Georg Bier, Hg. Der Kirchenaustritt
Rechtliches Problem und pastorale Herausforderung
Herder, Freiburg im Breisgau 2013, 286 S., 14,99 €

 

Die Einleitung zu dieser Publikation könnte man mit einer Speisekarte vergleichen, die schon im Vorfeld zum Appetit anregen soll/will. Darum soll sie für diesen sehr lesenswerten Band werben:

 "Der Kirchenaustritt gerät aus unterschiedlichen Gründen, aber mit großer Regelmäßigkeit ins Blickfeld der kirchlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit und bewegt die Gemüter. Diskutiert wird der Bedeutungsverlust der großen Volkskirchen, der aus den seit Jahren hohen Austrittszahlen abgeleitet wird; gefragt wird nach den Gründen für diese Entwicklung und nach möglichen Gegenmaßnahmen. Es wird darüber gestritten, ob es sachgerecht ist, wenn Mitarbeiter im kirchlichen Dienst ihren Arbeitsplatz verlieren, "nur" weil sie aus der Kirche ausgetreten sind. Kirchenkritische Kreise werben offen für den Kirchenaustritt; auch kirchliche Gruppierungen propagieren ihn neuerdings als Instrument zur Durchsetzung eigener Interessen. Einen besonderen Schub bekam die Debatte um den Kirchenaustritt im Juli 2007. Damals erklärte der emeritierte Kirchenrechtsprofessor Hartmut Zapp auf dem Standesamt seines Wohnortes den "Kirchenaustritt". Anschließend teilte er in einem Schreiben an den zuständigen Diözesanbischof und in Interviews mit, er habe nicht die Absicht gehabt, die Glaubensgemeinschaft der katholischen Kirche zu verlassen und betrachte sich weiter als zur Kirche gehörig. Ein "Austritt", der keiner ist - ein unlösbarer Widerspruch? ... "S. 9

"Im Kern geht es bei dieser Auseinandersetzung um zwei Fragen: In welchem rechtlichen Verhältnis stehen Körperschaft und Glaubensgemeinschaft zueinander? Und wie wirkt sich der Austritt aus der Körperschaft nach kirchlichem Verständnis auf die Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft aus? Die Beiträge des vorliegenden Bandes informieren über die Hintergründe der Fragestellung, entfalten die in der Debatte vertretenen Positionen und bieten Orientierungs- und Argumentationshilfen. Es kommen Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher und bisweilen gegensätzlicher Standpunkte zu Wort, damit sich Leserinnen und Leser ein fundiertes eigenes Urteil zu der komplexen Problematik bilden können. Auch ein Repräsentant der DBK wurde eingeladen, einen Beitrag zu diesem Band zu verfassen; er sagte jedoch aus Zeitgründen ab.

Im ersten Teil des Bandes sind die Texte dokumentiert, die für die Diskussion von grundlegender Bedeutung sind und auf die in den meisten Beiträgen Bezug genommen wird: Das Rundschreiben des Päpstlichen Rates für die Gesetzestexte vom März 2006, die Erklärung des Ständigen Rates der DBK vom April desselben Jahres, das am 24. September 2012 in Kraft getretene Allgemeinen Dekret der DBK und das zwei Tage später ergangene Urteil des Bundesverwaltungsgerichts im Fall Zapp. Das Pastorale Schreiben, das dem Allgemeinen Dekret als Anlage beigefügt ist, wurde nach Redaktionsschluss dieses Bandes vom Ständigen Rat der DBK in einer überarbeiteten Fassung vorgelegt. Sie konnte für die vorliegende Publikation nicht mehr berücksichtigt werden, ist aber über die Amtsblätter deutscher (Erz-)Diözesen sowie online (z.B. http://www.ordinariat- freiburg.de/fileadmin/gemeinsam/amtsblatt/abll 3_15.pdf) zugänglich. In den Diskussionsbeiträgen geht es zunächst um zentrale Grundfragen. Rene Löffler skizziert die historische Entwicklung des Kirchenaustritts, Michael N. Ebertz, Monika Eberhardt und Anna Lang analysieren aus religionssoziologischer Perspektive "Austritts"-Motive, Elke Pahud de Mortanges formuliert theologisch-systematische Erwägungen zum "Kirchenaustritt". Eine zweite Gruppe von Beitragen befasst sich mit dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts. Die Jurist(inn)en Martin Löhnig, Mareike Preisner und Stefan Muckel kommentieren es aus wissenschaftlicher Perspektive, Michael Himmelsbach nimmt aus Sicht der Erzdiözese Freiburg Stellung. Er befasst sich außerdem mit dem Allgemeinen Dekret der DBK, das im Mittelpunkt der Beiträge von Stephan Haering, Georg Bier und Norbert Lüdecke steht. Aufschlussreich ist der Blick über den deutschen bzw. katholischen Tellerrand. Das von Martin Grichting vorgestellte "Churer Modell" bietet eine interessante Alternative zum DBK-Dekret. Gerald Gruber informiert über die Situation in Österreich, Jörg Winter über die Bewertung des "Kirchenaustritts" in den evangelischen Landeskirchen. Unabhängig von der rechtlichen Bewertung des "Kirchenaustritts" stellt sich die Frage nach dem angemessenen Umgang mit "Ausgetretenen"; Antwortvorschläge unterbreiten die Pastoraltheolog(inn)en Stephanie Klein, Rainer Bucher und Andreas Wollbold." 10 ff

Diese Publikation beweist nachdrücklich, dass das Problem "Kirchenaustritt" nicht erledigt ist - was sich die deutsche öffentlich-rechtliche Körperschaftskirche so sehnlich gewünscht hatte.

Haltern am See, den 30.8. 2013

Friedrich Halfmann