Klempner des Kitts

Muß die Kirche eine öffentlich-rechtliche Behörde bleiben?

Die politischen Vorstöße einiger Ministerpräsidenten, die Kirchenfinanzierung auf eine neue Basis zu stellen, wird notwendigerweise die Diskussion, welche Kirche diese Gesellschaft braucht, in Gang bringen. Der Artikel von Christian Geyer, am 11.2.1999 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht, könnte dazu beitragen.

Text:
Eine schöne Stange Geld koste dieses erstaunliche Relikt aus der Zeit des Austrofaschismus. Sehr viel mehr hat Österreichs Bildungsminister Caspar Einem (SPÖ) zu dem 1933 geschlossenen Konkordat nicht zu sagen, das auch heute noch die Verhältnisse zwischen Staat und Kirche seines Landes regelt. Der Staat müsse sich Gedanken machen, ob diese Regelung noch zeitgemäß sei, erklärte Einem in der vergangenen Woche sehr zum Verdruß einheimischer Kirchenleute.

Aber auch in Kirchenkreisen Deutschlands herrscht seit dem Ende der Unions-Regierung eine Art verdeckte Alarmbereitschaft, selbst wenn hier noch kein Politiker das Staatskirchenrecht, die Konkordate oder die Kirchenverträge ausdrücklich in Frage gestellt hat. Man fürchtet auf mittlere Sicht ein "gesellschaftliches Absacken" größeren Stils, wie es der Vorsitzende der katholische Bischofskonferenz Lehmann unlängst formulierte. Die interessante Frage ist freilich, welcher Gesellschaftsbegriff, welche Vorstellung von politischer und kirchlicher Ordnung einer solchen Befürchtung zugrunde liegen.

"Der entscheidende Punkt ist, daß der Staat die Kirche nicht als ei- nen Verein unter anderen ansieht wie etwa eine Gewerkschaft", sagte jetzt der Trierer Bischof Spital auf die Frage der "Frankfurter Rundschau", was für das Kirche-Staat-Verhältnis aus kirchlicher Sicht "unverzichtbar" sei. Aus Gründen des historischen Gewachsenseins möchte man an der Sonderstellung der Kirchen hierzulande nur ungern rühren. Das französische oder amerikanische Modell mag nicht einfach übertragbar sein. Und doch muß die Frage erlaubt sein, warum es für die katholische Kirche "unverzichtbar" sein soll, daß sie in Deutschland bis in alle Ewigkeit eine Körperschaft öffentlichen Rechts bleibt. Würde das Selbstverständnis der Kirche vergewaltigt, wenn sie rechtlich als ein Verband unter Verbänden aufgefaßt würde? Müßte sie sich in ihrer christlichen Sendung beschnitten fühlen? Wäre ihr berechtigter Öffentlichkeitsanspruch bedroht? Auf all diese Fragen kann man mit Nein antworten. Denn auf der Basis der Religionsfreiheit blieben den Kirchen sämtliche Wirkungsmöglichkeiten offen, die eine freie Gesellschaft für bürgerliche Verbandsbildungen vorsieht. Warum also das Klammern an den öffentlich-rechtlichen Status als den "entscheidenden Punkt"?

Ergibt sich womöglich aus den öffentlichen Aufgaben der Kirchen ein Anspruch auf erweiterte staatliche Subvention, falls ihnen das Recht auf Kirchensteuererhebung aberkannt würde? Dieser These des Staatsrechtlers Wilhelm Kewening hatte schon vor Jahren der damalige Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde mit dem Hinweis widersprochen, mit demselben Argument könnten auch die Arbeitgeberverbände, die Tagespresse und der Milchhandel auf besondere staatliche Anerkennung pochen. Aus der Tatsache, daß jemand in der Gesellschaft noch so bedeutende soziale, kulturelle oder andere öffentliche Aufgaben wahrnimmt, folge eben noch nicht notwendigerweise ein Übergang in den staatlichen oder öffentlich-rechtlichen Bereich.

