Thomas Großbölting, Der verlorene Himmel
Glaube in Deutschland seit 1945
Göttingen 2013
Vandenhoek & Ruprecht, 320 S. 29,99 €

 

Thomas Großbölting, aktiv beteiligt am Münsteraner Cluster "Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne", legt mit diesem Band eine erste zeithistorische Überblicksstudie vor, eine sehr umfassende und außerordentlich lesenswerte Erkundung des religiösen Feldes in Deutschland.

Die Erkundung ist angetrieben vom Erstaunen über eine grundstürzende Entwicklung: Während sich die Christianisierung über Jahrhunderte erstreckte, zerbrach diese Form in nur wenigen Jahrzehnten. Der Bruch des christlichen Weltbildes, der Kirchenbindung und der Verbindlichkeit der Moralvorstellungen erfolgte unwiederbringlich in den 60/70er Jahren. Dies zeichnete sich zwar bereits in den beiden Jahrzenten davor ab, wurde aber kaschiert vom euphorischen Impetus einer Rechristianisierungs-Ideologie der Kirchen nach der Nazi-Kathastrophe. Vor allem die katholische Kirche präsentierte sich als die vermeintlich einzige noch verbliebene moralische Autorität in all den Trümmern ringsum.

Das Staunen über den vergleichsweise raschen Wandel wird nach Meinung des Autors erst dann produktiv, wenn man sich mit den bisher gegebenen Erklärungsversuchen nicht zufrieden gibt. "Säkularisierung lautete die Zauberformel zur Erklärung des religiösen Wandels seit den 1970er Jahren. Vielen Vertretern der Gesellschaftswissenschaften galt Religiosität lange Zeit als Relikt, welches mit der Modernisierung zwangsläufig, geradezu naturwüchsig abflachen und letztlich verschwinden werde. Diese Theorie ist in ihrer schlichteren Fassung nicht nur durch die Entwicklung in vier Fünfteln der Welt widerlegt. Zudem zeigt sie sich nicht in der Lage, die komplexe Situation von Religion in Westeuropa und in Deutschland zu beschreiben." S.14. Sein Fazit: "Säkularisierung bringt neue Religiosität hervor, wenn auch in anderer Gestalt und in anderen Maßen." S. 15 Benötigt werden nach Meiung der Autors "... Modelle mit mehreren Variablen, die es erlauben, Religiosität jenseits formeller Mitgliedschaft in religiösen Organisationen analytisch zu fassen. Gefragt ist ein methodischer Ansatz, der den Glauben außerhalb der religiösen Organisationen (›believing without belonging‹) ebenso in den Blick nimmt wie die vielen Kirchenmitglieder, die eher der Gewohnheit folgen, als einem persönlichen Glauben nachzugehen (›belonging without believing‹,Grace Davie)." S. 15

In gut lesbarer Form stellt der Autor den Wandel der religiöse Landschaft Deutschlands ab 1945 dar, den die Kirchen allerdings nicht nur als Opfer erlebten, sondern auch selber vorantrieben. Der Schwerpunkt liegt auf dem Territorium der alten BRD, die ehemalige DDR erscheint unterbelichtet, die Wandlungen im katholischen Bereich sind umfangreicher und kräftiger zkizziert als die der EKD, die Freikirchen bleiben fast völlig außen vor, die Ankunft des Islam und das Wiedererstarken der jüdischen Gemeinden in Deutschland sind gut in die Darstellung einbezogen. Das Phänomen der zunehmenden Konfessionslosigkeit jedoch wird vielfach benannt, kann aber vermutlich mit diesem Instrumentarium nicht zureichend erforscht werden.

Alle an den gesellschaftlichen Entwicklungen Interessierten werden dieses Buch mit großem Gewinn lesen. Ältere Katholiken können die lebendig skizzierten Phasen des Abbaus der alten kirchlichen Konstruktionen noch einmal nacherleben. Sie werden aber auch erstaunt feststellen, dass der Autor bei aller großen Detailskenntnis bezüglich der katholischen Szene verschiedene "Gegenströmungen" nicht wahrgenommen hat. So kennt er wohl den Untergang von "Publik", aber nicht den aus diesem Abbruch hervorgegangenen Aufbruch von "Publik-Forum", er erwähnt nicht (den heute allerdings nicht mehr existierenden) "Bensberger Kreis" und dessen gesellschaftpolitisch-kirchliche Gegenwehr in den 60/70er, er kennt nicht die vielen "Priester- und Solidaritätsgruppen,", z.B. den "Freckenhorster Kreis" im Bistum Münster. Vermutlich schätzt er die Emanzipationsschübe zu gering ein, die sich unter den Katholiken abgespielt haben als Reaktion auf die Abqualifizierung von geachteten Theologen durch die Kirchenleitung, z.B. Hans Küng, Eugen Drewermann und Hubertus Halbfas, um nur einige zu nennen. Ferner ist noch nicht erforscht, welche Auswirkungen die Laisierungswellen zwischen 1970 und 1990 hatten: In der Regel hochqualifizierte und vor allem engagierte Priester suchten und fanden nach der Amtsniederlegung einen neuen Arbeitsplatz in den Schulen, Volkshochschulen und Verlagen, in den Redaktionen von Rundfunk und Fernsehen. Häufig trat erst durch sie eine andere Theologie in die breite Öffentlichkeit. Die knappe Bemerkung des Autors zur Befreiungstheologie: "Die Begeisterung für die Theologie der Befreiung blieb indes ein ›Hype‹, der im Laufe der 1980er Jahre deutlich abkühlte", S 175, blendet aus, dass die römische Zentrale einen gnadenlosen Kampf gegen die Befreiungstheologie führte und die maßgeblichen Theologen mundtot machte. Der Essener Bischof Kardinal Hengsbach versuchte sogar mit Geldern aus der kirchlichen Adveniat-Sammlung diese Theologie in Südamerika abzuwürgen. Zum Glück nicht völlig. - Auch wäre interessant zu wissen, wie der Autor die Inititiative "Wir sind Kirche" und die seit 1995 aktive "Kirchenvolksbewegung" einordnen würde.
Die im letzten Abschnitt angeführten Hinweise schmälern aber nicht den großen Wurf dieser Publikation insgesamt.

Das differenzierte, hochinteressante Fazit der Studie ab S. 229 geht über den rein analytischen Ansatz hinaus und reflektiert die Konsequenzen, die sich aus dem bisher Dargelegten ergeben könnten bzw. müssten, Konsequenzen für das Zusammenleben der Gesellschaft insgesamt, für das alte Staat-Kirche Verhältnis, für die politischen Akteure und Parteien sowie für die Religionsführer.

Ein umfangreiches Litereraturverzeichnis rundet die Publikation ab.

Haltern am See, den 30. Sept. 2013
Friedrich Halfmann