Konrad Hilpert (Hg.) Zukunftshorizonte katholischer Sexualethik
Herder Verlag Freiburg im Breisgau 2011, 520 S., 45,00 Euro

 

Das Buch, erschienen in der langen Reihe der "Quaestiones disputatae", hat wie wohl kein zweites zu Recht einen Platz in dieser Reihe erhalten. Anlass zu diesem Werk war das Bekanntwerden der vielen Missbrauchsfälle und die erste Reaktion der deutschsprachigen Moraltheologen bei ihrem Treffen in der ersten Jahreshälfte 2010. "Sie (die Theologen) waren von Anfang an der festen Überzeugung, dass es nicht nur Bemühungen um bessere Richtlinien für den Umgang mit angezeigten Fällen sowie für die Prävention und Rekrutierung des eigenen Personals bedarf,  sondern dass es in einer weiteren, begleitenden und mittelfristigen Anstrengungen darum gehen muss, den ganzen Bereich der Sexualmoral und deren ethischer Reflexion tiefer gehend und substantieller neu zu denken. Die Moraltheologie muss sich hierbei offener den Erkenntnissen der Humanwissenschaften und energischer den erheblichen Veränderungen im Selbstverständnis der Menschen, in der Beziehungswirklichkeit und in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ... stellen. S. 9. Der Herausgeber hat 28 TheologInnen beieinander gebracht, die dies schon seit einiger Zeit getan haben. Unter ihnen befinden sich leider nur vier Frauen und, noch einmal leider keine aus der Feministischen Theologie.

Im Mittelpunkt stehen natürlich die ´alten Probleme´ wie verantwortete Elternschaft, Wiederverheiratung nach Scheidung, Homosexualität, Sexualität und Behinderung, Transsexualität, Sexualität und AIDS. Diesen Themen voraus schickt der Herausgeber einige `Grundlegende Aspekte`, wie Reflexionen zum Verhältnis von Sexualität und Liebe und zur Bedeutung von Sexualität für die menschliche Identität und schließt mit einigen Konsequenzen, die sich aus allem ergeben könnten.

"Im metaphorischen Begriff ´Zukunftshorizonte´ des Titels ist ... (die) programmatische Absicht zum Ausdruck gebracht: "Es soll ganz bewusst und experimentell über die kirchliche Lehre, wie sie bis in die jüngste Zeit immer wieder formuliert und festgeschrieben wurde, hinaus weiter gedacht werden. ... dabei wird es nicht um eine Antizipation fertiger Ergebnisse oder die Festlegung der Schritte auf dem Weg zu bestimmten Positionen gehen, sondern um ein Weiterdenken, um ein problemsensibles Suchen, um ein Imaginieren, welche Themenfelder aufgegriffen werden müssten, und um ein Vermessen, welche Richtung die Entwicklung nehmen könnte". S. 10

Am Ende dieser Publikation, deren unterschiedliche Beträge man nur mit großem Gewinn lesen kann, nennt der Autor dann doch einige Aspekte ganz konkret. "... die folgenden Punkte erweisen sich als entwicklungsbedürftig: Die ausschließliche Ehebezogenheit, die Verbotsmoral, die Ausrichtung auf Fortpflanzung, die Vernachlässigung der Verletzungsmöglichkeiten innerhalb der Ehe, die Verallgemeinerungen und Idealisierungen, die Fixierung auf konkrete Regeln und Anweisungen" vgl. S.492 ff

Für manche mag das Fazit des Herausgebers dürftig erscheinen, für viele ist es ein befreiender Blick auf den "Zukunftshorizont": "Was eine erneuerte Sexualmoral mit der tradierten gemeinsam hat, ist die Absicht, Hilfe zur Realisierung einer Zielvorstellung zu geben, die tiefen Sehnsüchten des Menschen entspricht: der Sehnsucht, vertrauen zu dürfen und ganz angenommen zu werden, der Sehnsucht nach Dauer und Verlässlichkeit, dem Wunsch nach Vorbehaltlosigkeit und Endgültigkeit, der Sehnsucht, gemeinsam mit dem Partner kreativ etwas Neues schaffen und der Welt überlassen zu wollen, sozusagen ein Stück Zukunft", S. 497

Haltern am See, den 28.9.2011

Friedrich Halfmann