Trotz dieses Befundes scheut jedoch auch Böckenförde davor zurück, die öffentliche Privilegierung der Kirchen auch nur mit einem Fragezeichen zu versehen: In einer anderen als der Körperschaftsstellung müsse die Kirche in eine "Schieflage" geraten, in der ihr eine "gesellschaftlich-funktionale Reduktion" drohe. Zwar räumt Böckenförde in seiner grundlegenden Studie "Staat - Gesellschaft - Kirche" ein: "Man kann nicht sagen, die Einordnung der Kirche in die Gesellschaft als Verband unter Verbänden widerstreite prinzipiell dem Auftrag und der Sendung der Kirche, ja tue ihr notwendigerweise Gewalt an". Auch sei die Körperschaftsstellung "keine conditio sine qua non kirchlicher Selbständigkeit und Freiheit". Wohl aber sei sie eine "besonders angemessene" Form, in der die Kirche als Repräsentant der geistlichen Zwecke dem Staat gegenübertrete.

Die Selbstverständlichkeit, mit der hier von dem theologischen Proprium der Kirche auf einen ihr zukommenden öffentlich-rechtlichen Status geschlossen wird, hat freilich eine bestimmte Voraussetzung: eine prinzipielle Äquivalenz der Interessen von Kirche und Staat. Gewiß ist das Selbstverständnis der Bundesrepublik bei aller weltanschaulichen Neutralität vom spartenübergreifenden Anspruch der Kirchen nicht unwesentlich geprägt. Die Geschichte hat gute Gründe dafür geliefert.

Aber die Frage ist doch, ob ein Staat in seinem Verhältnis zur Kirche alles beim alten lassen soll, wenn sie sich Glaubenshaltungen in der Gesellschaft, auf der er aufruht, dramatisch verändert haben. Soll der Staat, der gegenüber den gesellschaftlichen Wechselfällen immer auch eine beharrende Kraft darstellt, weiterhin das Christliche als Gegenüber besonders stützen in dem Bewußtsein, daß er seine eigenen Grundlagen nicht selbst hervorbringen kann? Oder ist die Diskrepanz zwischen politischer Ordnungsvorstellung und gesellschaftlicher Realität schon so groß geworden, daß das Beharren auf überkommenen Privilegien auf Dauer nicht nur die Autorität des Staates, sondern auch jene der von ihm begünstigten Kirchen in Gefahr bringt? Hier liegt Zündstoff, der sich immer weniger mit apodiktischen Behauptungen aus der Welt schaffen läßt.

Womöglich ist es gerade die Fixierung auf ihren öffentlich-rechtlichen Charakter, die die Kirche heute in eine "Schieflage" bringt. Der Soziologe Heinz Bude findet, daß die damit verbundenen Verteidigungsgefechte die Modernetauglichkeit der Kirche nicht etwa fördern, sondern strukturell behindern: "Je stärker und länger sich institiutionelle Glaubenssysteme gegen den Prozeß der Trennung von Religion und Staat sträuben, um so mehr werden sie auf lange Frist mit einem Rückgang des praktizierten Glaubens kämpfen müssen", schreibt Bude im "Merkur". Der mit der öffentlichen Sonderstellung verbundene Zwang, sich auf allen Ebenen als Volkskirche präsentieren zu müssen, fordert einen Preis, wenn man - jedenfalls, was den Einfluß im individuellen Bereich betrifft - in Wahrheit schon längst auf dem Weg zur Minderheitskirche ist. Unter dem Druck, zur Beibehaltung des rechtlichen Status quo sich nach wie vor als mehrheitsrelevant profilieren zu müssen, nimmt die Tendenz zu Abstrichen an der christlichen Verkündigung eher zu.

Der vorauseilende Gehorsam grenzt bisweilen ans Wunderliche, etwa wenn Bischöfe sich im Namen des Lebensschutzes genötigt fühlen, in ihren Beratungsstellen genau jenen wie auch immer beschrifteten Schein auszustellen, der die Abtreibung erst ermöglicht - "um Schlimmeres zu verhüten". Unter der Flagge der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung fühlt man sich gehalten, alle möglichen kirchlichen Apparate und Strukturen am Leben zu halten, ohne doch hinreichend gewährleisten zu können, daß sie noch länger durch kirchlichen Geist gedeckt sind. So scheint es nicht weiter erstaunlich, wenn die Katholische Akademie Trier-Saarbrücken vor kurzem eine ihrer Tagungen mit der These ihrer Leiterin begann: "Kirchen-Leere kommt von Kirchen-Lehre". Der Slogan sei gedacht als eine "Anfrage an die Sprache der Kirche", welche mit ihren überlieferten Begriffen wie "Gnade" und "Sünde" in der säkularen Welt wenig Integrationskraft ausübe.

