Protestanten in München - Millionen verschwunden

Millionen in evangelischer Kirche verschwunden

MÜNCHEN, 14. Januar (epd). Bei der evangelischen Kirche in München ist derzeit Geld in Millionenhöhe nicht auffindbar. "Im Münchner Kirchengemeindeamt sind insgesamt 20 Millionen Mark nicht korrekt verbucht worden", erklärte der Regionalbischof von München und Oberbayern, Oberkirchenrat Martin Bogdahn, am Freitag. Dieses Geld hätten erst "in mühevoller Nachbesserung" richtig ausgewiesen werden müssen. Über einen Fehlbetrag von 2,26 Millionen Mark herrsche aber nach wie vor Unklarheit.

Das kirchliche Rechnungsprüfungsamt habe im Kirchengemeindeamt München "völlig unzureichende Buchführung und Misswirtschaft" festgestellt. Es gebe aber keine Beweise für Betrug oder persönliche Bereicherung, erklärte Bogdahn.

FR, 15.1.2000

 

Evangelischen Kirche in München : Laut Focus-Bericht vor dem Ruin

Das Vermögen des Kirchengemeindeamtes sei von 32 Mio auf 7 Mio geschrumpft. Fehlbuchungen und fiktive Vermögensbewertungen seien für den "Kollaps" verantwortlich. Ruhwandl: es habe "Verhalten im strafbaren Bereich" gegeben. Die Führung des Kirchenamtes sei ausgetauscht worden.

ARD-Videotext vom 15.1.2000

 

Prüfer monierten seit langem Missstände

MÜNCHEN, 16. Januar (epd). Die Finanzaffäre der evangelischen Kirche in München zieht weitere Kreise. Wie am Wochenende bekannt wurde, hat das landeskirchliche Rechnungsprüfungsamt schon seit Jahren auf Unregelmäßigkeiten in der Geschäftsführung des Kirchengemeindeamtes hingewiesen und beim damals zuständigen Dekan und heutigen Präsidenten des Diakonischen Werks Bayern, Heimo Liebl, auf Klärung gedrängt. Die Probleme seien intern schon seit mehr als zehn Jahren bekannt, erklärten kirchliche Experten.

Seit Anfang Dezember bemühen sich Rechnungsprüfer der Landeskirche um eine Aufklärung der Finanzaffäre in dem für 66 Gemeinden mit 312 000 Protestanten zuständigen Amt. Es soll Fehlbuchungen und fiktive Vermögensbewertungen gegeben haben. Am Freitag hatte die Kirche eingeräumt, dass im Münchner Kirchengemeindeamt 20 Millionen Mark nicht korrekt verbucht worden seien.

FR, 17.1.2000

 

Dekan zeigt sich wegen fehlender Millionen an

MÜNCHEN, 17. Januar (epd). Die Finanzaffäre der evangelischen Kirche in München, wo Millionensummen falsch verbucht worden sind, nimmt immer größere Dimensionen an. Der Pressesprecher der bayerischen Kirche, Dieter Breit, bestätigte am Montag, dass der Münchner Dekan Helmut Ruhwandl bereits im Sommer Selbstanzeige vor dem Landeskirchenrat erstattet habe. Es werde nun geprüft, ob ein Disziplinarverfahren gegen Ruhwandl einzuleiten sei. Derzeit finden "keine strafrechtlichen Ermittlungen statt, von denen wir Kenntnis hätten«.

Breit sagte, kirchliche Rechnungsprüfer hätten bereits 1992 und 1994 Gravierendes in der Buchführung des Münchner Kirchengemeinde moniert. Den Hinweisen sei beim Landeskirchenamt aber "nicht nachgegangen" worden.

FR, 18.1.2000

 

Finanzskandal in München: Evangelischer Kirche fehlen Millionen

.....Die Staatsanwaltschaft München leitete am 17.1. Vorermittlungen ein, um zu prüfen ´in welchem Umfang Straftatbestände vorliegen´....

Ferner bestätigte Breit (der Sprecher der bayrischen Landeskirche) dass das kirchliche Rechnungsprüfungsamt bereits 1992 und 1994 ´gravierende Punkte in der Buchführung´ des Kirchengemeindeamtes moniert habe....Den damaligen Hinweisen sei ´nicht nachgegangen´ worden..

Der neue bayrische Landesbischof Johannes Friedrich trete dafür ein, dass ´auch die Frage der persönlichen Verantwortung zügig geprüft wird´.

