Carsten Frerk, Violettbuch Kirchenfinanzen
Wie der Staat die Kirchen finanziert
Alibri Verlag Aschaffenburg 2010, 269 Seiten, € 16,00

 

Der Autor, Chefredakteur des Humanistischen Pressedienstes (hpd.de), gilt als nichtkirchlicher Fachmann in Sachen Finanzen der Kirchen. Dieses Buch ist nach "Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland" und "Caritas und Diakonie in Deutschland" die dritte Publikation, die diese Thematik in die Öffentlichkeit trägt.

Es gibt kaum ein anderes Thema, das im Alltag so allgegenwärtig ist und über das gleichzeitig so wenige Bescheid wissen, wie die bestehenden finanziellen Verflechtungen von Kirche und Staat in Deutschland. Das ist jedoch nicht verwunderlich, da das Thema weit verzweigte Dimensionen hat, die nicht leicht zu durchschauen sind. Zudem werden die finanziellen Transfers weder vom Staat noch von den Kirchen thematisiert

Obwohl die beiden großen christlichen Kirchen heute nur noch weniger als zwei Drittel der Bevölkerung organisieren, werden viele ihrer Aktivitäten und Interessen durch die öffentliche Hand finanziert. Und das betrifft keineswegs nur Krankenhäuser oder Sozialstationen, die von der Allgemeinheit in Anspruch genommen werden können. Ob Bischofsgehälter, die Ausbildung kirchlichen Personals oder Missionswerke - konfessionslose und andersgläubige Bürgerinnen und Bürger zahlen alle kräftig mit.

Carsten Frerk gibt einen systematischen Überblick, zu welchen Gelegenheiten der Staat von den Kirchen zur Kasse gebeten wird. Er problematisiert versteckte Begünstigungen wie die steuerliche Absetzbarkeit der Kirchensteuer, erläutert die rechtliche und historische Fragwürdigkeit der so genannten Staatsleistungen und stellt die Frage, warum die Allgemeinheit soziale Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft bezuschusst, obwohl dort die Arbeitnehmerrechte weitgehend außer Kraft gesetzt sind. Dabei geht es nicht um Kleinigkeiten: Die Zuwendungen der öffentlichen Hand an die Kirchen übersteigen deren Einnahmen aus der Kirchensteuer bei weitem. Und da die Kirchen steuerbefreit sind, tragen sie nichts zur Finanzierung der gesellschaftlichen Infrastruktur bei, von der sie profitieren.

Diese Arbeit erscheint zudem in einer Zeit, in der die Debatten um die Einsparungen im Bundeshaushalt und die beginnenden Diskussionen zu den Gemeindefinanzen Emotionen aufwühlen. Vielleicht wird bei diesen Fragen auch das Bewusstsein dafür geschärft, welche Akteure den Staat schon seit langem zur Kasse bitten

Dieses Buch hat einen Vorgänger: das Sachbuch "Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland" erschienen im Januar 2002. Über die Jahre wurde es immer drängender, die Zahlenangaben zu aktualisieren. Das vorliegende Violettbuch ist nicht einfach die Aktualisierung dieses umfangreichen, als Standardwerk bezeichneten Buches. Es konzentriert sich auf jene Finanzaspekte, die sich aus der ungelösten Trennung von Staat und Kirche in Deutschland ergeben. Manchmal schreibt Carsten Frerk sehr detailreich, andere Male eher skizzenhaft. Das Buch ist trotz seiner unglaublichen Fülle an Fakten gut lesbar.

Der Autor nennt sein Werk ausdrücklich Violettbuch, da es weder ein Schwarzbuch noch ein Weißbuch sein, sondern ein realistisches Bild der Kirchen zeichnen solle.
Dass "Violett" innerkirchlich die liturgische Farbe der Buße und des Fastens sei, wolle er durchaus als einen Fingerzeig mit Blick sowohl auf Staat als auch Kirchen verstanden wissen.

Friedrich Halfmann