Entwicklungshilfe Ambulanz für Arme nur auf Papier

Wie rund 300 000 Euro Spenden in Tansania verschwanden - und warum kirchliche Hilfswerke in Deutschland sich mit der Bekämpfung der Korruption so schwer tun.

VON MATTHIAS THIEME

Über Korruption in der kirchlichen Entwicklungshilfe sprach Bischof Alex Malasusa nicht, als er am in dieser Woche mit Hamburgs Wirtschaftssenator im Turmsaal des Rathauses speiste. Der oberste Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania plauderte lieber über Städtepartnerschaften und die engen Verbindungen von Kirchengemeinden beider Länder.

Ob diese Verbindungen teilweise zu eng sind, um Korruption wirksam zu bekämpfen, wird in Kirchenkreisen zurzeit hitzig diskutiert. Dabei geht es auch um besonders krasse Fälle verunglückter Entwicklungshilfe. Der FR liegen umfangreiche Dokumente über solche Projekte deutscher Hilfswerke in Tansania vor, die zeigen, dass Spendengeld in sechsstelliger Höhe veruntreut wurde.

Betroffen sind das evangelische Hilfswerk "Mission Eine Welt", das Nordelbische Missionswerk (NMZ)und die sächsische Kirchenprovinz (KPS). Dass viel Geld verschwunden ist, bestreitet dort niemand. Doch über die Frage, wie solch ein Scheitern von Hilfe künftig vermieden werden kann, tobt bis heute ein Streit.

Der Arzt

Rainer Brandl hat schon vieles gesehen. Aber es gibt ein Erlebnis, das den 44-jährigen Mediziner nicht mehr loslässt. Das ihn anhaltend wütend macht auf die Entwicklungshelfer der Kirche. Auf ihre Ignoranz und ihre Beschwichtigungen. Hunderte anklagende E-Mails hat Brandl wegen dieser Sache schon geschrieben.

Drei Jahre lang hat der österreichische Arzt eine Station für Aids-Patienten im Krankenhaus der tansanischen Kleinstadt Bulongwa geleitet. Mit modernen Geräten und Medikamenten hat er den Patienten geholfen in einem Land, in dem fast jeder zweite Mensch mit Aids infiziert ist und ein Menschenleben durchschnittlich nur 50 Jahre dauert.

Doch als Brandl am 17. April 2006 morgens zum Krankenhaus kommt, stehen 30 Polizisten mit Maschinenpistolen vor dem Eingang. Sie hindern den Arzt unter Androhung von Gewalt, das Gebäude zu betreten. Nur seinen Laptop darf Brandl noch mitnehmen. Die wertvollen medizinischen Geräte, die der österreichische Arbeitskreis für Weltmission finanziert hatte, werden beschlagnahmt. Die Patienten werden ab dann nur noch von unausgebildetem Personal versorgt, die medizinische Hilfe bleibt aus. "Ich wurde von Mitgliedern der tansanischen Kirche bedroht", sagt Brandl. "Ich musste das Land zu meiner eigenen Sicherheit verlassen."

Brandl ist sich sicher, dass er aus dem Krankenhaus geworfen wurde, weil er den damaligen Bischof der Diözese, Shadrack Manyiewa, und andere Kirchenmitglieder der Korruption verdächtigte. Er wirft den deutschen Hilfswerken vor, nichts gegen den korrupten Bischof und die Misswirtschaft in den Projekten unternommen zu haben. "Die Kinder und die Armen leiden mehr unter der Kriminalität jener, die die Hilfsgelder vor Ort kontrollieren, als wenn die Hilfe nicht käme", ist Brandl überzeugt.

Deshalb handelte er selbst. Einer Selbsthilfe-Gruppe von Aids-Patienten, die etwas gegen die Korruption tun wollten, half Brandl, einen Buchprüfer zu engagieren. Dessen Bericht über das Finanzgebaren der Verantwortlichen in den Hilfsprojekten war entlarvend. Es gab Aufregung, die Presse in Tansania berichtete ausführlich und der umtriebige Arzt Rainer Brandl wurde für manche Kirchenleute zur Hassfigur. Für Brandl wiederum ist die Kirche blind gegenüber Korruption in ihren tansanischen Partnergemeinden und schadet damit mehr als sie hilft. "Durch die Schließung der Aids-Station sind Patienten gestorben, weil sie nicht mehr angemessen behandelt werden konnten", sagt Brandl, "dafür ist die deutsche Kirche mitverantwortlich."

