Erwartung des dynamisch sich entwickelnden Anteils am Gesamtsteueraufkommen kalkulieren - systemadäquat - die Kirchen mit der Wohlstandsmentalität, die ihren Reichtum garantiert, und deren impliziten Voraussetzungen. Die allzu beharrliche Sorge um ihr irdisches Wohlergehen aber dürfte die Basis für eine effektive seelsorgerische Wirksamkeit nachhaltig zerstören, weil über der institutionellen Absicherung und Verfestigung der eigentliche Sendungsauftrag verloren zu gehen droht. Die perfektionierte staatskirchenähnliche Institution einer organisierten Heilsanstalt jedenfalls vermittelt kaum das Bild einer Kirche, deren Dienst an den Menschen von heute glaubwürdig erscheint. S. 117

Der letzte Beitrag, neueren Datums, setzt sich mit dem Problem Gottes in der EU-Verfassung auseinander. Der Autor skizziert zunächst die lange europäische Tradition, Herrschaft mit der Religion abzusichern und fragt nach der Rolle einer mit religiösen Sprachelementen aufgeladenen Präambel für die EU. Auch hier stellt der Autor das auf die Kirchen und die Gesellschaft gleichermaßen zukommende Dilemma heraus:
 
"... Wie dieser Staatsbegriff, so ist auch der theologische Gottesbegriff,  .... alles andere als eindeutig. Kein Theologe wüsste verbindlich zu sagen, welchen Gottesbegriff sein Glauben eigentlich "meint", schon gar nicht, in welcher Weise er für die Vielen, die in diesem konkreten Staat mehr als nur die Epidermis ihrer bürgerlichen Existenz gefunden zu haben glauben, authentisch, gar obligatorisch gemacht werden könnte, ohne Gewissenszwang auf sie auszuüben. Zwar lässt sich jede Erwähnung des Gottesnamens in der Verfassung (= nominatio dei), erst recht seine inständige Anrufung (= invocatio dei) mit einer bestimmten "intendierten Funktion" in Zusammenhang bringen, was bedeutet, dass die Beschwörung des Gottesnamens allemal als Impulsgeber fungiert, zumindest für diejenigen Adressaten, die der Gottesbezug unmittelbar im Visier hat - in aller Regel die, die ernsthaft an ihn glauben. Mit welcher konkreten Gottesvorstellung jedoch eine derartige Intention rechnen kann und ob sie mit ihr nicht lediglich argumentationsstrategisch jongliert, muss dabei notgedrungen in der Schwebe gläubiger Intransigenz bzw. im Ungefähr multipler individueller Glaubensüberzeugungen bleiben. Wird indes der Gottesbegriff inhaltlich-konkret "gefüllt" sozusagen präzisiert, noch dazu von den ideologisch tonangebenden Werteliten eines Landes, dann geschieht das i.d.R. nach Maßgabe theologischer Vorgaben, die konfessionsspezifisch (vor)geprägt sind. Im westeuropäisch-abendländischen Kulturkreis wird "Gott" nicht zufällig in erster Linie mit Jesus, dem Christus, auf jeden Fall mit Vorstellungen assoziiert, die dem Alten Testament der Juden sowie dem Neuen Testament der Christen entnommen sind. Aber selbst christlich-theologisch "getönte" Gottesbegriffe lassen sich nicht unbedingt über ein und denselben Homogenitätsleisten schlagen: ist Gott, der barmherzige Vater gemeint oder Christus, der Weltenrichter? Karl Barth z.B. hatte die Position bezogen: "Er, der Gott des Evangeliums, ist... weder ein Ding, eine Sache, ein Objekt, noch eine Idee, ein Prinzip, eine Wahrheit oder eine Summe von vielen Wahrheiten oder der personale Exponent von vielen Wahrheiten (...)." Welches Bild, welche Vorstellung sollte sich eine säkulare Staatsverfassung demnach überhaupt von dem "Gott" machen, der es verdiente, ihr eingeschrieben zu werden? Gemodelt nach Modellvorstellungen, die eher einem triumphalistisch getönten "Siegchristentum" auf den Leib geschnitten wären, oder eher nach solchen, die zu einem asketischen, weltflüchtigen Christentum passen würden? Wie auch immer, Gottesbegriffe bzw. religiöse, zumal nichtreligiöse Vorstellungen, die einem anderen Verständnishorizont entstammten, müssten sich von dieser Art christlich-abendländischer Inbesitznahme bzw. Einverleibung prinzipiell ausgeschlossen fühlen. Fungiert Religion indes als sozialer Exklusionsmechanismus, stellt sich sofort - wenn auch zunächst noch in Latenz - die für überwunden gehaltene Bürgerkriegssituation wieder ein, mit der Folge, dass dann wieder der neutrale Staat als Konfessionsstreit-Schlichter gefordert wäre.
Bliebe allerdings der Gottesbegriff hinter dem jüdisch-christlichen Verständnis zurück, würde er inhaltlich gar beliebig "aufgeladen" dann wäre damit dem inneren Frieden einer Gesellschaft zwar möglicherweise eher gedient, der Preis jedoch, der dafür zu zahlen wäre, käme einer Verflachung, auf jeden Fall einer Verkürzung, wenn nicht gar einer vollständigen inhaltlichen Entleerung des Gottesbegriffes gleich, er würde höchstens noch als Platzhalter, bloße Chiffre bzw. Spielejoker fungieren. Oder er würde als Projektionsfläche dienen für beliebige Wünsche, Optionen und Einschätzungen, scharfe und unscharfe, präzise und vage, schließlich als Ablage für die zahllosen enttäuschten Aspirationen, individuelle und kollektive - dies die plausibelste Variante seiner Verdinglichung und Verballhornung.
Die größere Wahrscheinlichkeit auf Verwirklichung indes dürfte dem Versuch beschieden sein, unter dem jeweils Verwendung findenden Gottesbegriff, welcher Provenienz auch immer, eine Moral bürgerlicher Wohlanständigkeit als Konterbande einzuschmuggeln bzw. "Gott" auf Vorstellungen zu reduzieren, wie sie im Umkreis synkretistischer Ethikvorstellungen, etwa des Kulturprotestantismus seit je im Schwange waren, oder wie sie als "Quell-Gott"-Vorstellungen in bürgerlichen Kreisen immer noch gang und gäbe ein dürften (= "Gott" als Quelle des Wahren, Guten, Schönen etc.). Dies die zweite Variante.
Das eigentliche Skandalen, dass "Gott" vermittelt über wohlkalkulierte Marketingstrategien höchst unterschiedlicher gesellschaftlicher Kräfte, in einer säkularen Verfassung als Aushängeschild firmiert, besteht eben darin, dass das Göttlich-Numinose, ein Ineffabile, auf das Maß handfester irdischer Belange gestutzt und vor den Karren innerweltlicher Zwecksetzungen gespannt wird, die immer auch gesellschaftlich bedingte soziale Unrechtsverhältnisse begründen, absichern und kaschieren. Die Beschwörung des Namens Gottes macht die gesellschaftlichen Status-Quo-Verhältnisse sozusagen veränderungsresistent. S. 166

Schade, dass nicht solche Bedenken, sondern ein zufälliges politisches Geschachere um die EU-Verfassung dazu beigetragen hat, "Gott" aus dieser auszuschließen.

Friedrich Halfmann