Analog dazu rufen in den "Katechetischen Blättern" kirchlich legitimierte Religionsdidaktiker wie Rudolf Englert unwidersprochen das Ende des "Weitergabekonzeptes" aus: Ziel des Religionsunterrichts könnte "nicht mehr die Beheimatung in einer konfessionellen Tradition und die Einübung in die spezifische Glaubenspraxis einer Kirche" sein. Wer auf solche Weise innerhalb der Kirche ein kirchliches Vakuum eröffnet, darf sich nicht wundern, wenn er unliebsamen Funda- mentalismen Auftrieb gibt.

Auf ihrer "Suche nach neuen Legitimationsgründen" (Paul Mikat) scheinen sich die Kirchen allzu bereitwillig darauf eingelassen zu haben, als Klempner des angeblich unverzichtbaren gesellschaftlichen "Kitts" aufzutreten. Wenn es die von Böckenförde gesehene Gefahr einer "gesellschaftlich-funktionalen Reduktion" der Kirchen gibt, dann dürfte sie hier liegen: in dem Ehrgeiz, als Bindemittel für den reibungslosen Ablauf des gesellschaftspolitischen Geschäfts zu fungieren. Als Integrationsfaktor einer pluralistischen Gesellschaft macht die auf ihr Bekenntnis verpflichtete Kirche aber eine schlecht Figur. Der freiwillig hergestellte Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Integration und kirchlicher Mission führt in die Irre.

Zwar scheint es schlagend zu sein, wenn der Limburger Bischof Kamphaus in einem jüngst erschienenen "Handbuch zur Diskussion um Grundwerte heute" ausruft: "Die Schlagbäume fallen! Eine Welt! Nur durch den Markt? Nur durch die harte Währung? Ist das alles, was die Welt zusammenhält?" Doch man stutzt: Nimmt die Kirche etwa für sich in Anspruch, mit dem Geld, das die Welt regiert, als Bindemittel konkurrieren zu können? Dann säße sie einer doppelten Fehleinschätzung auf: Während sie die tatsächliche, sich ohnehin vollziehende Integration unterschätzt, überschätzt sie den Beitrag, den sie selbst gesamtgesellschaftlich nur leisten kann. In der Folge nimmt sie die gesunkene Akzeptanz der christlichen Botschaft als ein prophetisches Zeichen für die "Auflösung der Gesellschaft", wie sie in Kirchenkreisen landauf, landab an die Wand gemalt wird.

Vom Heilsweg zum Holzweg

Aber die Apokalypse läßt auf sich warten, denn es ist nun einmal eine soziologische Tatsache, daß nicht nur Übereinstimmung, sondern auch Dissens und Streit verbinden. Schon deswegen geht der Heilsweg in einen Holzweg über, wenn der Wert der christlichen Solidarität von der Integrationskraft abhängig gemacht werden soll. Gesellschaftliche Integration scheint relativ unabhängig von der Bindung an eine Einheitsperspektive zu geschehen. Zu ihrem Gelingen reicht es aus, daß die Kommunikation nicht abbricht. Es ist deshalb nichts als Panikmache, wenn die Gefahr beschworen wird, daß eine unverkürzte Weitergabe der christlichen Tradition in der "Mitte der Gesellschaft" (Annette Schavan) nicht mehr vermittelbar sei. Gerade in ihrer Differenz hat sie im Gegenteil alle Chancen, gehört zu werden. Das Risiko einer Ablehnung ist dem Christlichen seit seinen Anfängen immanent und spricht nicht gegen die Beibehaltung einer Sondersprache, in der auch Fremdworte wie "Gnade" und "Sünde" vorkommen.

Der Drang, als Kitt statt als Salz im Ganzen aufzugehen, verschenkt die Möglichkeit, im freien Spiel der Kommunikation eine Rolle zu spielen. Marx hat der Religion eine große Zukunft vorausgesagt, als er schrieb: "Sie ist nicht mehr das Wesen der Gemeinschaft, sondern das Wesen des Unterschieds". Da es sich so verhält, braucht sich die Kirche durchaus nicht veranlaßt zu sehen, in gleichgültiger Selbstgenügsamkeit in einer Nische draußen vor der Tür von Staat und Gesellschaft zu verharren und tapfer harte Botschaften ins unendliche Weltall zu senden. Sie ist vielmehr frei, mitten im Leben das zu sein, wozu sie sich beauftragt glaubt, wenn sie nicht das Minimum sondern die Fülle ihrer Botschaft verkündet: ein Zeichen, dem widersprochen wird - und das so nebenbei auch integrierend wirkt.

Christian Geyer, FAZ 11.2.1999