Diskrete Millionen in Liechtenstein

Wie die reichste Diözese der Welt ihr vermögen investiert: Der sichere Gewinn zählt

Vorbemerkung:

Der Jahreshaushalt 1995 der Erzdiözese Köln beläuft sich auf über 1.3 Milliarden Mark. Letztes Jahr brachte das „Allgemeine Kapitalvermögen“ der Erzdiözese 32,020 Millionen Mark an Zinsen. 56.360 Millionen Mark erbrachten die „Allgemeinen Rücklagen“. Vorsichtig geschätzt liegt das Geld- und Kapitalvermögen der Erzdiözese bei  rund anderthalb Milliarden Mark. „Schon vor fünfzehn Jahren“, so berichtet der Vatikan-Kenner und Journalist Hansjakob Stehle, „war das Haushaltsvolumen der reichsten Diözese der Welt viermal größer als das des Vatikans“

Liechtenstein ist nur 160 Quadratkilometer groß und - neben dem Vatikan - der katholischste Kleinstaat der Welt. Dafür bürgt das seit 1719 regierende Fürstenhaus von Liechtenstein. Seine Verbindungen zu der von Papst Johannes Paul n. geförderten katholischen Geheimorganisation Opus Dei sind vielfältig. Auch andere machthungrige konservativ-katholische Organisationen fühlen sich in Liechtenstein wie zu Hause. Etwa die Bewegung Comunione e Liberazione in der Internationalen Akademie für Philosophie (IAP) .

Gegründet wurde diese Akademie, mit der mehrere Opus-Dei-Professoren »zusammenarbeiten«, von Prinz Nikolaus (»Niki«) Liechtenstein, der das Fürstentum beim Vatikan vertritt.

Liechtensteins unverbrüchliche Treue zum Heiligen Stuhl ist alt. Als einst der faschistische Diktator Italiens, Benito Mussolini, vor den Konkordatsverhandlungen zwischen Italien und dem Kirchenstaat Papst Pius XI. bedrängte und mit der Eroberung des Vatikangeländes drohte, da bot der damals regierende Fürst von Liechtenstein seinen Staat dem Heiligen Stuhl als Zuflucht an. Auch Liechtensteins heutiger Herrscher, Fürst Hans Adam II., seit 1989 Staatsoberhaupt, hält unverbrüchlich zu Rom. Er steuerte sein Land mit 28 700 Untertanen in die Vereinten Nationen. Dort stimmt das Fürstentum in der Regel so ab wie der Vatikanstaat.

Doch Liechtenstein ist nicht nur extrem papsttreu, der Kleinstaat ist eine Steueroase und Hort ungezählter Briefkastenfinnen. Im Windschatten der Schweiz, die auf internationalen Druck ihr Bankgeheimnis lockerte, gedeiht die feste Finanzburg Liechtenstein - keine Quellensteuer, anonyme Nummernkonten - als ein Eldorado für Geldgeschäfte. Der Kleinstaat am Alpenrhein bildet eine weltweite Finanzdrehscheibe für Opus-Dei-Kreise und andere Geldanleger. Als erste und zugleich frömmste« Bank im Fürstentum gilt die 1920 gegründete Bank in Liechtenstein (EIL). Dieses internationale Geldhaus genießt unter katholisch-kirchlichen Spitzenmanagern höchstes Vertrauen. Die Erzdiözese Köln - sie gilt als die reichste der Welt - läßt ihr Geldvermögen vornehmlich von den Liechtensteinern mehren. Das Bistum Aachen verfährt ähnlich.

 Was ist merkwürdig an diesem kirchlichen Finanzgebaren? Viele hundert Millionen Mark Vermögen werden weitab von deutschen Finanzbehörden in der Steueroase Liechtenstein diskret und zinsgünstig angelegt. Mit den Liechtensteiner Kirchen-Millionen wird auf verschlungenen Wegen alles auf der Welt finanziert, was höchstmöglichen Gewinn bringt - mit christlicher Sozialethik hat dies nichts zu tun.

Der Kölner Generalvikar Norbert Feldhoff dementiert auf Anfrage von Publik-Forum die Liechtenstein-Connection nicht. Manfred Becker- Huberti. Pressesprecher des Erzbisturns Köln verweist zugleich darauf, daß das Erzbistum »mit zahlreichen Banken«, zusammenarbeite. Becker-Huberti erklärt stellvertretend für Generalvikar Feldhoff: »Im Bereich der sogenannten Ethikfonds gibt es nur sehr geringe Angebote, die hinsichtlich der Renditeerwartung auch noch ausgesprochen risikobehaftet sind. Das Erzbistum Köln bemüht sich darum, Anlagen eher aus dem ethisch neutralen Bereich auszuwählen.«

