Burkhard Josef Berkmann, Katholische Kirche und Europäische Union im Dialog für die Menschen 
Eine Annäherung aus Kirchenrecht und Europarecht 
Duncker & Humblot, Berlin 2008, 686 Seiten, 88.00 Euro


Der Autor geht der Frage nach: "... Wie können beide (die katholische Kirche und die EU, erg. F.H.) zusammenwirken, dass letztlich dem Wohl des einzelnen Menschen gedient wird?" S. 5. Im Hintergrund seiner Arbeit steht allerdings das philosophische Interesse am Dialog an sich, seinen Prinzipien, seinen konkreten Voraussetzungen und seiner faktischen Ermöglichung. 

Berkmann unterscheidet drei Phasen in der Entwicklung des Verhältnisses zwischen der Kirche und der EU: Zunächst nahm diese den europäischen Einigungsprozess einfach nur wohlwollend zur Kenntnis. Als dann zum ersten Mal Fragen der Religionsfreiheit vor dem Europäischen Gerichtshof verhandelt wurden und in den 90er Jahren Urteile im Arbeits- und Sozialrecht ergingen, spürten die Kirchen die Notwendigkeit zu reagieren und die Respektierung ihrer bestehenden Rechte einzufordern. Dies gelang u.a. erfolgreich durch die Aufnahme der sog. Kirchenerklärung in die Schlussakte des Vertrags von Amsterdam vom 2.10.1997. Beide Grosskichen Deutschlands gingen danach offensiv vor und es gelang ihnen, über diese Kirchenerklärung hinaus die sog. Dialogklausel einzubringen, der zufolge sich die EU zu einem regelmäßigen, offenen und transparenten Dialog mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften verpflichtet. Diese Festsetzung wurde auch im Lissabonner Vertrag von 13.12.2007 verankert. Damit hatten sich die Kirchen einen vor allen anderen gesellschaftlichen Gruppe privilegierten Platz erstritten und seitdem erlebt sie sich bezüglich ihrer Fragen auf gleicher Augenhöhe mit der EU. 

"Die vorliegende Arbeit reiht sich bewusst in diese dritte Phase ein und will weniger aufzeigen, wie die Kirchen ihren angestammten Status im nationalen Staatskirchenrecht (in die EU hinein, erg. F.H.) sichern können, als vielmehr, wie sie sich aktiv in die Rechtsgestaltung der Europäischen Union einzubringen vermögen", S. 34. Dies verdeutlicht der Autor auf umfassende Weise an konkreten Konfliktfeldern, der Religionsfreiheit, dem Arbeitsrecht, dem Diskriminierungsverbot, dem Datenschutz, der Sonntagsruhe, der Kirchenfinanzierung u.v.a. mehr, bis hin zur Reflexion der Möglichkeit eines EU-Konkordates. Die Konkretisierungen sind immer wieder in Überlegungen bezüglich des Status der beiden Dialogpartner eingebettet: wer ist "die EU", wer ist die "katholische Kirche", was sind auf der jeweiligen Seite die Prinzipien des Dialogs, worin besteht konkret die rechtliche Ausgangsbasis und auf welchen Ebenen wird er realisiert. Der Autor erweist sich als ein profunder Kenner des kirchlichen Apparates, der Dokumente des Vat. II und des Kirchenrechtes, aber auch des gegenwärtigen Standes der Integration der EU.

Leider merkt man dem umfangreichen Werk an, dass es aus zwei Dissertationen hervorgegangen ist. Manche Teile des Buches stehen unvermittelt nebeneinander, so dass der Autor es am Ende selbst für notwendig hielt, den roten Faden noch einmal zu verdeutlichen.
Störend wirkt auch, dass sowohl im Titel und auch im Text zwar nur von der Katholischen Kirche die Rede ist, im Verlauf der Abhandlung jedoch auch immer wieder von den Kirchen gesprochen wird. Die nicht-katholischen Konfessionen und Religionen wurden am Ende auf nur 6 Seiten erwähnt.
Eine umfangreiche Literaturliste sowie ein breites Personen- und Sachregister helfen den Interessierten weiter.
Bei der Lektüre der überwiegend abstrakt abgehandelten Thematik werden vor allem philosophisch interessierte LeserInnen voll auf ihre Kosten kommen.
Kirchenpolitisch bzw. allgemein politisch Interessierte, die gern gewusst hätten, wie denn etwa  in den letzten Jahren der "Dialog" konkret abgelaufen ist, z.B. bei der Antidiskriminierungsrichtlinie (Kirchen haben sich das Recht erstritten, nach wie vor diskriminieren zu dürfen) oder bei der Absicherung der staatlichen Subventionierung der Sozialen Dienste (zu 2/3 in kirchlichen Händen), gehen diesbezüglich leer aus.
Eine, allerdings entlarvende, Kennzeichnung des kirchlichen Interesses am Dialog zum Schluss: "In Wirklichkeit kommt es den Kirchen ohnehin nicht so sehr darauf an, ob eine sie betreffende Regelung vom staatlichen oder vom gemeinschaftlichen Rechtsetzer erlassen wurde, sondern darauf, ob sie ihren Bedürfnissen und ihrem Selbstverständnis entspricht oder nicht" S. 34. - Solche Interessendurchsetzung wird gemeinhin als Lobbyismus bezeichnet.

Friedrich Halfmann