Die Kirchensteuer-Kirchen "steuern" kritische Geister ins Abseits

Beide großen Kirchen, so uneins sie in vielen Details auch noch sein mögen - in einem stimmen sie überein: Sie mögen keine kritischen Mitglieder. Wenn das Geld knapper wird, sind sich die entscheidenden Gremien überraschend einig: Am ehesten kann man auf kritische Mitglieder verzichten. Darum lassen beide ihre Studentengemeinden aushungern und die evangelische Kirche schließt zusätzlich ihre erst vor 5 Jahren gegründete Journalistenschule. Zu den Vorfällen ein paar Notizen aus der Presse.

Eine Frage des Geldes

Aus nach 5 Jahren: die evangelische Journalistenschule muss schließen, obwohl sie sich in kurzer Zeit einen Namen gemacht hat.

Es passt nicht so richtig gut. Da laden gewichtige Vertreter der Evangelischen Kirche, ein Landesbischof, ein Akademiepräsident, ein Ratsbevollmächtigter und eine Rundfunkbeauftragte, zu einem "Berliner Medienempfang" - der Abend soll den Hauptstadtmedien den Protestantismus nahe bringen. Und das, nachdem der Verwaltungsrat des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP) zwei Tage vorher bekannt gegeben hat, die Evangelische Journalistenschale in Berlin zum Jahresende schließen zu wollen. Erst 1995 war sie mit hohem Anspruch gegründet worden.

"Finanziell nicht mehr leistbar" sei die zweijährige Ausbildung, heißt es in der Pressemitteilung der Frankfurter GEP-Geschäftsführung. Und das, obwohl die Schule sich innerhalb kurzer Zeit großes Renommee erworben hat. In einem Brief wandten sich in der vergangenen Woche bekannte Journalisten an die Kirchen-Verantwortlichen und warnten davor, die Ausbildungsstätte "wie eine heiße Kartoffel fallen zu lassen". Weiter hieß es: "Eine solche Entscheidung, würde den Kredit, den die Kirche durch die Einrichtung der Schule erworben hat verspielen - und dies nicht nur bei den Unterzeichnern, sondern in der gesamten deutschen Medienlandschaft."

Auch Eckhart von Vietinghoff, Verwaltungsratsvorsitzender des GEP sagt, er finde es "höchst betrüblich", dass sein Gremium die Finanzierung des bislang nur als Projekt angelegten Ausbildungsgangs nicht in den normalen Haushalt der Kirche habe einbringen können. Dort ist scheinbar - im Gegensatz zur katholischen Kirche, die in München Journalisten ausbildet - kein Geld übrig für die Förderung des publizistischen Nachwuchses. Von den jährlich 680 000 Mark, die die 16 Ausbildungsplätze der bislang drei Berliner Jahrgänge gekostet haben, fehle für den vierten Jahrgang, der "allergrößte Teil", so Vietinghoff. Bereits im letzten Jahr habe man alle Knopfaugen zugedrückt" und für die Journalistenschule noch einmal kräftig in den Medienfonds der EKD gegriffen. In diesem Jahr lasse sich das nicht mehr vertreten - der Fonds sei ein Innovationsfonds und nicht für Dauerförderung vorgesehen,.

"Rein finanzielle Gründe für eine Schließung kann ich mir nicht vorstellen", sagt Carola Wolf, Sprecherin der Evangelischen Kirche der Union (EKU).

"Hier werden die Prioritäten falschgesetzt. Es ist schließlich Geld da." Erklärung ist für sie die "mangelnde Kompetenz auf der Entscheidungsebene". Schon vor 50 Jahren habe man erkannt, dass die Aus- und Weiterbildung von Journalisten Bestandteil des Konzepts der EKD sein müsse und habe deshalb die Christliche Presseakademie, Mutter auch der Evangelischen Journalistenschule gegründet. Kritische Journalisten bilde man seitdem aus, Journalisten, die in christlicher Verantwortung, aber auch mit der nötigen Distanz und Unabhängigkeit berichteten. Die Evangelische Journalistenschule jetzt wieder zu schließen, sagt Wolf, habe weniger mit Finanzierungsproblemen zu tun, denn mit einer gewandelten Haltung der Kirchen-Oberen: "Kritische Presse ist gleich schlechte Presse". Das Verhältnis der Evangelischen Kirche zur Publizistik, so Wolf, das sei in den letzten Jahren doch eher restriktiv geworden.

Imme de Haen, Leiterin der Journalistenschule, will nichts sagen zu dem Schließungsbefehl aus Frankfurt. Viel Hoffnung gibt es wohl nicht mehr. Eckhart von Vietinghoff sagt, der Beschluss werde zwar noch vor dem Rat der Evangelischen Kirche diskutiert, aber wer die Finanzierung nicht gleich mitbringe, der werde wohl kein Einlenken herbeiführen können. Geldquellen sieht Vietinghoff weder "kirchlich noch außerkirchlich". Und die freiwerdenden Gelder, beispielsweise aus dem Etat des eingestellten Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts - Geld, das die Journalistenschüler gerne für ihre Schule verwendet sähen - seien auch bloß "Hoffnungsmittel" für das nächste Haushaltsjahr.

