Die 48 - Millionen - Mark - Botschaft der Protestanten in Berlin

Von Stephan Hebel (Berlin)

Wie kommt ein Politiker zur Kirche? Zu Fuß - oder gar nicht, meint Jürgen Schmude zumindest dann, wenn von der Lobby-Arbeit der Gläubigen bei Bundesregierung und Parlament die Rede ist. Schmude kann - folgt man Bonner Kriterien - wahrlich als Experte in diesen Fragen gelten. Schließlich ist er Politiker und Kirchenmann in einer Person: SPD_ Bundestagsabgeordneter und Synoden-Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Als er sich aber jetzt seinen innerkirchlichen Kritikern stellte, waren Bonner Erfahrungen nicht gerade gefragt. Die Veranstaltung fand in Berlin statt, und zumindest an diesem Freitagabend herrschte nicht nur zum Zufußgehen eine ganz andere Meinung vor .

  Die Frage, wo und wie die EKD am künftigen Regierungssitz die Beziehungen zur Macht pflegen soll, ist zum Kristallisationspunkt des protestantischen Ost-West-Konflikts geworden. Die Art aber, wie Schmude und die gläubigen "Ossis" im Französischen Dom brüderlich aneinander vorbeiredeten, dürfte typisch sein über die Grenzen der Kirche hinaus.

Für 48 Millionen Mark hat die EKD das ehemalige Hauptquartier der DDR-CDU am (Ost-)Berliner Gendarmenmarkt gekauft. Für das bisher von der Treuhand verwaltete, repräsentative Gebäude zahlen die Landeskirchen 48 Millionen Mark: Hier, zu Fuß erreichbar vom Regierungsviertel, soll der EKD-Bevollmächtigte "bei den Organen des Bundes und der Europäischen Gemeinschaft" residieren.

,;Die Lage war entscheidend", sagte Schmude, eine Lage, die es den "Partnern" aus der Politik leicht macht". Von selbst, so die Botschaft, kämen sie kaum: "So interessant ist Kirche wahrlich nicht, dass man sich große Umstände um sie macht." Elfriede Begrich, Pastorin im Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg, wollte einfach nicht einsehen, dass der  Kontakt zwischen Kirche und Regierung an der Fußläufigkeit gemessen wird. Sie könne "Leuten, die mit 80 noch nachts Treppe rauf, Treppe runter zur Toilette laufen müssen", nicht erklären, "warum die Kirche ein so großes Haus braucht". Martin Michael Passauer, Superintendent im Berliner Osten, sah ein verhängnisvolles Zeichen: Menschen, denen "Hi1fs- und Sozialprogramme" gestrichen werden, stießen auf dem Weg ins neue, westliche Deutschland auf eine Kirche, in der die Gebäude saniert, die Glocken in gutem Zustand seien "und das Gehalt zu 100 Prozent stimmt" .

Vorschlag vom Prenzlauer Berg: Die Kirche solle das Haus wieder verkaufen, das Geld „den Hungernden" zukommen lassen. Ersatzweise könne der EKD-Bevollmächtigte einziehen, aber den Platz mit Flüchtlingen oder Obdachlosen teilen.

Dann müsse er auf dem Weg zu den Gesprächen mit Politikern wenigstens an Menschen vorbei, um die sich die Kirche vorrangig zu kümmern habe. Exotisch muss das für den Politiker Schmude geklungen haben, so fremd, wie seine Antwort in den Ohren des Berliner Kirchen-Fußvolks klang. Wer nur bei den Armen und Schwachen" sei und nicht bei den Mächtigen, laufe Gefahr, von der Politik mit einem Federstrich" der Mittel für den Dienst am Nächsten beraubt zu werden, meinte er. Und überhaupt: Die 48 Millionen wären auch ohne Hauskauf nie der Hilfe für die Bedürftigen zugute gekommen: Das sind ganz verschiedene Töpfe." Das Auditorium lauschte geduldig - und applaudierte doch mehrheitlich erst, als einer von der Basis ("Ich habe keinen Job in der Kirche") die ostdeutsche Bundestagsabgeordnete Ingrid Köppe (Bündnis 9O/Grüne) zitierte: "Die Leute in Bonn können euch nicht verstehen."

Frankfurter Rundschau 14.2.1994