Ein Fall für Escher: Sendung vom 31.7.2003, 20,15 Uhr

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Escher: Im Folgenden geht es um eine Regelung, die es so in der ganzen Welt nicht gibt, nur in Deutschland, und besonders in Berlin, da treibt diese Regelung besonders groteske Blüten.

Mit ihm (Bild des Gekreuzigten) wollen offenbar immer weniger Menschen zu tun haben. Mindestens vier Millionen Mitglieder habe die Kirchen in Deutschland seit 1990 verloren, und wenn die Schäfchen ausreißen, wird es auch in der Kasse knapp. Beim Eintreiben der Kirchensteuer greift die ev. Kirche Berlin deshalb zu drastischen Maßnahmen. Das bekam auch Carmen Malling zu spüren. Als sie ihren Steuerbescheid von 1999 bekam, fiel sie aus allen Wolken. Auf einmal verlangte doch das Finanzamt mehr 1000 DM Kirchensteuer von ihr. Dabei ist auf ihrer Lohnsteuerkarte schon seit Jahren keine Kirchenzugehörigkeit vermerkt, denn Kerstin Malling ist schon 1971 in Dreißig ... aus der Kirche ausgetreten.

Carmen Malling: "Wir haben ein Schreiben gekriegt als Studenten, wo wir auch erfasst worden sind, ob wir Mitglied der Kirche sind. Als ich dann Rücksprache mit meinen Eltern nahm, erfuhr ich das erste Mal, dass ich Mitglied der ev. Kirche bin und bin natürlich dann gleich in Dreißig zum Standesamt gegangen und habe dort formell meinen Antrag gestellt auf Kirchenaustritt."

Doch jetzt nach dreißig Jahren diesen Austritt noch nach zu weisen ist Carmen Malling bisher nicht gelungen In diesem Punkt allerdings kennt die Kirche keine Kompromisse. Wer seinen Austritt nicht belegen kann, gilt als Mitglied und muss zahlen.

Dr. Heidrun Schnell, Ev. Kirche von Berlin-Brandenburg: "Die Mitgliedschaft wird sowohl im katholischen als auch im ev. Bereich mit der Taufe begründet und das betrifft natürlich nur Menschen, die getauft sind . Damit ist die Mitgliedschaft begründet und die Kirchenmitglieder sind nach unseren Regelungen kirchensteuerpflichtig und diese Kirchensteuerpflicht endet, bis ein entsprechender Kirchenaustritt erklärt wird!"

Die ev. Kirche von Berlin-Brandenburg tut sich beim Inkasso der Kirchensteuer durch eine besondere Härte hervor, wie das Beispiel von Jutta Billhardt zeigt. Kaum war sie nach Berlin gezogen, geriet sie ins Visier der örtlichen Kirchensteuerstelle. Die teilte ihr mit, dass man sie bis zum Nachweis Ihres Kirchenaustritts als Mitglied der ev. Kirche führen müsse, Kirchensteuerpflicht inklusive.

"Ich habe ja bekundet, dass ich gar nicht mehr in der Kirche sein möchte, auf meiner Lohnsteuerkarte steht doch drauf, dass ich nicht mehr in der Kirche bin. Wie kann jemand mich zwangsweise wieder in eine Kirche hineinbefördern, wenn es doch mein Wille ist, dass ich ausgetreten bin und auch alles dafür spricht, dass dieser amtliche Eintrag vor 34 Jahren erfolgt ist. Ich finde das darum schon ein bisschen unverschämt zu sagen, dann sind sie gleich wieder unser Mitglied.

Auf der Suche nach einem Beleg durchforstete Jutta Billhardt ganze Aktenberge und nach all den Jahren konnte sie sich auch nicht mehr genau erinnern, wann sie eigentlich ausgetreten war. Erst nach aufwändigen Recherchen bei Gerichten und Standesämtern fand sich einen winziger Eintrag des Standesamtes Hamburg aus dem Jahre 1970.

Jutta Billhardt: "Ich kann ja nur von Glück sagen, dass wir den amtlichen Eintrag gefunden haben, dass noch soviel Ordnung existiert, dass man das noch nachweisen kann. Was machen aber all die vielen älteren Herrschaften und Menschen, die das gar nicht mehr wissen. Die sich auch nicht mehr erinnern können, wann bin ich denn ausgetreten, vor allem die gar nicht mehr diese Belege haben."

Escher: Das sind vor allem Bürger aus dem Osten. Ihnen fällt es heute besonders schwer, den früheren Kirchenaustritt auch nachzuweisen. Die Gründe dafür sieht Ulrich Tünsmeyer im besonderen Verhältnis zwischen Staat und Kirche in der DDR.

Ulrich Tünsmeyer: "Weil ja auch keine Kirchensteuer eingezogen wurde, wurde dieses ja auch teilweise recht locker gehandhabt, einerseits locker von den Betroffenen, die gesagt haben, bin ich denn nun wirklich dahin gegangen aber andererseits, so wie es aussieht, scheinen die staatlichen Notariate auch kaum Protokoll darüber geführt zu haben, also dass es auch diese Stellen nicht sonderlich ernst genommen haben. Also, insofern ist dies ein Umgang für meinen Begriff: Wer eben sowieso Probleme damit hat, dass Mitglieder weglaufen, so im Nachhinein noch einmal hintenherum ein bisschen abzuzocken, ja ich find´s so eine Art Abzockmethode."

Das findet auch Karin Malling. Sie wird gegen die Kirche vor Gericht gehen. Selbst wenn sie keinen Nachweis mehr findet, der Ihren Austritt vor mehr als dreißig Jahren schwarz auf weiß belegt.

Ein Fall für Escher, 31.7.2003