Ekklesiologie und Gelder der Kirche

Neutestamentliche Perspektiven für heute

Der Autor ist ev. Pfarrer in der reformierten Gemeinde Laupen / Kanton Bern-Jura. Er reflektiert sein Thema zugleich aus seiner Erfahrung der Gemeindearbeit und als Neutestamentler, der sich für das Ganze von Theologie und Kirche verantwortlich fühlt. Nach einer Skizzierung beider Aspekte zieht es in Abschnitt IV einige Schlussfolgerungen, die wir hier im Wortlaut dokumentieren:

IV. Zwei Grundthesen und ein laienhafter Ausflug eines Neutestamentlers in die Domäne der Kirchenfinanzen

Aus dem Gesagten ergeben sich für mich zwei Grundthesen:

1. These: Zwischen der sichtbaren Gestalt der Kirche und ihrem Auftrag besteht ein unauflösbarer Zusammenhang. Die sichtbare Gestalt der Kirche gehört zu ihrem "Wesen". Darum ist auch die Gestaltung des Finanzwesens der Kirche eine Aufgabe, welche die Ekklesiologie zentral betrifft.

Die Reduktion der sog. notae ecclesiae auf Wort und Sakrament in der Reformationszeit ist vom gesamten Zeugnis des Neuen Testamentes her völlig einseitig und darum falsch. Ich kenne überhaupt keine neutestamentlichen Texte, in denen die sichtbare Gestalt der Kirche, das Leben und die Praxis der Kirche nicht Teil ihres "Wesens", Spiegelung ihres göttlichen Auftrags, Dimension ihres Zeugnisses und Ort der Erfahrung von wirklichem "Heil" wäre. Das gilt für Jesus, dessen Jüngergemeinschaft den Anbruch des Gottesreiches spiegelte und als Kontrastgesellschaft gegenüber der Welt erfahrbar machte. Das gilt für Paulus, für den gelebte koinonia vielleicht die wesentlichste nota ecclesiae ist. Das gilt für Matthaus, der Kirche als gelebte Jüngerschaft Jesu versteht, in Armut, Gehorsam, Zeugnis durch Wort, Wunder, Praxis und Leiden. Das gilt für Lukas, in der das ganze Leben der Kirche Gottes wunderbare Führung spiegelt. Das gilt für den Epheserbrief, für den Kirche ein von Christus erfüllter Raum des Segens, des Lobpreises, der Liebe und des neuen Lebens ist. Das gilt für die Pastoralbriefe, in denen gewisse rechtliche Strukturen in der Gemeinde zur Bewahrung des paulinischen Zeugnisses wesentlich werden. Ich könnte fortfahren.

Zur sichtbaren Gestalt der Kirche gehört auch ihr Umgang mit Geld und Reichtum. Armut scheint zum Wesen der Kirche zu gehören. Primat der Diakonie scheint zum Wesen der Kirche zu gehören. Freiwilligkeit, auch beim Verschenken von Eigentum, scheint zum Wesen der Kirche zu gehören. Die neutestamentlichen Gemeinden sind deshalb in all diesen Bereichen gegenüber ihrer Umwelt neue, eigene Wege gegangen. Nichts ist deshalb so falsch wie die Forderung, die Ekklesiologie, oder ihr Grundtext, das Neue Testament, möge doch, wenn es um die Finanzierung der Kirche gehe, draußen vor der Tür bleiben. Den Ruf, die Theologen möchten doch bitte bei ihrer Sache bleiben und sich in die Sache anderer nicht einzumischen, hören wir ja oft, heute nicht zuletzt von Mikrobiologen und Ökonomen. Ich denke im Gegenteil, zur Sache der Theologen gehöre es immer wieder, sich - um des Evangeliums willen - in die Domänen anderer einzumischen.

2. These: Von allen heutigen Modellen der Kirchenfinanzierung, die ich kenne, ist keines so weit vom Neuen Testament und damit auch von dem, was seinen Verfassern für die Kirche wesentlich schien, entfernt, wie das Modell der Kirchensteuer.

Ich kann zwar nicht in der direkten Weise Kierkegaards sagen, dass das Kirchensteuersystem und die damit verbundene Weise der Bezahlung der Pfarrerlinnen "Christi Vorschrift direkt zuwiderläuft", denn es gibt hier wie überall keine Möglichkeit, neutestnamentliche Aussagen direkt in die Gegenwart zu übertragen. Aber das Kirchensteuersystem widerspricht m. E. wesentlichen Grundlinien dem, was im Neuen Testament Kirche ist, und damit dem Richtungssinn des Neuen Testaments. Gerade in "Kirchen des Wortes" kann dies nicht ganz gleichgültig sein.