 Dagegen erklärt der an der Universität Frankfurt lehrende katholische Moraltheologe Johannes Hoffmann: Ist es sittlich vertretbar, daß die Erzdiözese Köln, die heuer einen Jahreshaushalt - natürlich ohne Vermögenshaushalt - von einer Milliarde Mark ausweist, ihr Geldvermögen der Bank in Liechtenstein ohne jede ethische Auflage zur Verwaltung anvertraut,  was - wie mir der Generalvikar bestätigte - bis heute geschieht?« Der Kölner Generalvikar Norbert Feldhoff ist zugleich der Vorsitzende des Kirchensteuerrates der Erzdiözese Köln. Auf die Frage, ob es denn nicht notwendig sei, das Kirchenvermögen »ethisch« zu investieren, antwortet Feldhoff am 18. Mai im Frankfurter Presseclub: »Geldumgang ist visionslos.« Wer sich so lapidar aus der Verantwortung für die sozialen und ökologischen Folgen seiner Geldanlagepolitik stiehlt, landet entweder - wie die meisten der gutbetuchten deutschen Diözesen - bei der Deutschen Bank oder aber, noch diskreter, bei Geldhäusern wie der Bank in Liechtenstein. Die Fürsten-Bank ist seit Generationen auf die eigenständige Verwaltung von großen Vermögen spezialisiert.

Die Bank wächst. Die 1990 gegründete deutsche Niederlassung der BIL in Frankfurt am Main berichtet: Die betreuten und verwalteten Vermögen konnten in 1994 um 12.7 Prozent auf 4,61 Milliarden Mark gesteigert werden. Zu diesem Wachstum trugen maßgeblich die Erhöhung bestehender Kundenvermögen und die Gewinnung neuer institutioneller und privater Anleger bei. Insgesamt verwaltet die BIL-Gruppe in der Liechtensteinischen Hauptstadt Vaduz laut Geschäftsbericht 1994 ein Kundenvermögen von 54.7 Milliarden Schweizer Franken, umgerechnet rund 65 Milliarden Mark. Die Kölner Einlage sei eine der großen; sie umfasse mehr als ein Prozent dieses Geldvolumens. so sickert „vertraulich“ aus der Bank in Liechtenstein. Unter Bankfachleuten gilt: Wer als Großanleger über mehr als ein Prozent des Anlagevermögens eines Geldinstituts gebietet der hat erheblichen Einfluß auf die Gesamtpolitik dieser Bank. Der Kölner Kirchen-General Feldhoff ist als Großanleger bei der Bank in Liechtenstein solch ein mächtiger Mann. Wer über  solch große Geldvermögen gebietet, hat Macht - und in besonders hohem Maße Verantwortung dafür, wo und mittels welcher Geschäfte das ihm anvertraute Geld »arbeitet«, also Erträge abwirft.

Feldhoffs Kölner Gelder wurden »ohne ethische Auflagen« an die Bank in Liechtenstein gegeben, erklärt der auf Ethik und Kirchengeldfragen spezialisierte Moraltheologieprofessor Hoffmann. Feldhoffs Sprecher Becker-Huberti entgegnet: »Wir vermeiden natürlich Anlagen in negativen Tätigkeitsbereichen wie Suchtmittelproduktion, Waffenproduktion, umweltschädigende Produkte.« Die Frage ist jedoch: Wie kann das Kölner Kirchenmanagement dies erreichen. wenn Anlagen aus dem »ethisch neutralen Bereich« ausgewählt werden? Es bleibt die Frage: Weshalb geht die reichste Diözese der Welt bislang so geheimniskrämerisch mit ihrem Geldvermögen um? Einmal, 1992.hatFeldhoff vor dem Priesterrat der Erzdiözese über sei ne Geldpolitik gesprochen: „Statt der Anlage in den sogenannten Ethikfonds fördern wir lieber Entwicklungsprojekte durch Zuschüsse.« Doch weshalb werden die Kriterien für die Kölner Anlagepolitik nicht breit und öffentlich diskutiert und auf den Stand der heutigen ethischen Diskussion gebracht? Wann garantiert die Erzdiözese, daß ihre Geldvermögenserträge aus „ethischen« Geschäften, garantiert ohne Umweltzerstörung, ohne die Ausbeutung von arm gemachten Nationen und ohne Rüstung erwachsen?

Gewiß: Kirchliche Mühlen mahlen langsam. Daß jedoch auch schwerfällige Großkirchen sich bewegen können. macht der Kölner Erzdiözese die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau (EKHN) vor. Nach mehrmonatiger interner Aufklärungsarbeit verabschiedete jüngst der aus sechs Mitgliedern bestehende „Anlageausschuß für die Versorgungsstiftung der EKHN“ einen „Grundsatz für die Anlage des Kapitalvermögens und der Mittel der Versorgungsstiftung“. Darin werden ethische Mindestanforderungen verbindlich festgelegt. etwa: keine Waffen- und Rüstungsgeschäfte, keine Glücksspielgewinne, kein Profit aus der Spirituosen- und Tabakindustrie.

Das Beispiel der Protestanten aus Hessen Nassau zeigt: Es geht. Auch Großkirchen können - verbindlich - auf eine ethische Geldpolitik umsteigen.

Publik Forum, 19.12.1995, THOMAS SEITERICH-KREUZKAMP