Gerald Gruber, ACTU FORMALI AB ECCLESIA CATHOLICA DEFICERE
Zur Problematik des vor staatlicher Stelle vollzogenen Kirchenaustritts
vor dem Hintergrund des Zirkularschreibens des Päpstlichen Rates
für die Gesetzestexte vom 13.März 2006
und der Erklärung der Österreichischen Bischofskonferenz
zum Kirchenaustritt vom März 2007

verlag nova & vetera, Bonn, 2008, 344 S., 36,00 Euro

 

Die Thematik des Kirchenaustritts zählt zu den sogenannten "heißen Eisen" und wird unter den verschiedensten Gesichtspunkten diskutiert. Die vorliegende Arbeit, eine 2009 an der Katholischen Péter-Pázmany-Universität in Budapest eingereichte Promotionsschrift, greift einen zentralen Satz des am 13.3.2006 veröffentlichten Zirkularschreibens des Päpstlichen Rates für Gesetzestexte (PCI) auf.

Der Autor teilt die Auffassung einer wachsenden Zahl von Kirchenrechtlern, dass "... das jüngste Zirkularschreiben des PCI ... nicht mehr ohne weiteres die Identifikation des Tatbestandes des Formalaktes der Trennung von der katholischen Kirche mit dem vor einer staatlichen Behörde erklärten Kirchenaustritt zu" -lasse. Einleitung S. 3

Obwohl die Klarstellungen bezüglich des kirchenrechtlichen Faktums des Formalaktes ursprünglich (nur) Streitfragen im kath. Eherecht beenden sollten, eröffneten sie vor allem in Österreich und in Deutschland über diesen Bereich hinaus in ganz unterschiedliche Richtungen zum Teil heftige Debatten, unter anderem auch hinsichtlich der staatlichen Kirchensteuerpraxis.

Der Autor geht auf umfassende Weise auf die eherechtlich-kanonistischen Aspekte ein, auch auf bereits länger zurückliegende Anfragen zu diesem Thema in Rom, erörtert aber auch neu aufgeworfene staatskirchenrechtliche Fragen, ferner die möglichen dogmatisch-theologischen Konsequenzen bezüglich Taufe und Kirchenmitgliedschaft und nicht zuletzt die unterschiedlichen pastoralen Reaktionen vor allem in Österreich. 
Die Antwort der deutschen Bischofskonferenz wird zwar auch angeführt. Deren Anti-Position zum Zirkularschreiben bleibt leider nahezu unberücksichtigt.
Ausdrücklich bemerkt der Autor, dass er seine sehr umfangreiche Arbeit gewissermaßen nur als Sachstandsbericht, als vorläufigen Abschluss der vorgestellten Diskussion versteht. Es sei seiner Meinung zu erwarten, "...dass sich sowohl die Wissenschaft als auch der Gesetzgeber in nächster Zukunft mit der Thematik weiter befassen" werde. (Einleitung S. 3) Dies sei umso notwendiger, weil, wie vor allem österreichische Offiziale bereits jetzt feststellten, "...dogmatische und sakramententheologische Absurdität (en) ersten Ranges" die konkrete pastorale und kirchenrechtliche Arbeit erheblich belasten würden.

Auf ein von manchen Autoren erwähntes pikante Details sei noch verwiesen: Ein ziviler Kirchenaustritt kann erst dann auch im binnenkirchlichen Bereich seine volle strafwürdige Wirkung entfalten, wenn die Trennung von der Kirche vor einem kirchlichen Repräsentanten laut dokumentiert und von diesem ausdrücklich angenommen werde. Die kirchlichen Repräsentanten, nach mancher Lesart der Ortsordinarius, nach anderer lediglich der Pfarrer, wirkten also aktiv an der Vollendung des Delikts mit, würden zu Kooperatoren der mit der Exkommunikation sanktionierten Straftat. S.315

Die Parallele im Hinblick auf den von Rom erzwungenen Ausstieg aus der Schwangerschaftskonfliktberatung in Deutschland liegt auf der Hand. Der Ausstieg war seinerzeit erzwungen worden, weil die kath. Kirche nicht in den Verdacht geraten sollte, durch die Ausstellung des Beratungsscheins an einem strafwürdigen Delikt mitzuwirken. 
Dem Vatikan scheint diese Parallele bisher entgangen zu sein.

Die sehr informative und gut lesbare Abhandlung leidet darunter, dass der Autor seine eigene Position nur selten erkennen lässt und sich mit der Entfaltung der Probleme allein zufrieden gibt. Möglicherweise ist seine Zurückhaltung aber auch gut begründet: Eine allzu deutliche (kritische) Positionierung eines jungen Wissenschaftlers kann für eine spätere Karriere im kirchlichen Betrieb durchaus hinderlich sein.

Haltern am See, den 10.10.2009