Ich spreche mich also nicht deswegen gegen dieses System aus, weil ich im Unterschied zu den Finanzexperten dächte, dass es vom Zusammenbruch bedroht sei. Im Gegenteil: Auch ich vermute, dass es mit einigen Modifikationen und Anpassungen den Kirchen in weiten Teilen Deutschlands, der Schweiz und Skandinaviens in den nächsten zwanzig oder fünfzig Jahren am ehesten ihr Überleben in der bisherigen Gestalt sichern werde. Denn die Kirchensteuer ist kein Thema, über das man diskutiert, ebenso wenig wie die Kirche. Beide sind weithin stillschweigend akzeptiert.

Man kann sich ihre Bezahlung leisten; sie fällt angesichts der übrigen Steuern, die zu bezahlen sind, kaum ins Gewicht. Bezahlt man sie nicht mehr, so wird man vielerorts zum Außenseiter, denn Religion ist zwar überall bei uns Privatsache geworden, aber nicht unbedingt Kirche. Ich denke, dass sich Ex-DDR-Verhältnisse oder holländische oder Basler Verhältnisse an andern Orten nur langsam einstellen werden.

Wenn ich gegen die Kirchensteuer bin, dann vielmehr um der Kirche willen: Wie andere staatliche Steuern, so bezahlt man die Kirchensteuer um der Aufrechterhaltung einer gewissen Grundversorgung willen, die zum Leben nötig ist. Im Fall der Kirche handelt es sich um eine Grundversorgung mit Ritualen und gewissen sozialen Dienstleistungen oder auch ganz einfach darum, dass das Leben, zu dem Kirche immer gehört hat, in allem hektischen Wandel irgendwo so bleibt, wie es ist. Mit Beteiligung am Leben der Kirche, mit Engagement für sie, mit eigener gelebter Religion, mit Einsatz für die Kirche oder bewusster Bejahung ihres Auftrags hat das in der Regel nichts zu tun. Im Gegenteil: Steuern bezahlt man ja gerade für diejenigen Dinge, bei denen man sich von einer praktizierten Mitverantwortung entlasten kann: Dadurch, dass man Steuern zahlt, ist ein anderer, nämlich der Staat, für die Aufrechterhaltung gewisser Grundfunktionen des Lebens verantwortlich, z. B. für den Bau von Straßen, die Existenz von Schulen, die äußere Sicherheit etc. Zahlt man Kirchensteuern, so entlastet man sich dadurch auch von der direkten Verantwortung für Dinge, die eben Sache der Kirche sind, z.B. für die Existenz von Ritualen, für die Erhaltung der zur Heimat gehörenden kirchlichen Gebäude etc. Mit anderen Worten: Die Institution der Kirchensteuer hat eine ebenso große Affinität zu einer Kirche als Versorgungskirche wie Finanzierungsmodelle, die auf echter Freiwilligkeit basieren, eine Affinität zu einer Kirche als Beteiligungskirche haben. Freiwillige Beiträge setzen eine eigene Entscheidung über die Höhe des Beitrags voraus; die Kirchensteuer nimmt den Zahlenden diese Entscheidung ab. Freiwillige Beiträge fordern einen eigenen Akt der Identifikation mit der Kirche; die Kirchensteuer dagegen nicht, denn sie verschwindet in den anderen Steuern, die "man" eben bezahlt, weil sie unausweichlich sind. Zur Kirchensteuer gehört Anonymität ebenso, wie Identifikation mit der Kirche zum System der freiwilligen Beiträge gehört. Ich weiß nicht, ob der Eindruck, den ich durch meine ökumenischen Begegnungen gewonnen habe, generell richtig ist: Mir scheint, dass die Beteiligung der Mitglieder der Kirche an ihrem Leben, z. B. an ihren Gottesdiensten, und die gelebte Gemeinschaft der Kirchenmitglieder untereinander weltweit nirgendwo so gering ist wie in Kirchen mit Kirchensteuersystem. Ausnahmen in beiden Richtungen bestätigen die Regel.

