Gemeinschaft Hamburger Hauptkirchen, Dezember 2001

1. Notruf der Hauptpastoren

"Das Volk hat seine Einstellung zur Institution Kirche geändert, also hat sich auch die Volkskirche zu ändern." Mit diesem spektakulären Hilferuf haben sich die fünf Hamburger Hauptpastoren jetzt an die Öffentlichkeit gewandt. Acht Seiten umfasst eine Art Manifest, in dem die Geistlichen eine grundlegende Reform der evangelischen Kirche fordern, die Freiwilligkeitskirche.

Hintergrund für diesen bisher wohl einmaligen Vorstoß sind schlecht besuchte Gottesdienste, marode Kirchengebäude, immer weniger Geld in der Kasse, dramatisch sinkende Mitgliederzahlen (1991: rund 730 000, 2001: 587 300). Das von Helge Adolphsen, Ferdinand Ahuis, Axel Denecke, Wilfried Kruse und Lutz Mohaupt unterzeichnete Papier bekam Hamburgs Bischöfin Maria Jepsen gestern zugesandt.

Und das fordern die Geistlichen unter anderem:

Jeder soll künftig für einen selbst gewählten Zeitraum Mitglied einer bestimmten Kirchengemeinde werden können. Die Kirchensteuer würde in solchen Fällen durch ein freiwilliges "Kirchgeld" ersetzt, das nach dem Hebesatz der Kirchensteuer berechnet wird. Hauptpastor Axel Denecke zum Hamburger Abendblatt: "Das Geld würde prozentual, zum Beispiel 70 zu 30 Prozent, aufgeteilt zwischen Gemeinde und der Großkirche Nordelbiens." Grundsätzlich halte man aber am Kirchensteuersystem fest.
Auch Hamburger ohne Konfession sollen künftig die Möglichkeit zu einer kirchlichen Taufe oder Konfirmation ihrer Kinder (möglicherweise gegen Gebühr) oder zu einer kirchlichen Bestattung von Angehörigen bekommen, auch wenn diese selbst keiner Kirche angehören. Die Bestattung sei eine "diakonische Tat. Glauben wir im Ernst", fragen die Pastoren, "dass es der Kirche schadet, wenn ein Abtrünniger kirchlich bestattet wird, solange dies Angehörige tröstet?"
Die 209 Hamburger Gemeinden müssten spezielle Angebote machen. Gospel sei sehr gefragt, Gottesdienste für Familien oder ausschließlich für Frauen. Und politische Veranstaltungen. Ferner müsse nicht in jeder Kirche sonntags ein Gottesdienst stattfinden, "wenn nur zehn Menschen in den Bänken sitzen".
Auch Kritik an den Kirchenoberen wird laut: Mit "Normen, patriarchalisch und autoritär" müsse Schluss sein. Kirchen sollten wieder Orte des Gesprächs werden, "Meinungen müssen offen und ohne falsche Verschämtheit diskutiert werden, statt sie von oben herab zu verkünden." Immer häufiger, sagen die Geistlichen, wollen Menschen in einer bestimmten Kirchengemeinde Mitglied sein. Weil sie den Pastor besonders schätzen, "ihre" Kirche um die Ecke lieben oder das soziale Engagement einer Einrichtung gezielt unterstützen wollen. Solch bewusste Kirchenmitgliedschaft müsse gewürdigt werden, "mit klaren Rechten und Pflichten".

Für die Basis der Kirche wünschen sich die fünf Geistlichen mehr Macht. Im Manifest heißt es: Zu viel Regiment von oben verhindere Innovation. Die Gemeindemitglieder sollen vor Ort entscheiden können, was in ihrer Kirche passiert und was nicht.


2. Hamburger Thesen spalten die Kirche
Bescherung im Advent: Reformvorschläge der fünf Hauptpastoren sorgen für Wirbel

Volles Haus: Der Michel braucht sich über mangelnde Besucher nicht zu beschweren Foto: Kujath
Von Edgar S. Hasse und Matthias Iken
Die Weihnachtsüberraschung war ihnen gelungen: An ihren Dienstvorgesetzten, den Pröpsten des Kirchenkreises Alt-Hamburg, vorbei haben jetzt die fünf Hamburger Hauptpastoren grundlegende Reformen in der Kirche angemahnt. Damit lösten sie mit ihrem Manifest "Volkskirche als Freiwilligkeitskirche" wenige Tage vor dem Fest heftige Kontroversen in Kirche und Gesellschaft aus.

