Betrifft Kirchensteuern: Desinformation !?

Immer wieder wird die Kirchensteuersituation in den Printmedien mit Hilfe bunter Graphiken verdeutlicht. Diese wurde z.B. am 14.9.2005 in der FR veröffentlicht und sollte den dramatischen Rückgang der Kirchensteuereinnahmen veranschaulichen.

Leider führt die  D a r s t e l l u n g  der Fakten auch zur Desinformation der Lesenden.

Vielleicht erscheint der Vorwurf einer gezielten Desinformation zu hart. Aber ganz von der Hand weisen lässt er sich auch nicht, vor allem wenn die Darstellungen in kirchlichen Medien abgedruckt werden.
Am 24.11.2002 veröffentlichte der Tag des Herrn, die Kirchenzeitung mehrerer Bistümer der Neuen Bundesländer, die nachstehende Graphik. Sie stellt die Entwicklung des Kirchensteueraufkommens der katholischen Kirche in den neunziger Jahren bis zur Vorausschätzung auf das Jahr 2002 dar. Die Zahlenangaben, von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlicht, stehen für Milliarden Euro. Der die Graphik unmittelbar erläuternde Text in Überschriftform lautete:

Schmerzhafte Schwankungen - Minus auf hohem Niveau.

 

Dazu ein paar Anmerkungen:

In den neunziger Jahren (bis 1997) ist es üblich gewesen, den Niedergang der Kirchensteuereinnahmen zu beklagen. Immer wieder wurde als Ausgangsdatum auf die Jahre 91/92 verwiesen, wie es auch heute noch geschieht, siehe die Graphiken. Die damaligen Klagen basierten auf Fakten. Deren Darstellung allerdings ist zutreffend und irreführend zugleich, denn die unmittelbare Zeit vor ´92 bleibt ausgeblendet.

In der zweiten Graphik wurden die Daten für die vorausgegangenen Jahre hinzugefügt. Danach erscheinen die Dinge in einem neuen Licht: "Schmerzhafte Schwankungen" hat es immer gegeben. Ende der achtziger Jahre waren sie sogar noch "schmerzhafter" als in den Jahren ab 1992. Infolge der Ausblendung der Jahre 1990 und 1991 wird verschleiert, dass die katholische Kirche (die ev. Kirchen übrigens entsprechend) zu den Gewinnern der deutschen Einheit zählt. Innerhalb von nur zwei Jahren erhöhten sich ihre Kirchensteuereinnahmen um knapp zwei Milliarden DM pro Jahr und blieben seitdem auf diesem relativ hohen Niveau. Bei einem Ausgangsbetrag von ca. 6 Milliarden 1990 war das also eine Steigerung um ca. 30 %. Einen solch dramatischen finanziellen Machtzuwachs haben die deutschen Bistümer zuvor noch nie verzeichnen können. Die unglaublichen Mehreinnahmen zwischen 1990 und 92 wurden nie problematisiert, und noch heute werden sie für so selbstverständlich gehalten, als habe man einen Anspruch darauf.

Die Ausblendung der Jahre vor ´92 führt weiter dazu, dass der Rückgang der Kirchensteuereinnahmen bis 1997 für beträchtlich angesehen werden konnte. Im Jahr 1997 befand man sich jedoch immer noch auf dem Niveau des Jahres 1991. Es gab eigentlich überhaupt keinen Grund zu Panikreaktionen. Gleichwohl verfehlten diese ihre Wirkung nicht:

Einige Politiker fühlten sich auf den Plan gerufen. Es sei nur an das entsetzliche Wort vom "Schleichenden Ausbluten der Kirchen" erinnert, das der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Beck 1998 in die Welt setzte. Viele Landespolitiker (Koch, Diepgen, beide CDU und Claus Möller, SPD) haben es zustimmend aufgriffen. Der damalige saarländische Ministerpräsident Klimmt versprach sogar noch 1999, seinen Einfluss auf Bundesebene gegen das ´Ausbluten der Kirchen´ geltend zu machen, als die Kirchensteuereinnahmen im zweiten Jahr in Folge wieder steil nach oben gingen und 2000 in nie gekannte Höhen vorstießen.

Der Kölner Generalvikar Norbert Feldhoff kam damals der Wahrheit näher. Er antwortete auf die Frage: Kirchliche Finanznot? "Ich bin schon dagegen, daß man die Finanzsituation als schlecht bezeichnet. Die Schwierigkeit ist, mit weniger auszukommen. Das fällt reichen Leuten auch schwer. Ich sage immer, es ist die Schwierigkeit zu entscheiden, ob man das Zweithaus in der Schweiz oder in der Eifel aufgibt, eins muß man. Und in dieser dramatischen Situation befinden sich die Kirchen. ZDF, Zur Zeit, 31. Mai 1998

Friedrich Halfmann, Sept. 2005