Was nun? Was ich im Folgenden als Möglichkeiten vorschlage, sind wirklich nur laien- hafte Gedankenspaziergänge eines Neutestamentlers, der zugleich bewusstes Kirchenmitglied ist. Ich bewege mich dabei als Nichtfachmann in einem Garten, der nicht mein eigener ist. Meine Vorschläge sind unprofessionell und keineswegs radikal. Mir ist bewusst, dass der status quo eine prägende Realität ist, und dass man Gutes, was existiert, nicht leichtfertig aufs Spiel setzen soll. Alle meine Vorschläge sind im Vergleich mit dem jetzigen Kirchensteuersystem riskant. Aber sie sind bewegt vom Wunsch nach einer lebendigen Kirche, die hoffentlich auch bei uns in fünfzig Jahren noch eine wirklich erlebbare communio ist und nicht nur ein Fossil einer ehrwürdigen Institution. Ich versuche dabei, mich aus unserer heutigen Situation auf die Kontinuitätslinien des Neuen Testaments hin zu bewegen.

1. Mit oder ohne Kirchensteuersystem denke ich, dass die Hauptverantwortung für die Finanzen der Kirche generell bei den Gemeinden und nicht bei der Landeskirche liegen sollte. Mit einer Gemeinde kann man sich viel eher direkt identifizieren. In ihr kann man Gemeinschaft erfahren; für sie ist man direkt verantwortlich.

Ich denke, dass grundsätzlich die kirchlichen Gelder von unten nach oben fließen sollten, d. h. von der Gemeinde zur Landeskirche und in eine gesamtkirchliche Ausgleichskasse, wie dies z. B. bei den Anglikanern, aber auch etwa in der Schweiz der Fall ist, und nicht umgekehrt. Die meisten Ausgaben fallen ja auch in den Gemeinden an. Darum sollen sie z.B. über "ihre Arbeiter" entscheiden können, also etwa darüber, ob und wie viele Pfarrerlnnen und andere Mitarbeiterlnnen sie brauchen, ob sie als Gemeinde selbstständig bleiben oder einem Regionalverbund in irgendeiner Form beitreten wollen. Die kirchlichen Mitarbeiter sind ihre Arbeiter, für die sie die Verantwortung tragen.

2. Aus dem seIben Grund halte ich das System des automatischen Einzugs der Kirchensteuer zusammen mit den staatlichen Steuern für problematisch. Es ist zwar un-endlich praktisch, wie die Erfahrung des "Drop-outs" einer großen Zahl von Kirchen-steuerzahlerlinnen in der ehemaligen DDR zeigt, als diese das System des automatischen Einzugs der Kirchensteuern abschaffte. Aber es vernebelt die Möglichkeit, die Kirche als eigene Größe wahrzunehmen, welche mit Staat und Gesellschaft durchaus nicht identisch ist, sondern in ihnen und ihnen gegenüber einen ganz besonderen Auftrag hat. Ein eigenes Steuereinzugssystem, noch viel mehr natürlich ein System des Einzugs freiwilliger Beiträge, stellte die Mitglieder der Kirche ständig vor die Frage, ob sie wirklich Mitglieder der Kirche sein wollen. Ohne eine bewusste Mitgliedschaft ihrer Glieder aber kann die Kirche nicht leben!

3. Auch beim Kirchensteuersystem denke ich, dass die Höhe des Beitragssatzes nicht einfach von der Landeskirche oder der Gemeinde, sondern mindestens bis zu einem gewissen Grade vom einzelnen Kirchenmitglied festgesetzt werden sollte. Das allein entspricht dem Grundsatz der Freiwilligkeit. Hier sind übergangsweise verschiedene Zwischenmöglichkeiten denkbar, z. B. die eines Sockelbeitrags und eines freiwilligen Beitrags, oder die einer "Rahmenangabe", d. h. einer oberen und unteren Richtgröße für die Kirchensteuer. Mit den folgenden beiden Vorschlägen ist dieser Vorschlag kombinierbar.

4. Der Gedanke einer "Kultursteuer'" wie sie z.B. in Italien üblich ist, müsste ernsthaft geprüft werden. Diese Kultursteuer könnte auch Kirchen zur Erfüllung ihrer allgemeinen kulturellen Aufgaben, z. B. der Erhaltung kirchlicher Gebäude, der Finanzierung von Orgeln etc. oder für andere gemeinnützige kulturelle Aufgaben zugute kommen. Darüber hinaus müssten die spezifischen Aufgaben der Kirchen, zu denen vorab Verkündigung und Diakonie gehört, durch die Kirchenmitglieder auf freiwilliger Basis finanziert werden.

