Wie Kardinal Meisner dem Kapital das Erzbistum Köln zu Füßen legt: Kirchen-Ausverkauf

Von Werner Rügemer

Wenn der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner gegen „entartete Kunst“, Schwangerschaftsabbruch und Moralverfall polemisiert, wenn Kabarettisten und grüne Politiker ihn als „Hassprediger“ bezeichnen, dann leuchten die Augen der großen Medienmacher. In solchen Fällen darf man den reaktionären Kirchenfürsten auch mal kritisieren, denn da geht er doch ein bißchen zu weit über die öffentlich gepredigte political correctness hinaus.

Andere Aktivitäten des Kardinals und seines militanten Opus-Dei-Stoßtrupps werden allerdings im gnädigen Dunkel belassen. Über die regelmäßigen Militär-Gottesdienste im Kölner Dom (der nächste ist für den 10. Januar, 8 Uhr vorgesehen) mit ihren Lobliedern für die friedenstiftende Tätigkeit der im vollen Wichs angetretenen Abordnungen der NATO-Staaten schweigt der medialen Sänger Höflichkeit. Vor allem die tiefe wechselseitige Durchdringung von Kirche und Kapital bleibt merkwürdig unbeachtet, wird dadurch aber umso wirkungsmächtiger.

Wenn Klaus Esser mit sich und Gott im Reinen ist...

Dem Abbau des Sozialstaats und der Entwürdigung der Arbeitslosen stimmt auch die katholische Kirche zu. Mehr noch: sie zieht dieselben Maßnahmen auch bei sich selbst durch. Die armen Schäfchen verdünnisieren sich, leise, ohne wahrnehmbare Empörung, aber nachhaltig. Die Kirchenaustritte nehmen kein Ende, auch wenn die Bertelsmannstiftung die Deutschen als besonders religiös lobt. Ergebnis: Die staatlich einkassierten Zwangsabgaben, die Kirchensteuern, nehmen ab. Deshalb holte Meisner die Unternehmensberater von McKinsey ins Haus, um im Konzern Erzbistum Köln Personal entlassen zu können. McKinsey kann man gut und gern als Opus Dei des Kapitals bezeichnen: beide arbeiten als elitäre, verschworene, mächtige Gemeinschaft, die ihren Gewinn daraus zieht, die Privilegien anderer Elitengruppen abzusichern. Das Erzbistum streicht laufend das Geld für die Tätigkeit der vielen Tausend Laien in den Kirchengemeinden, während die Führungsebene gestärkt wird. Ein Verzicht des unbarmherzig-unchristlichen Kardinals auf wenigstens einen kleinen Teil seines Generals-Gehalts ist bisher nicht bekannt geworden....

Obwohl das Erzbistum die Sparmaßnahmen mit rückläufigen Kirchensteuern begründet, verzichtet es auf mögliche Steuereinnahmen, auf ganz bestimmte jedenfalls. Großverdiener werden zulasten der Kirchenkasse bevorzugt behandelt. Ein Beispiel ist der ehemalige Vorstandssprecher des Mannesmann-Konzerns, Klaus Esser. Der hatte vor dem Düsseldorfer Gericht, wo er mit Deutsche Bank-Chef Ackermann der Untreue angeklagt war, die etwas merkwürdige Bemerkung gemacht: „Ich bin mit mir und dem lieben Gott im Reinen.“ Das wurde zwar in den Medien zitiert, aber es blieb unklar, was diese marottenhaft scheinende Bemerkung bedeutete.

Bekanntlich hatte Esser auf Vorschlag des Mannesmann-Hauptaktionärs Li Kasching aus Hongkong, der durch Essers Verhandlungsführung mit dem Aufkäufer Vodafon etwa 8 Milliarden Euro „verdient“ hatte, aus der Mannesmann-Kasse eine etwas unkoschere 16-Millionen-Euro-Prämie bekommen. Es stellte sich heraus: Esser hatte die milde Gabe zunächst ordentlich versteuern müssen. Da Klaus Esser als Vorstandsvorsitzender eines großen Konzerns und überhaupt als hervorgehobener Verantwortungs- und Leistungsträger einen gewissen höheren Rückhalt braucht, ist er gleichzeitig gläubiger Katholik. Deshalb hatte ihm das Finanzamt von den 16 Millionen mit Recht auch die Kirchensteuer abgezogen. Das waren immerhin etwa 500.000 Euro.

Nach Vorstellung von Lieschen Müller sind das bei solchen Einkommen nur pea nuts, auf die ein guter Katholik wie Esser sicher gern verzichtet. Immerhin kommt er ja so mit sich und Gott ins Reine. Doch da verkennt Lieschen die kapitalistische Psyche. Klaus Esser ist ja in seinem Leben so weit gekommen, weil er nicht so dachte wie Lieschen Müller und weil er bei diesem Denken auch immer von seiner Kirche unterstützt wurde. Deshalb stellte er beim Erzbistum den Antrag, dass ihm die Kirchensteuer zurückerstattet werde. Die Kirche gewähre ja entlassenen Lohnabhängigen - z.B. den Verkäuferinnen, die bei Karstadt entlassen werden - für Abfindungen auch diese Rückerstattung, damit sie unter ihrer Entlassung nicht zusätzlich zu leiden haben.

Der Erlaß-Ausschuss des Kirchensteuerrats des Kölner Erzbistums ließ Esser die paar hunderttausend Euro Kirchensteuer erstatten, weshalb u.a. einige Kindergärtnerinnen-Arbeitsplätze nicht mehr zu bezahlen waren. Doch dafür waren Kirche und Esser untereinander, mit dem gegenwärtigen Kapitalismus und natürlich vor allem mit Gott im Reinen....

Neue Rheinische Zeitung 22.12.2007