Der Wirtschaftsprüfer

Rayben Sanga lebt in der tansanischen Hauptstadt Daressalam und hat die Mittelverwendung in den Hilfsprojekten akribisch untersucht. Es sind endlose Listen, die der unabhängige Wirtschaftsprüfer angefertigt hat. Listen, die in nüchternen Zahlen von einem Desaster erzählen. Vom Scheitern der Hilfe, von verschwundenem Spendengeld. Von Diebstahl, Korruption und Trickserei.

Ergebnis: Rund 300 000 Euro aus überwiegend deutschen Spenden sind in Tansania nie bei den Menschen angekommen, für die das Geld gedacht war. Stattdessen wurden von den Verantwortlichen in den Projekten große Beträge abgezweigt, Löhne doppelt ausgezahlt, oder Gehälter an Verstorbene überwiesen. Auch der örtliche Bischof, Shadrack Manyiewa, langte kräftig zu und ließ sich für 60 000 Euro einen neuen Geländewagen finanzieren, verkaufte sein erst fünf Jahre "altes" Auto und strich den Gewinn zusätzlich ein.

Punkt für Punkt konnte jeder in den Berichten des Wirtschaftsprüfers Sanga nachlesen, wie Hilfsgeld im korrupten Sumpf versickert. Wenn Spender in Deutschland etwa noch glaubten, sie hätten eine Ambulanz im Krankenhaus Bulongwa finanziert, belehrte sie der Prüfer: "Ich komme von Bulongwa und habe noch nie eine Ambulanz im Krankenhaus gesehen. Wo ist sie versteckt?"

Auch Spenden für Biogasanlagen oder Schulprojekte - laut Sangas Bericht sind sie niemals angekommen. Selbst bereits überwiesenes Geld für eine Operation des Bischofs wurde noch einmal von der lokalen Bevölkerung eingesammelt. Für Rayben Sanga haben auch die kirchlichen Werke aus dem Norden bei der Kontrolle der Projekte weitgehend versagt. Der Betrug war offenbar klar erkennbar. So verbuchten die Verantwortlichen seitenlang dubiose Zahlungen unter dem Betreff "Weihnachtskuchen". Selbst eine deutsche Mitarbeiterin des Nordelbischen Hilfswerks soll sich bereichert haben und taucht namentlich immer wieder in den Mängellisten auf. Die Frau sei vorzeitig in den Ruhestand versetzt worden, teilt die Kirche mit. Ermittelt wurde gegen sie aber nicht.

Der Pfarrer

Manfred Scheckenbach ist in Bayern bei der Mission Eine Welt zuständig für die Projekte in Tansania. Er spricht viel von Partnerschaft und Augenhöhe, wenn es um die Zusammenarbeit mit den afrikanischen Diözesen geht. Man dürfe nicht paternalistisch sein und müsse Geduld haben, meint Scheckenbach. "Wir sind Kirche und haben seit 60 Jahren Verbindungen nach Tansania", sagt er.

Scheckenbach denkt bei der Entwicklungshilfe in langen Zeiträumen. Den Arzt Brandl mit seinem öffentlichen Kampf gegen Korruption sieht er eher als Provokateur und Aufwiegler. "Er entdeckte Korruption und ging an die Presse - wir wollten in der Kirche diskutieren", sagt Scheckenbach. "Brandl wollte den Bischof absägen - wir haben innerhalb der Kirche eine andere Strategie." Die Missionswerke seien frei von Schuld. Zwar habe eine externe Untersuchung bestätigt, "dass die Vorwürfe der Unterschlagung stimmen", sagt Scheckenbach. "Aber wir haben sofort alle Zahlungen gestoppt". Die Verantwortlichen seien alle nicht mehr in ihren Ämtern.

Es seien Gerichtsverfahren gegen die Verantwortlichen anhängig, sagt der Pfarrer. Urteile gebe es aber noch nicht. "Das wird mit allen Winkelzügen verzögert." Der korrupte Bischof sei mittlerweile abgewählt. "Wir waren konsequent", meint Scheckenbach.

Korruption zu bekämpfen sei auch Aufgabe der dortigen Gemeinden, sagt Scheckenbach. Bald werde die Mission eine Welt aus Bayern wieder Geld nach Tansania überweisen. An das neue Management der Diözese. Man werde nur noch in Raten zahlen und die Bücher prüfen. Und darauf vertrauen, dass die tansanischen Partner das Problem lösen wollen.

"Wir haben nicht die volle Kontrolle dort", meint auch sein Kollege Volker Schauer vom Nordelbischen Missionswerk, "das wollen wir auch gar nicht." Man könne in der Entwicklungshilfe nicht als machtvoller Geldgeber auftreten. "Das ist nicht unser Verständnis von christlicher Zusammenarbeit", sagt Schauer. "Wir spielen nicht die Retter der Enterbten."

