Die Wunderbare Immobilienvermehrung

Vorbemerkungen
Seit mehr als 20 Jahren hat der Rat der Stadt Haltern den Kirchengemeinden der Stadt die Trägerschaft der Kindergärten übertragen, so dass es 10 katholische und 1 evangelischen Kindergarten gab. Erst auf massiven Druck und unter Androhung von Klagen von Eltern wurden seit den 90er Jahren zwei neue Nicht-Konfesionelle Einrichtungen errichtet. Denn das Kindergartengesetz NRW schreibt Trägervielfalt und Elternbefragungen vor. Letztere fanden bis dahin nie statt.

Diese vorhandenen Strukturen führen in den umliegenden Dörfern, die zum Stadtgebiet gehören, zu dem im Leserbrief kritisierten Sachverhalt, seit das Land NRW allen Kindern ab 3 Jahren das recht auf einen Kindergartenplatz zugesichert hat: Die bestehenden Einrichtungen werden baulich erweitert, um eine weitere Gruppe aufnehmen zu können, denn es macht keinen Sinn, eine Ein-Gruppen-Einrichtung neben einem 2- oder 3-Gruppen-Kindergarten zu erreichten. Das aber führt zu den beklagten Konsequenzen: Wer hat, dem wird gegeben werden.

Leserbrief

Die Berichte von der Erweiterung der beiden Kindergärten in Flaesheim und Hullern sind für die unmittelbar Betroffenen ohne jeden Zweifel gute Nachrichten. Man kann sich mit den Kindern, ihren Eltern und den Erzieherinnen nur freuen, dass etwas Gutes herausgekommen ist, das auch ihren eigenen Vorstellungen entspricht.

Dennoch bleiben ein paar Dinge anzumerken, die nachdenklich stimmen. Sie betreffen die Strukturen der Kindergartenfinanzierung und eine seit vielen Jahren in Haltern geübte Praxis der Finanzierung der Kindergärten. Beides führt, obwohl den gesetzlichen Vorgaben entsprechend, zu Konsequenzen, die hinsichtlich der katholischen Kirche untragbar sind. Im Einzelnen:

Der Flaesheimer Kindergarten erhält eine Erweiterung, die DM 690 000,- kostet. Die Kosten werden zu mehr als 90% aus öffentlichen Steuergeldern bestritten. Die Kirche bringt zu 8.5 % ihren Anteil ein.

Der Kosten der Hullerner Kindergartenerweiterung belaufen sich auf 757 700, - DM. Aus allgemeinen Steuergeldern fließen gut 85%. Die Kirche beteiligt sich mit weniger als 15%.

Beide Immobilien gehen aber voll und ganz in das Vermögen der Kirche über. Gewissermaßen über Nacht ist also die katholische Kirche Halterns, ein gesetzestechnisch sogenannter und auch faktisch "reicher Träger", um mehr als 1.2 Millionen DM reicher geworden, beschenkt von allen Bürgerinnen und Bürgern unseres Landes.

Die neuen Räumlichkeiten, nahezu vollständig aus öffentlichen Mitteln finanziert, beherbergen Gruppen, die ganz selbstverständlich unter kirchlicher Flagge segeln. Das Bistum Münster wird nicht müde zu betonen, ein wie wichtiger Bestandteil der Seelsorge die Kindergartenarbeit sei. Darum müsse auf der Respektierung der kirchlichen Einstellungs- und Arbeitsbedingungen für die Erzieherinnen mit allen damit verbundenen Konsequenzen bestanden werden. Das heißt, wer den kirchlichen Normen nicht entspricht, kann letztlich nie sicher sein, auf Druck der Bistumsleitung von seinem Arbeitsplatz entfernt zu werden.

Eine weitere Konsequenz: Junge Frauen, die den Beruf der Erzieherin gewählt haben und in Ehesachen Pech bzw. die Frage der Kirchenzugehörigkeit falsch geregelt haben, müssen um Haltern einen großen Bogen machen. Für sie besteht in diesem Raum ein nahezu vollständiges Berufsverbot. Das war bisher auch schon so. Jetzt aber wurde das faktische Monopol der katholischen Kirche an diesen Arbeitsplätzen noch einmal um ein weiteres Stück ausgebaut.

Das alles geschieht, wie gesagt, nach geltendem Recht und leider auch mit der Zustimmung des Rates unserer Stadt. Dennoch wäre es gut zu wissen, wer solche Entwicklungen in der Sache wirklich noch für akzeptabel hält.

Die katholische Kirche müsste schon aus ureigenstem Interesse von einigen ungerechten Strukturen Abschied nehmen. Denn als Christen berufen wir uns in unseren religiösen Überzeugungen auf Jesus von Nazareth. Von ihm wird u.a. die Wohltat der wunderbaren Brotvermehrung (natürlich für andere) verkündet. Zwei katholische Gemeinden in Haltern könnten momentan besser die Frohe Botschaft von der "Wunderbaren Immobilienvermehrung" (natürlich für sich selbst) verkünden. - Man darf gespannt sein, wie lange das gut geht.

Friedrich Halfmann, Römerstr. 90, 45721 Haltern