Dienstwohnung für eine halbe Million Euro

Trotz des kirchlichen Sparzwangs bekommt der Diakonie-Präsident ein sehr großzügiges Dach über dem Kopf

Gelder stammen aus Vermögensrücklagen — Ehemaliger Dekan hat sich Domizil bei Berufung zusichern lassen

Zitat aus den Nürnberger Nachrichten vom 30.6.2003

"NÜRNBERG —Mitten in der aktuellen Spardebatte um drastische Haushaltskürzungen bei der evangelischen Landeskirche und ihrer Diakonie ist ein umstrittenes Immobiliengeschäft bekannt geworden. Die Landesgeschäftsstelle des Diakonisches Werkes (DW) mit Sitz in Nürnberg und die Münchner Kirchenzentrale haben für DW-Präsident Ludwig Markert in einer vornehmen Fürther Lage eine großzügige Dienstwohnung gekauft. Sie hat fast eine halbe Million Euro gekostet.

Der frühere Fürther Dekan Markert ist seit fast zwei Jahren in dem kirchlichen Spitzenamt. Schon bei den Verhandlungen um seine Berufung hat er sich eine solche Dienstwohnung zusichern lassen. Einen Anspruch darauf, wie er üblicherweise für Pfarrer gilt, hat Markert nach Auskunft des Münchner Landeskirchenamtes allerdings nicht mehr. Als Diakonie-Präsident sei er „für die Übernahme von Aufgaben, die im kirchlichen Interesse liegen“ beurlaubt, so Andrea Stocker, Sprecherin der Kirchenzentrale. Für das Geschäft sei allein das DW zuständig. Das Landeskirchenamt zeigte sich dabei dennoch sehr entgegenkommend.

Die Aufsicht über die DW-Landesgeschäftsstelle mit ihrem vierköpfigen Vorstand hat der Diakonische Rat. An dessen Spitze steht Karl Heinz Bierlein, Chef der Rummelsberger Anstalten. Die Beschaffung einer Wohnung für den DW-Präsidenten nannte er einen „üblichen Vorgang“. Dies bedürfe keiner vorherigen Zustimmung durch den Rat. Das Geld dafür sei auch nicht aus den laufenden Haushalt genommen worden, sondern aus den Vermögensrücklagen. Außerdem werde Ludwig Markert für die Räume an der Fürther Kutzerstraße eine „kirchenübliche Miete“ zahlen, die in der Regel allerdings unter der ortsüblichen Miete liege. Offiziell geprüft werde die finanzielle Abwicklung des Geschäfts erst im kommenden Jahr, wenn die gesamte Rechnungslegung unter die Lupe genommen wird. Für den Wohnungskauf gab es nach Bierlein keine exakten Preisvorstellungen. Es sollte lediglich „der Rahmen des üblichen“ eingehalten werden. Für Markert sei in den vergangenen eineinhalb Jahren keine geeignete Unterkunft gefunden worden, die bereits im Besitz der Kirche ist. Gegenwärtig wohnt der DW-Präsident noch in seiner früheren Dienstwohnung in Fürth, die er aber bis Ende September räumen muss, um dort Platz für einen neuen Pfarrer zu machen.

Der „Bitte“ der Diakonie-Zentrale nach einem Zuschuss für das Immobiliengeschäft, hat die Landeskirche ohne Zögern entsprochen, obwohl auch dort derzeit im Haushalt fieberhaft nach Kürzungsmöglichkeiten gesucht wird. Die DW-Zentrale in Nürnberg muss in den nächsten Jahren gut 15 Prozent ihres Haushalts einsparen. Unter anderem wird in der Finanzkrise auch über den Verkauf von Kirchen oder anderen Immobilien nachgedacht..

Trotzdem hat München dem DW 250 000 Euro, etwas mehr als die Hälfte des gesamten Kaufpreises für das neue Markert-Domizil, zugesagt. Auch diese Summe, so versichert Sprecherin Stocker, werde nicht aus dem laufenden Kirchenhaushalt finanziert, sie stamme aus einer innerkirchlichen „Vermögensumschichtung“.

Im Zentrum steht dabei ein Gebäude in der Nürnberger Schlieffenstraße. Das DW hatte dieses Haus vor Jahren an die Landeskirche verkauft, nicht ohne Nutzungsrechte zu behalten. Diese Rechte habe die Kirche nun dem DW für die 250 000 Euro sozusagen abgekauft. Das Geld dafür wurde, so Stocker, ebenfalls den Rücklagen entnommen.

In dem Gebäude Schlieffenstraße wohnt neben Ex-Landesbischof Hermann von Loewenich auch Klaus Meyer, eines der vier DW-Vorstandsmitglieder. Meyer ist nahe der Pensionsgrenze und hätte unter Umständen bald für Ludwig Markert Platz machen können.

Der DW-Präsident bedauert heute, dass sich der Wohnungskauf so lange hingezogen hat und nicht schon vor zwei Jahren über die Bühne gegangen ist: „In der gegenwärtigen Finanznot könnte das sicher Missverständnissen Vorschub leisten.“ Bei den Berufungsverhandlungen sei es ihm aber ein wichtiges Anliegen gewesen, künftig in einem Umfeld zu wohnen, in dem er sich „wohl fühlt“. Da unterscheide er sich nicht von seinen Vorgängern.

Er gibt auch zu bedenken, dass der Kauf der Wohnung mit einer „Bruttowohnfläche von über 200 Quadratmetern“ zusammen mit dem Zuschuss der Kirche für das DW einen stattlichen „Vermögenszuwachs“ bringt. Deshalb könne man bei diesem Projekt getrost von einem verantwortungsvollen Umgang der Diakonie-Landesgeschäftsstelle mit den ihr anvertrauten Mitteln sprechen."

MICHAEL KASPEROWI