Birgit-Sara Fabianek / Thomas Seiterich 
Und vergib uns unsere Schulden - Die Finanzpolitik der katholischen Kirche und ihre Geheimnisse

Publik Forum Buch, 285 Seiten, Oberursel 2006 14,90 Euro

Die beiden AutorInnen, beide bei Publik Forum beschäftigt, thematisieren die wirkliche bzw. behauptete Finanznot der katholischen Kirche auf dem Hintergrund der gegenwärtigen Praxis vieler (Erz-)Bistümer, die kirchliche Landschaft neu zu gestalten.

Das Buch informiert über die faktische Finanzsituation und die beängstigend gleichlautenden Rückwärtsstrategien der Kirchenbehörden: Laientheologen werden ausgesondert, die alte Klerus-Kirche neu etabliert, Demokratieansätze zurückgedrängt und ungeliebte soziale / kulturelle Aktivitäten beendet . Den Spitzen der Kirchenverwaltung wird noch mehr Macht zuschanzt - die kirchliche Variante einer Umverteilung von unten nach oben. Aufgezeigt wird dies ausführlicher an den beiden Bistümern Aachen und Essen. 
Merkwürdig nur, dass ein weiterer Fall/Typ des kirchlichen Finanzzusammenbruchs, der des Erzbistums Berlin, nicht gleichermaßen in die Analyse einbezogen wurde.

Aufgelockert wird das gut lesbare Buch durch mehrere Interviews auch mit Fachleuten, die die kirchliche Situation von außen beobachten (Carsten Frerk, Politologe und Publizist, Renate Richter, Fachreferentin bei ver.di, Gernot Mittler, ehem. Finanzminister Rheinl.-Pfalz.) Es  kommen allerdings keine der vielen kritischen Stimmen aus binnenkirchlicher Sicht zu Wort, ja diese werden nicht einmal erwähnt..

Der Titel des Buches selbst bleibt auch nach der Lektüre erklärungsbedürftig, der reißerische Untertitel führt sogar eher in die Irre. Das vermutlich einzige publik gemachte "Geheimnis" der katholischen Finanzpolitik scheint in der Mitteilung zu liegen, dass es "Einnahmen und Vermögen des sog. Bischöflichen Stuhls" gebe. Belegt wird diese Behauptung allerdings nicht, auch nicht, ob alle Bistümer über einen solchen Schatz verfügen und wie groß dieser wohl ist.

Das aus lebendigem kirchlichen Engagement geschriebene Buch zielt auf das an der Kirchenbasis aktive Publikum. Seine Appelle an "die Kirche", Änderungen herbeizuführen, bleiben jedoch diffus, weil mal die einzelne Pfarrei, mal das Bistum, mal die Weltkirche gemeint ist. Der Abschnitt "Was tun?" lässt die LeserInnen vollends ratlos zurück: Es wird empfohlen: "Visionen gemeinsam zu entwickeln". Konkrete Handlungsperspektiven oder auch nur kleine Schritte werden nicht reflektiert. Am Mut, wirklich einschneidende Handlungsstrategien vorzuschlagen oder bereits bekannte klar zu unterstützen, hat es den ansonsten couragierten Publik Forum - Redaktionsmitgliedern offensichtlich gefehlt.

Vielleicht hätten sie nur einmal genauer hinschauen sollen, was inzwischen einfache Gemeindemitglieder z.B. im Bistum Essen hinsichtlich der Finanzen tun: sie gründen gemeinnützige Vereine, damit Spendengelder in der eigenen, bald abgewickelten Pfarrei bleiben und nicht "wegfließen", sie sichern die manchmal wertvollen Grundstücke, über die sie bald nicht mehr verfügen dürfen, Kirchenvorstände stellen sich quer und berufen sich auf ihr bis jetzt nahezu unbekanntes Recht des Widerstandes, wenn das Bistum auf Pfarreivermögen zugreifen will. An manchen Stellen flammt bisher nicht gekannte Wut auf über die Gutsherrenart mancher Kirchenfürsten.
Demokratie bedeutet auch, dass Menschen über ihr Geld selbst bestimmen. Und dass die bischöfliche Finanzverwaltung freiwillig das Geld der Kirchenmitglieder aus der Hand gibt, wird man getrost auf das Konto von "Visionen" verbuchen dürfen.

Juni 2006, Friedrich Halfmann