Klaus-Peter Jörns, Lebensgaben Gottes feiern
Abschied vom Sühnopfermahl: eine neue Liturgie.

GÜTERSLOHER VERLAGSHAUS
1. Auflage 2007, 240 Seiten. 6 s/w., gebunden, € 19.95

 
Mit seinem Buch "Notwendige Abschiede" aus dem Jahr 2004, von dem inzwischen die dritte Auflage vorliegt, hatte Jörns in Kirche und Theologie eine Diskussion in Gang gebracht, wie es sie schon lange nicht mehr gegeben hat.

In diesem Buch macht Jörns sein Anliegen konkret im Blick auf den Gottesdienst und das Abendmahl. Erstmals befragt er die Liturgien der Kirchen von den Vorgaben her, die Jesu Leben und seine Verkündigung für einen christlichen Gottesdienst bedeuten. Seine Analyse kommt zu dem Schluss, dass es im Abendmahl nicht länger um eine Art Opfermahlfeier und die Erinnerung des als Sühnopfer gedeuteten Todes Jesu gehen kann. Christlicher Gottesdienst feiert vielmehr die vielfältigen Lebensgaben Gottes, die wir mit Jesu Leben und den Schöpfungsgaben haben - eine das Fundament berührende Kritik, vorgetragen von einem Pastoraltheologen, der seine Kirche kennt und liebt.

Der Autor versucht den Nachweis, dass die früh(er)en Deutungen des Schicksals Jesu als eines von Gott, seinem Vater, auferlegten und von diesem, wie einem Opferlamm auf sich genommenen Sühnopfers, aus der damaligen Zeit zwar verständlich waren, aber im Kern der Person Jesu und seiner Botschaft nicht gerecht werden/wurden. Noch schärfer: sie stellen einen Rückfall in längst überholte Deutungsmuster dar und verfehlen damit das Eigentliche. Ferner: Mit dem Verständnis Gottes, der seinem Sohn "Gewalt" antut, sei die "heilige" Gewalt weiterhin legitimiert worden, auch die der Kirche selbst: "Wenn er seinen Sohn doch in den Tod gegeben hat, um das Heil der Welt zu schaffen, konnte auch die <heilige christliche Kirche> Gewalt anwenden, wenn sie meinte, damit Heil schaffen zu können", S. 29
Der Autor erblickt beide Großkirchen in Deutschland mit ihren quasi-obrigkeitlichen Funktionen (z.B. Recht, Steuern zu erheben) in dieser Perspektive.

Jörns verweist im Gegenzug auf Johannes, der Jesu letztes Mahl gerade nicht als Sühnopfermahl interpretierte und erblickt in diesem Evangelisten einen Protest gegen die bereits vor ihm entstandenen "Opfertheorien" der ersten drei Evangelien.
Einen Beleg dafür, dass frühe Christen sich wie selbstverständlich auch unter Verzicht einer "Sühnopfer-Interpretation" des Lebens Jesu und seines Todes erinnerten, erblickt der Autor in der Didaché.

Aus dieser Sicht stellt das Buch eine neue Liturgie in unterschiedlichen Variationen vor und bietet erstmals ein kleines Lektionar mit außerbiblischen Lesungen für den Gottesdienst. Ein ausführlicher Begleittext bedenkt Übergänge zu bisherigen Liturgien. -
Ein zugleich provozierender und befreiender Entwurf für ein neues Verständnis christlicher Liturgie

Friedrich Halfmann