"Ein Verlust auf dem deutschen Markt" sei das Sterben der Journalistenschule, sagt Manuela Feyder vom Bildungswerk des Deutschen Journalistenverbandes. Das sehen auch die Mentoren der Schule so, "einigermaßen prominente" Print-, Hörfunk- und Fernsehjournalisten, wie sie sich selbst bezeichnen. Die Absolventen der Evangelischen Journalistenschule sind gut bis sehr gut untergekommen. Bei kirchlichen Blättern sind allerdings die Wenigsten gelandet. Auch das vielleicht ein Grund der plötzlichen Ausbildungsmüdigkeit der EKD? "Ach was", sagt Carola Wolf, "das war schon bei der evangelischen Presseakademie so. Deren Absolventen haben 40 Jahre lang die Presse geprägt — die weltliche."

Christiane Kögel, SZ 24.2.2000

 

Verlassene Schäfchen

Die Hochschulpastoral muss sparen, wohl auch wegen der bedenken konservativer Würdenträger

Verkehrte Welt: Da jammern die Kirchen, dass ihnen die Gläubigen davon laufen. Doch auch die Kirchen selbst lassen ihre Schäfchen im Stich. Noch dazu dort, wo sich besonders viel Nachwuchs tummelt: Deutschlands Hochschulen haben in den letzten Jahren mehr als ein Drittel ihrer festen katholischen Pastoralstellen verloren. Beispiel Ruhrgebiet: Heribert Kampmann, katholischer Hochschulpfarrer in Bochum muss inzwischen auch noch die Universitäten Essen und Dortmund betreuen. Wegen Arbeitsüberlastung ist er am Telefon nicht einmal zu einem Kurz-Interview bereit: "Ich brauche jede Viertelstunde."

Sein Essener Kollege Harald Brett von der evangelischen Kirche scheint dagegen trotz Mittelkürzungen weiter aus dem Vollen schöpfen zu können: "Gemessen daran, was die Landeskirche anderswo zurückfährt, geht es uns noch ziemlich gut." Mit vier Mitarbeitern sind die Protestanten an der Essener Universität präsent, davon eineinhalb feste Stellen für Seelsorge und Beratung.

Anderenorts schaut es weniger rosig aus: Eineinhalb Stellen, so viel ist der Berlin-Brandenburgischen Landeskirche die Pflege der gesamten Berliner Hochschullandschaft noch wert. Pfarrer Henrik Plasse und sein "halber" Kollege Manfred Läsch kämpfen deshalb auf verlorenem Posten. Von sieben Hochschulzentren ist eines übrig geblieben. Und das befindet sich nicht auf dem Campus, sondern in einer vom Schwamm befallenen Wohnung im Bezirk Mitte.

Christoph Stender, leitender Hochschulpfarrer in Aachen und Vorsitzender der katholischen Hochschulpastorale im deutschsprachigen Raum sieht "die Gefahr, dass andere in die Lücke vorstoßen, die wir an den Universitäten hinterlassen: radikalevangelikale Gruppen oder Scientologen, die Sinnsuche in der anonymen Massenuniversität inzwischen viel effizienter und vor allem schneller befriedigen könnten. "Wir haben unsere Angebote zum Teil einschränken müssen", bekennt Stender. Viele kirchliche Foren von Ethik über Medizin bis hin zu Frauenarbeit stehen auf der Kippe. Gottesdienste finden häufig nicht mehr statt. Auch Beratung und Engagement in der Lehre wurden vielerorts zurückgefahren.

Das Ausbluten der Hochschulpastorale folgt nur vordergründig dem allgemeinen Sparreflex. Im Hintergrund steht - zumindest in der katholischen: Kirche - der Streit zwischen Reformern und Konservativen: Den konservativen Bischöfen sei die Hochschulpastorale schon immer "ein Dorn im Auge gewesen", beklagt Stender, "weil sie sich häufig der unmittelbaren Kontrolle entzieht oder Themen aufgreift, die manche Oberen nicht für schicklich halten." Auch studentische Partizipation ist häufig nicht erwünscht. Die Mittelkürzungen werden deshalb jetzt zum Teil als Vorwand benutzt, "lästiges Konfliktpotential" los zu werden.

Stender; glaubt, dass sich die kirchliche Ignoranz schon in einigen Jahren bitter rächen könnte: "Studenten finden heute an den Unis immer weniger Möglichkeiten, sich langfristig verantwortlich engagieren zu können. Wenn wir uns jetzt auch noch zurückziehen, kann es passieren, dass die nächste Generation gar keine Strukturen mehr findet." Auch befürchtet der Chef der katholischen Hochschulpastoralen, den Anschluss an die Eliten zu verpassen: "Das Bindeglied zwischen uns und den zukünftigen Führungskräften in der Wirtschaft beginnt zu zerreißen."

Olaf Kaltenborn, 4.4.2000