Der Außenseiter

Gottfried Mernyi hat nur noch wenig Verständnis für solche Rechtfertigungen und spricht von einem "falschen Verständnis von Partnerschaft". Mernyi ist Geschäftsführer des Evangelischen Arbeitskreises für Weltmission in Österreich. Wegen der mangelnden Bereitschaft der Deutschen, die Korruption zu bekämpfen, arbeite man in Tansania nicht mehr mit den deutschen Hilfswerken zusammen, sagt Mernyi. "Es wurde überhaupt nichts aktiv aufgeklärt, sondern nur auf öffentlichen Druck reagiert", so Mernyi. Die kirchlichen Werke aus Deutschland hätten die Verantwortlichen der tansanischen Partnerkirche lange nicht zur Rechenschaft gezogen. Das Schweigen und der Versuch, Veruntreuungen durch kirchliche Würdenträger der tansanischen Kirche nicht öffentlich zu machen, hätten offenbar System.

Kritikern an diesen Zuständen werde entweder Paternalismus oder Kirchenfeindlichkeit vorgeworfen. Die Deutschen Werke "wussten spätestens seit Frühjahr 2006 von diesen Veruntreuungen, ohne dass rechtliche Konsequenzen gezogen wurden", sagt Mernyi. Die Deutschen Funktionäre der genannten Missionswerke hätten mit ihrer Entscheidung, die Dinge lediglich kirchenintern zu regeln, kriminellen Handlungen zumindest Vorschub geleistet. "Die Öffentlichkeit in Tansania und Deutschland und vor allem die Spender wurden über die kriminellen Machenschaften und das Ausmaß der systemischen Korruption nicht informiert", so Mernyi. Aus kirchenpolitischen Erwägungen hätten sich die Deutschen Hilfswerke zudem geweigert, gegen die mit Polizeigewalt durchgesetzte Aussperrung des Arztes Brandl Einspruch zu erheben.

Der Oberkirchenrat

Michael Martin ist die Sache peinlich. "Das ist ein Riesenproblem", sagt der Oberkirchenrat der bayerischen Landeskirche. "Wir haben auch eine Verantwortung gegenüber den Spendern." Doch die Korruption sei in der Entwicklungshilfe alltäglich. In den vergangenen Jahren seien in Tansania fünf Bischöfe wegen Misswirtschaft abgewählt worden. "Das gehört zu unserer ständigen Arbeit", so Martin. Für die Kirchenoberen in Afrika sei es "eine Riesenversuchung, wenn sie plötzlich Projektmittel in Millionenhöhe erhalten". Oft würden Summen abgezweigt, um Bekannte zu versorgen.

Im konkreten Fall habe man den Bischof aber nicht öffentlich der Korruption bezichtigen wollen. "Ein Angriff hätte Solidarisierung bewirkt, meint Martin. "Wir haben auf die Selbstheilungskräfte vertraut, bis die Leute gesehen haben: der amtiert dort wie ein Stammesführer". Jetzt wolle man mit dem neuen Management "überlegen, wie wir aus diesem korrupten Sumpf herauskommen". In einem Projekt habe man die Leitung wieder übernommen, weil der Bischof nur Verwandte einstellte, aber einen Hilfs-Paternalismus wolle man vermeiden. "Da stoßen Welten aufeinander, wenn wir mit unseren Vorstellungen von Hilfe kommen", sagt Martin. "Aber wir können die Menschen nicht zu Europäern machen."

Der Vermittler

Reinold Thiel ist Gründungsmitglied von Transparency Deutschland und hat lange in der Entwicklungshilfe gearbeitet. Er kennt die Probleme aus eigener Anschauung. Mit anderen Fachleuten aus der Entwicklungshilfe hat er einen Bericht zu Korruption in der Entwicklungshilfe und den speziellen Problemen der Kirchen mit ihren wenig transparenten Strukturen geschrieben. Gemeinsam mit den Kirchen sei der Bericht entstanden, nicht gegen sie, betont Thiel. Intern wollten die Kirchen den Bericht diskutieren, veröffentlichen lieber nicht. Dann stand der Bericht in der Zeitung - den Kirchen war das zu viel. Hauptsache, das Thema wird angegangen, meint Thiel und sitzt zwischen allen Stühlen.

Copyright © FR-online.de 2008 Dokument Erscheinungsdatum 27.06.2008
URL: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1358515