Lübeck macht den Kirchturm zur Reklame-Säule

[18.11.2003] Lübeck (mr/fju) - Die Werbewirtschaft im Norden betritt Neuland: Am Südturm der Lübecker Marienkirche soll ab 1. Dezember ein 1000 Quadratmeter großes Reklame-Banner der Bausparkasse Schwäbisch Hall entrollt werden.

Mit der Idee, den ohnehin eingerüsteten Turm als Reklamefläche zu vermieten, will der Kirchenkreis Lübeck das für die aufwändige Sanierung noch fehlende Geld einnehmen. Rund zwei Millionen Euro verschlingen die Arbeiten an den beiden Türmen. Etwa sechs Millionen Euro sind seit der im Jahre 1996 begonnenen Sanierung bereits verbraucht. Zwei Monate lang soll das 58 mal 18 Meter große Banner aus Kunststoffgewebe am Turmgerüst hängen. Es wird von einer Lübecker Spezialfirma gefertigt. Die beiden Türme der im Jahr 1251 begonnenen Bürgerkirche, die als das bedeutendste Bauwerk norddeutscher Backsteingotik gilt, ragen rund 125 Meter in die Höhe.

Ein Tabubruch ist die Werbung am Südturm von St. Marien in Lübeck in jedem Fall - aber ist sie auch ein Vorbild für andere klamme Kirchen? Wenn die Fassade einer Kirche wie in Lübeck ohnehin hinter einem Baugerüst verschwindet, findet Schleswigs Bischof Hans Christian Knuth Reklame "vielleicht gerade noch akzeptabel". Schließlich könne die Architektur dann ihre religiöse Funktion ohnehin vorübergehend nicht wahrnehmen. Generell erteilt Knuth, der Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands ist, Werbung an Kirchen jedoch eine Absage: "Die Gebäude sind ein symbolischer Hinweis auf das, was über uns steht." Damit seien kommerzielle Bezüge nicht vereinbar. Die religiösen Gefühle vieler Menschen sieht Knuth dadurch verletzt. Pastor Thomas Baum aus Meldorf in Dithmarschen "schließt prinzipiell nicht aus", dass das Lübecker Modell auch zum Tragen kommt, wenn der Turm seines Doms im Frühjahr für eine 350 000-Euro-Sanierung eingerüstet wird. "Wir befinden uns ohnehin auf dem Marktplatz", zerstreut er Berührungsängste zur Wirtschaft. Ralf Stolte, Verwaltungsleiter des Kirchenkreises Kiel, sagt: "Nachdem die Lübecker Pläne bekannt sind, ist der Grundgedanke bei uns auch schon mal aufgekommen." Anfang nächsten Jahres werde das Thema aktuell, weil der Baudenkmalfonds des Kirchenkreises nicht für alle angemeldeten Projekte reiche. Neumünsters Propst Stefan Block wiederum findet: "Kirchlicher Raum lebt davon, dass er nicht von der Ökonomie besetzt wird." Der Sprecher der Nordelbischen Kirche, Norbert Radzanowski, bilanziert: "In den Gemeinden wird viel um Lübeck als Modell gestritten." Druckansicht Artikel versenden Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt und dürfen weder reproduziert noch wiederverwendet oder für gewerbliche Zwecke verwendet werden.

Schleswig-Holsteinische Zeitung