In ihrer am Mittwoch veröffentlichten Erklärung hatten Helge Adolphsen (St. Michaelis), Lutz Mohaupt (St. Jacobi), Axel Denecke (St. Katharinen), Ferdinand Ahuis (St. Nikolai) und Wilfried Kruse (St. Petri) den Übergang von der "Volkskirche zur Freiwilligkeitskirche" gefordert. Die Kirche und ihre Gemeinden dürften nicht länger "geschlossenen Systeme" sein. Zu den Reformvorschlägen zählt eine Mitgliedschaft auf Zeit sowie ein freiwilliges Kirchgeld. Auch das Tauf-, Trauungs- und Beerdigungsrecht müsse flexibler gehandhabt werden. In einer Situation, in der die Identifizierung mit der Kirche als Institution abnehme, sei es "ein frommer Wunschtraum", die traditionellen kirchlichen Strukturen aufrechterhalten zu wollen. Bereits im Februar 1994 hatten die Hauptpastoren viel beachtete Thesen zur "Zukunft der Volkskirche" vorgelegt. Ihr neues Papier verstehen sie als eine "Zwischenbilanz nach sieben Jahren". Dementsprechend halte sich die "Aufregung in Grenzen", sagt Ocke H. Peters, Sprecher der nordelbischen Kirche in Kiel. Allerdings beinhalten die Forderungen durchaus Zündstoff.

Denn nicht alles, was die fünf Geistlichen vorschlagen, stößt auf Zustimmung bei den Kirchenoberen. "Ich hätte es günstiger gefunden, wenn wir vorher miteinander geredet hätten", erklärte Propst Karl-Günther Petters vom Kirchenkreis Alt-Hamburg. Die angedachte Kirchenmitgliedschaft auf Zeit widerspräche dem Grundgedanken der Kirche. "Eine Art Schnuppermitgliedschaft halte ich nicht für zukunftsfähig." Auch zum Kirchensteuersystem gebe es keine tragbare Alternative. Er sei "betrübt", wenn der Zustand der Kirche schlechter geredet werde, als er wirklich sei.

Die Thesen spiegelten "eine Diskussion wider, die in vielen Hamburger Kirchengemeinden und Synoden und auch auf nordelbischer Ebene seit längerem geführt wird", sagte Hamburgs evangelisch-lutherische Bischöfin, Maria Jepsen. Gleichzeitig schränkte sie aber ein: "Die verantwortlichen Gremien müssen die gesamtkirchliche Perspektive im Blick behalten. Deshalb muss die Debatte auch die unterschiedliche volkskirchliche Situation in ländlichen und städtischen Gemeinden berücksichtigen."

Auch andere Theologen hatten betont, dass die Hauptpastoren vor allem die Situation in der Metropole Hamburg zum Maßstab für ihre Forderungen gemacht hatten.

Bürgermeister Ole von Beust lobte gegenüber der WELT die Initiative der Hauptpastoren als "interessant, weil sie viel Bereitschaft zur Veränderung zeigt und den Willen, den heutigen Erwartungen der Menschen gegenüber den Kirchen gerecht zu werden". Gleichzeitig betonte er den unverzichtbaren Beitrag der Kirchen zu den wichtigen sozialen und politischen Fragen: "Ich kann und will mir keine Gesellschaft vorstellen, in der die Kirchen keine tragende, wahrnehmbare Rolle spielen

Die Welt Hamburg 22.12.2001

 

3. Eintritt frei?
Mitgliedschaften auf Zeit und Taufen gegen Gebühr. Das fordern fünf Hamburger Pastoren in einem ungewöhnlichen Thesenkatalog
Von Edgar S. Hasse und Matthias Iken

Stille Nacht, Heilige Nacht? Kurz vor Weihnachten melden sich die fünf Hamburger Hauptpastoren lautstark zu Wort - und stören damit die weihnachtliche Stimmung in der evangelischen Kirche. In einem neunseitigen Thesenpapier mit dem Titel "Volkskirche als Freiwilligkeitskirche" mahnen sie dringende interne Strukturreformen an. Würden die Thesen der Geistlichen umgesetzt, läutete dies wohl den Abschied von der traditionellen Volkskirche ein. Denn: Nötig seien tief greifende Änderungen im Tauf-, Trauungs- und Beerdigungsrecht sowie der Abschied von einer "flächendeckenden Versorgungskirche", heißt es in dem von den Pastoren Axel Denecke, Helge Adolphsen, Lutz Mohaupt, Ferdinand Ahuis und Wilfried Kruse unterzeichneten Papier.

In der weitgehend säkularisierten Metropole Hamburg, wo nur 34 Prozent der Bevölkerung der nordelbischen Kirche angehört, sorgen die modernen Reformatoren mit ihren Thesen für reichlich Diskussionsstoff. Vor allem die Hüter volkskirchlicher Strukturen fürchten, dass sich die 2000 Jahre alte Institution damit auf dem Weg zu einem reinen Dienstleistungsunternehmen begibt, das in Zeiten leerer Kirchenbänke lediglich auf quasi wirtschaftliche Größen wie Angebot und Nachfrage reagiert.

So setzen die fünf Geistlichen, die ein ähnliches Papier bereits 1994 vorgelegt hatten, auf das Prinzip der Freiwilligkeit. Dazu gehören eine zeitlich begrenzte Mitgliedschaft, ein "freiwilliger Kirchenbeitrag", der das bisherige Kirchensteuersystem ergänzt, und eine schlankere Organisation. Damit greifen die Hauptpastoren indirekt Vorschläge von Unternehmensberatungen wie Lischke Consulting (Hamburg) und Mc Kinsey (München) auf. In der so genannten "Freiwilligkeitskirche" sollten beispielsweise auch jene kirchlich bestattet werden, die aus der Kirche ausgetreten seien. Möglich wären auch Taufen und Konfirmationen gegen Gebühr. Die evangelische Kirche dürfe nicht "allgemeinverbindliche Normen und Weisungen von oben herab" erlassen, heißt es.

