Kirchenfirma hat in gutem Glauben getäuscht 
Von Joachim Frank

Eine Firma der rheinischen evangelischen Kirche hat sich um 20 Millionen Euro verzockt.
Das Ansehen der Kirchenleitung ist derzeit zumindest angekratzt.

Will einer moralische Instanz sein, gerät er in besondere Turbulenzen, sobald sein Wirken von den hehren Ansprüchen abweicht. Nein, hier ist ausnahmsweise nicht schon wieder vom Bundespräsidenten die Rede. Es geht um die Evangelische Kirche im Rheinland. An der Spitze der zweitgrößten deutschen Landeskirche mit 2,8 Millionen Mitgliedern steht Präses Nikolaus Schneider, seit 2010 auch Ratsvorsitzender der EKD und damit ranghöchster Repräsentant des deutschen Protestantismus. Schneider, Kind einer Arbeiterfamilie, hält die soziale Verantwortung der Kirche hoch, geißelt wortgewaltig die Gier der Kapitalmärkte – und hat jetzt einen Finanzskandal im eigenen Haus. Unbemerkt von der kirchlichen Aufsicht, hat sich eine eigene Firma dermaßen verzockt, dass die Landeskirche 20 Millionen Euro zuschießen musste, um den Betrieb zu retten.

„Zocken“ ist freilich noch die harmlose Umschreibung dessen, was die Geschäftsführung des „Beihilfe- und Bezügezentrums“ (bbz) im rheinland-pfälzischen Bad Dürkheim über Jahre getrieben hat. Nach Strafanzeigen der Landeskirche ermitteln die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern sowie das Landeskriminalamt Mainz inzwischen gegen neun Beschuldigte wegen Betrugs, Bilanzfälschung und Untreue.

Das bbz mit etwa 90 Beschäftigten fungiert als Dienstleisterin für Kirchen und andere öffentlich-rechtliche Institutionen. Für seine 1200 Kunden rechnete es 2009 und 2010 jeweils etwa 120.000 Beihilfefälle und monatliche Personalkosten für 25.000 Beschäftigte ab. Das Geschäftsmodell basiert darauf, dass die Kunden Geld, das zum Beispiel für die Sozialkassen bestimmt ist, früher zur Verfügung stellen, als es ausgezahlt wird. In der Zwischenzeit kann die Abrechnungsfirma damit Zinserträge erwirtschaften.

Traumhafte Renditen

Nun war es um solche Transaktionen in den vergangenen Jahren bekanntlich nirgends zum Besten bestellt. Beim bbz kam aber erschwerend hinzu, dass auf Empfehlung eines „externen Finanzmaklers“ – die Ermittler gehen von einem Kapitalbetrüger aus – acht Millionen Euro über eine Liechtensteiner Bank in einen nicht börsennotierten Fonds in der Schweiz gesteckt worden sein sollen. Das hochriskante Geschäft versprach traumhafte Renditen, die aber nie zustande kamen. Klar ist, dass die fehlenden Einnahmen gleichwohl zum größten Teil in der Bilanz verbucht wurden. So häuften sich Verluste auf, ohne dass diese bemerkt worden wären. Die Jahresabschlüsse seit 2007 wurden gar nicht oder nur teilweise testiert; in mindestens einem Fall wurde ein Zahlungseingang vorgetäuscht, wie der leitende Jurist der rheinischen Kirche, Christian Drägert, mitteilte.

Die finanzielle Schieflage bei der bbz ist seit Monaten bekannt. Die Brisanz der Hintergründe allerdings wurde erst nach und nach deutlich. Während Schneider im vorigen Dezember noch eher zurückhaltend beklagte, dass Manager im kirchlichen Dienst „Maß und Ziel aus den Augen verloren“ und damit auch „viel, viel Geld“ verloren hätten, sprach er jetzt auf der Jahrestagung der rheinischen Synode, des Kirchenparlaments, von „erheblicher krimineller Energie“ und von einem regelrechten Diebstahl. Zudem sieht sich Schneider mit einem Versagen der bbz-Gesellschafterversammlung konfrontiert. An der Spitze dieses Aufsichtsgremiums stand bis vor Kurzem Finanzdezernent Georg Immel.

Seit Dezember lässt der 58-Jährige sein Amt ruhen. Neben den strafrechtlichen Ermittlungen gegen die Drahtzieher des Spekulationsgeschäfts und das frühere bbz-Management laufen dienstrechtliche Verfahren gegen kirchliche Mitarbeiter.

Gemessen an Kirchensteuereinnahmen von 570 Millionen Euro für 2011, nehmen sich 20 Millionen zunächst nicht übermäßig dramatisch aus. Allerdings ist das meiste Geld aus der Kirchensteuer fest verplant. Der Ausgleich für die Machenschaften bei der bbz kommt allein aus Rücklagen. Das bedeutet zwar keine Extra-Belastung für die Gemeinden, betont Drägert. Trotzdem seien Sparmaßnahmen „so nur schwer zu vermitteln“. Von kirchlichen Mahnungen ganz abgesehen. Für Schneider ist es „eine bittere Erkenntnis“, dass auch kircheneigene Firmen „den von uns erkannten Wegweisungen Gottes für ein gerechtes Wirtschaften nicht gerecht wurden“.

Die Kirchenleitung sichert eine Aufarbeitung ohne Tabus zu. Alle ehemals Handelnden sind abgelöst, ein strafferes Controlling ist versprochen. Die Basis in Bad Neuenahr würdigte den Kurs umfassender, schonungsloser Information über die Affäre. Gleichwohl machte sie ihrem Unmut und ihrer Bedrückung Luft. Von einer Gesamtverantwortung der Kirchenleitung war die Rede. Teilnehmer an internen Beratungen sprechen von angekratztem Vertrauen – auch bei der Kirchenleitung selbst. Es muss an ihr nagen, dass sie sich in gutem Glauben täuschen ließ. Über die Zukunft des bbz soll bis Ende Juni entschieden werden. Auf der Synode brachte Drägert eine Abwicklung ins Gespräch, falls die Kunden eine Sanierung durch höhere Beiträge nicht mittragen wollten. Die weitere Finanzierung eines defizitären Unternehmens sei jedenfalls „nicht zu verantworten“.

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Joachim Frank ist Chefkorrespondent der Frankfurter Rundschau.