5. Der Gedanke eines (eventuell teilweisen) "Splittens" der Kirchen- (oder auch der Kultur-)steuer und abgestufter Mitgliedschaftsformen ist m. E. ernsthaft zu erwägen. Viele Menschen fühlen sich heute nicht einfach als Mitglieder der Kirche oder ihrer Parochialgemeinde, wohl aber identifizieren sie sich mit bestimmten Aufgaben und Projekten der Kirche. Andere fühlen sich zwar persönlich nicht mehr zur Kirche gehörig, aber sie bejahen grundsätzlich die Existenz und Notwendigkeit von Kirchen. Wieder andere sind zwar formell Glieder der Kirche, in Wirklichkeit aber in anderen Gruppierungen und Gemeinschaften, z. B. einer Freikirche, einer Frauenkirche, einem inter-konfessionellen Kreis etc. beheimatet, mit denen sie sich identifizieren. Oft zahlen sie "doppelt": hier die Kirchensteuer, dort z.B. den "Zehnten". Für viele Menschen heute stellen sich ganz andere Entscheidungsfragen als diejenige, ob sie Mitglieder einer Kirche sein wollen oder nicht, z. B. die Frage, ob sie als Nichtmitglieder der Kirche eine gewisse Grundunterstützung zukommen lassen wollen oder ob sie bestimmte kirchliche Aufgaben und Projekte für eine bestimmte Zeit unterstützen wollen etc. Der Situation heutiger Volkskirchen wären Möglichkeiten "abgestufter Mitgliedschaften" durchaus angemessen. Für solche Möglichkeiten sollten entsprechende "Gefäße" geschaffen werden. Dabei sollte der Gesichtspunkt der Qualität und des Grades der Identifikation eines "Mitglieds" mit "seiner/seinen Kirchen" eine entscheidende Rolle spielen.

6. Die Frage der Besoldung von Pfarrer/innen sollte ernsthaft überdacht werden. Ich denke dabei an eine Annäherung an den biblischen, altkirchlichen (und reformatorischen!) Grundsatz, dass hauptamtliche Verkündiger/innen vom Evangelium leben" sollten, aber "nur leben", und zwar nach dem Armenrecht. Ich denke aber auch an die Schaffung von Pfarrer/innenstellen im Nebenamt oder auf der Basis eines freiwilligen Dienstes, der neben einer anderen Berufsarbeit geleistet wird, nach dem Modell des Paulus. Die deutschen Kirchen hatten ja in den vergangenen Jahrzehnten mit dem Gottesgeschenk der sog. "Theologenschwemme" umzugehen - und wie haben sie dies getan! Sie haben diese "Schwemme" durch sorgfältig geplante Maßnahmen und ein weitgehendes Zuschließen ihrer Türen reguliert, kanalisiert, abgeleitet und schließlich fast zum Verschwinden gebracht. Sie wurde immer als ein Problem und kaum je als ein Segen Gottes betrachtet. Wie viele junge Leute, die für die Kirche arbeiten wollten, wurden daran gehindert. Ich halte den Umgang der deutschen Kirchen mit der sog. "Theologenschwemme", auf die z. B. wir Schweizer immer mit Neid geblickt haben, für eine der ganz großen Fehlleistungen in der neuesten deutschen Kirchengeschichte! Welche Chance hätten die Kirchen gehabt, wenn sie durch mutige Schritte zurück zu dem, was Verkündigergehälter in der Kirche in früheren Zeiten waren, oder in Richtung auf Teilzeitämter und Nebenämter, diese Theolog/innen nicht von der Arbeit für die Kirche ausgeschlossen hätte!

7. Die Grundentscheidung der neutestamentlichen Zeit und auch der Alten Kirche, dass das wichtigste Feld, auf dem kirchliche Finanzen gefordert sind, die Diakonie ist, muss wieder neu zur Leitlinie der Ausgabenpolitik der Kirchen gerade in der Situation des "Sparzwangs" werden. "Diakonie" bedeutet, dass die Kirche ihr Geld immer in erster Linie für Menschen ausgeben muss, die es nötig haben, lokal und weltweit, innerhalb und außerhalb der Kirche. Das Budget einer Kirche ist ein sprechender Kommentar zum Evangelium, das sie verkündet - nur allzu oft stimmt beides nicht überein.

Ulrich Luz, Ekklesiologie und Gelder der Kirche, in: Evangelische Theologie 61/1, S. 6ff