Die Thesen sorgten in der Leitung der nordelbischen Kirche in Hamburg und im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover für eine gelungene Weihnachtsüberraschung, denn das Papier wurde an den Dienstvorgesetzten der fünf Hauptpastoren, den Pröpsten im Kirchenkreis Alt-Hamburg, vorbei an die Öffentlichkeit lanciert. Hamburgs Bischöfin Maria Jepsen bewertete den Vorstoß in einer ersten Stellungnahme "als einen Beitrag zur Diskussion um die Zukunft der Volkskirche". Kirche könne aber "nicht nur an so genannten Erfolgszahlen gemessen werden". Außerdem müsse die unterschiedliche volkskirchliche Situation auf dem Lande berücksichtigt werden.

Auch das EKD-Kirchenamt in Hannover meldete sich zu Wort. EKD-Sprecher Thomas Krüger erklärte dazu: "Im Rahmen einer solchen kritischen Auseinandersetzung wird auch zu fragen sein, ob die Verwendung des Begriffes ,Freiwilligkeitskirche' als vorgebliches Gegenbild zu bestehenden Verhältnissen zutreffend und weiterführend ist. Es ist geradezu eine Karikatur der gegenwärtigen Situation, wenn die Autoren schreiben, dass die evangelische Kirche als Freiwilligkeitskirche ,kein in sich geschlossenes uniformes System mehr sein' könne, ,das für alle Menschen verbindliche Normen und Weisungen patriarchalisch und autoritär mit quasi dogmatischem Allgemeinverbindlichkeitsanspruch' vorhalte." Die evangelische Kirche sei von ihrem Wesen her Volkskirche und Freiwilligkeitskirche.

Dass die Volkskirche noch längst nicht am Ende sei, davon zeigt sich auch der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche (VELKD), Hans Christian Knuth, überzeugt: "Unser Auftrag bleibt es, Kirche für die ganze Bevölkerung zu sein. Wir wollen nicht nur für unsere Mitglieder da sein." Zudem ließen sich die Thesen, die in einer säkularisierten Metropole entstanden seien, nicht auf ländliche Situationen übertragen.

Doch der Forderungskatalog der fünf Hamburger Pastoren hat auch eine politische Dimension: Zwar soll am gegenwärtigen Kirchensteuermodell festgehalten werden, allerdings würde der Übergang von der "Volkskirche zur Freiwilligkeitskirche" das gewachsene Modell aushöhlen - nicht zuletzt durch die Modelle einer gestuften Kirchenmitgliedschaft. In diesem Zusammenhang plädieren die Pastoren für eine "tief greifende Änderung nicht nur des kirchlichen Mitgliedschaftsrechts, sondern auch des Amtshandlungsrechts und der Amtshandlungspraxis sowie des Kirchensteuerrechts."

Bislang wird die Kirchensteuer vom Finanzamt über die Lohn- und Einkommenssteuer eingezogen. Von den rund 17 Milliarden Mark, die jährlich zusammenkommen, fließt über die Hälfte in die Seelsorge, ein beträchtlicher Teil aber auch in soziale Einrichtungen und den Unterhalt von Kirchenbauten. Die großen Kirchen haben sich immer wieder um eine Fortführung der historisch gewachsenen Kirchensteuererhebung eingesetzt. Nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz würde bei kircheneigenen Steuereinzugsstellen rund 20 Prozent der Kirchensteuer allein in deren Verwaltung fließen.

Politiker reagierten auf die Forderungen mit Zurückhaltung. "Ich halte in der Kirche keine Organisationsdebatte für vorrangig, sondern die Diskussion, wie die Kirche ihre Botschaft deutlicher machen kann", sagt Hermann Kues, kirchenpolitischer Sprecher der CDU. Ausdrücklich sprach auch er sich für eine Beibehaltung des Kirchensteuersystems aus. "Ich fände es sehr ungewöhnlich, wenn nun die Kirchen den Ast absägen wollen, auf dem sie sitzen."

Hingegen ist für die Grünen-Politikerin Christa Nickels eine Debatte über die Finanzierung von Kirche notwendig. Zwar hält sie es derzeit für das Beste, am Status quo bei der Kirchensteuer festzuhalten. Gleichzeitig mahnt sie aber Reformen. Das begründet sie mit der zunehmenden Pluralisierung und dem damit einhergehenden Mitgliederschwund: "Die Kirchen sollten sich frühzeitig darauf einstellen, vor allem für ihre religiösen Aufgaben neue Einnahmequellen bei ihren Mitgliedern zu erschließen." Mitarbeit: fac

Die Welt Hamburg 22.12.2001