Kirche und Leben, 13.Februar 2000

 

Zum Münchener Finanzskandal

München,  ........ In Folge des Finanzskandals im evangelischen Kirchengemeindeamt München gibt Stadtdekan Helmut Ruhwandl sein Amt zum 30. April auf. Er folgt damit einer Bitte des Landeskirchenrates, damit das Dekanat "baldmöglichst unbelastet von den bisherigen Vorgängen geleitet werden" könne. Über diese Konsequenz informierte der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich (München) am Freitag bei einer Pressekonferenz im Landeskirchenamt. Ruhwandl wird am 1. Mai eine Projektstelle an der Kirchlichen Augustana-Hochschule in Neuendettelsau bei Nürnberg antreten......

Der Bischof informierte über einen ersten Zwischenbericht, den das Rechungsprüfungsamt vorgelegt hat. Demnach sind die Fehlbeträge auf Buchungsfehler zurückzuführen. Es könne "höchstwahrscheinlich ausgeschlossen werden, dass Geld tatsächlich fehlt". Die verschwundenen zwölf Millionen aus dem Vermögen seien mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Baubereich geflossen. Von persönlicher Bereicherung sei nichts bekannt. Gleichwohl muss man laut Friedrich von "chaotischer Buchführung" sprechen.

nach: idea, vom 25.2.2000

 

Kirchenspitze räumt mangelnde Aufsicht ein

.........Zum ersten Mal äußerten sich jetzt vor den 104 Synodalen, der gesetzgebenden Körperschaft der Landeskirche, der Münchner Regionalbischof Martin Bogdahn und der Leiter des für die Gemeinden zuständigen Referats im Landeskirchenamt, Hartmut Böttcher zu der Affäre. Bogdahn oblag die Dienstaufsicht über den Münchner Dekan Ruhwandl. Sichtlich persönlich betroffen räumte er ein, dass er von der "Misere des Kirchengemeindeamts" wusste, dass es ihm aber trotz vieler Gespräche nicht gelungen sei, "zu einer Lösung beizutragen". Er habe sein Leitungsamt "primär als geistliche Aufgabe in Gottesdienst und Seelsorge" verstanden. Von der "besonderen Kasse" des Dekanatsbezirks habe er erstmals 1997 erfahren, 1998 habe er mit,, Ruhwandl vereinbart, die Kasse "zum frühestmöglichen Zeitpunkt aufzulösen". Weil aber schon damals eine verlässliche Buchführung im KGA nicht mehr gewährleistet war, habe er sich für eine "zeitweilige Duldung" entschieden, bis das KGA wieder zuverlässig arbeite.

Oberkirchenrat Böttcher, der die Beanstandungen der Rechnungsprüfer jeweils an das Dekanat weitergeleitet hatte, räumte ein, dass auch im Landeskirchenrat "Aufsicht nicht in angemessener Weise wahrgenommen wurde". Nach den Rechnungsprüfungsberichten 1992 und 1994 habe das Dekanat mitgeteilt, es werde "ein wöchentlicher Kassensturz" gemacht. Das Rechnungsprüfungsamt habe erst 1998 schriftlich an die Erledigung der Beanstandungen erinnert. Entscheidend sei für ihn gewesen, dass das Rechnungsprüfungsamt "in jener Zeit im Kirchengemeindeamt ständig präsent war". Darauf habe er sich "vielleicht zu sehr verlassen".

Karl Müller, der Leiter des Rechnungsprüfungsamts, stellte das deutlich anders dar. "Mindestens einmal jährlich" habe er die Erledigung der Prüfungsberichte angemahnt, habe personelle Konsequenzen gefordert und konkrete Verbesserungsvorschläge gemacht. Eindringlich schilderte Müller den Frust, der sich bei seinen Mitarbeitern breit machte. Die Mitglieder der Landessynode zeigten sich überwiegend verständnis- und versöhnungsbereit. Einstimmig beschlossen sie, einen Ausschuss einzusetzen, der die Ursachen für den Finanzskandal aufklären und Bedingungen erarbeiten soll, "dass Aufsicht und Leitung funktionieren".

Nur Landwirt Günter Meyer aus Weidenberg ließ seinem Unmut freien Lauf. "Wenn bei mir heute was mit der Milch nicht stimmt, dann steht morgen früh einer vom Gesundheitsdienst im Stall, und wenn das noch mal passiert, dann bin ich futsch. Da werden nicht jahrelang Briefe geschrieben und Strukturkommissionen eingesetzt‘. Der Mann erhielt rauschenden Beifall.

Süddeutsche Zeitung vom 30.3.2000