Ist die Kirchensteuer noch zeitgemäß?

Bund gegen Kirchensteuermißbrauch e.V., Bremen

Für eine Reform des Kirchensteuersystems haben sich Theologen, Politiker und Wirtschaftsvertreter auf einem Symposium des Bundes gegen Kirchensteuermißbrauch im Rathaus Bremen eingesetzt. Wer aus Gewissensgründen nicht am staatlichen Kirchensteuereinzug teilnehmen und statt dessen sein Geld in gleicher Hohe an seine Gemeindezahlen mochte, sollte dies künftig problemlos tun können, faßte der Sprecher des Bundes, Pastor Jens Motschmann (Bremen) deren Position zusammen. Es gäbe mittlerweile den Trend, daß immer mehr Christen aus der Volkskirche austräten, aber evangelikale landeskirchliche Gemeinden besuchten und ihnen ihre bisherige Kirchensteuer direkt überwiesen. Dies ist bisher offiziell nicht möglich. Deshalb müßten dafür Regelungen getroffen werden.

Nicht auf Geld getauft

Bereits die letzte Synode der Alt-preußischen Union habe sich 1939 dazu durchgerungen, daß man Kirchenmitglied sein kann, ohne Kirchensteuer an die Zentrale zu zahlen, wenn man den Pflichtbeitrag an Einrichtungen der Bekennenden Kirche gäbe. Ein Mitglied des Bundes, Pfarrer Dietrich Blaufuß (Erlangen), ergänzte: "Kir­chenmitgliedschaft und Kirchensteuerpflicht müssen getrennt werden. Die Kirche tauft ihre Mitglieder auf Jesus Christus, nicht auf die Kirchensteuer". Evangelikale Gemeinden hätten auch - so Motschmann - jahrelang über den "groß­en Kirchensteuertopf"   Institutionen zwangs­mitfinanziert, die sie aus biblischen Gründen ablehnten, wie manche Evangelische Akademien, das Sonntagsblatt und feministische Zentren. Diese Gemeinden müßten für diesen "erheblichen Mißbrauch" der Gelder ihrer bibeltreuen Kirchenmitglieder einen finanziellen Ausgleich bekommen.

  Gemeinden sollen ihre Pastoren direkt finanzieren

Andere Referenten der Veranstaltung stellten noch weitergehende Forderungen. Nach Worten des früheren Bundesfinanzministers Hans Apel (SPD) hat das jetzige Kirchensteuersystem zu einer "menschenfernen Bürokratie" in der Kirche geführt, vgl. seine Thesen auf S.50. Daß die "Kirche runter von ihrem Roß hin zu den Bürgern" komme, werde nur durch eine Reform der Finanzen möglich. Der jetzige Wirtschaftsprofessor in Rostock sprach sich dafür aus, daß die Pastoren wie in den USA direkt von den Gemeinden finanziert werden. Die jetzige zentrale Finanzierung, in einen großen Topf habe zu Selbstgerechtigkeit und Selbstherrlichkeit, insbesondere aber zur Politisierung der kirchlichen Gremien geführt; da man "vom Unmut austretender Kirchensteuerzahler nicht unmittelbar getroffen und damit abgestraft wird". So wirke der staatliche Kirchensteuereinzug "wie ein schleichendes Gift". Nur da, wo die Pastoren ganz auf die Zahlungen ihrer Gemeindemitglieder angewiesen seien, sei Wachstum zu verzeichnen, das zeigten Organisationen wie die Neuapostolische Kirche und die Zeugen Jehovas.

  SPD-Mann: Härtere Gangart

Um Änderungen zu erreichen, müßten die Kritiker eine "härtere Gangart" einlegen: "Mit freundlichem Zureden kann man das Machtkartell Kirche nicht aufbrechen." Der Leiter des Mittelstandsinstituts Niedersachsen, das Vorstandsmitglied des Kirchensteuerbundes, Prof. Eberhard Hamer (Hannover), forderte, das gesamte Kirchensteuergeld den Gemeinden zu überlassen. Sie sollten dann selbst entscheiden, wieviel sie für überregionale kirchliche Aufgaben abgäben.

  In keinem Land so viel Kirchensteuer wie in "D"

Ähnlich äußerte sich der Heidelberger Kirchenhistoriker. Prof. Gerhard Besier. Am erfolgreichsten seien Kirchen in den USA, wo die Gemeinden ihren Pastor und sich selbst mit einem freiwillig zu zahlenden Betrag finanzierten. Auch in Deutschland hätten freikirchliche Gemeinden, die keine Kirchensteuer erhöben, den größten Zulauf. Er kritisierte, daß in keinem Land Europas die kirchensteuerpflichtigen Mitglieder so viel zahlen müßten wie in Deutschland. In keinem Land Europas sei die Belastung mit Kirchensteuern auch so "ungerecht" verteilt wie in Deutschland.

  Nur jeder Dritte zahlt

Nur ein Drittel zahle überhaupt Kirchensteuer, weil die anderen nicht mit Lohn- und Einkommensteuer belastet wurden. Es seien meist die Berufstätigen zwischen 30 und 50, die am wenigsten Dienste der Kirche in Anspruch nahmen. In keinem anderen Land Europas hatten die Kirchen seit 1945 auch soviel Vermögen zusammengebracht und nirgendwo sonst wurde so wenig danach gefragt. was mit dem Geldgeschehen ist" .......

Auszug aus der Berichterstattung in ideaSpektrum vom 26.11.1997

 

Die Selbstherrlichen und ihre Kirchensteuer

Sieben Thesen

Dr. Hans Apel (SPD)

1.         Die gesellschaftlichen Großorganisationen - Gewerkschaften, Kirchen, Parteien - verlieren fortlaufend Ansehen und Mitglieder. Ein Ende des Erosionsprozesses ist nicht in Sicht.

  2.         Die zentralen Ursachen dafür sind einerseits das "Kosten-Nutzen-Denken" der aus den ursprünglichen gesellschaftlichen Vernetzungen ausbrechenden Individuen. Andererseits haben diese Großorganisationen die Fähigkeit verloren, sich an den Forderungen, Wünschen und Ängsten der Menschen zu orientieren. Sie führen in ihren oberen Etagen ein Eigenleben.

  3.            Während Parteien und Gewerkschaften in veränderter Struktur ihre unabdingbaren Funktionen für die Gesellschaft wahrnehmen können, gibt es diese Erwartung für unsere Kirche nicht. Sie ist weitgehend aus dem Bewußtsein der Menschen verschwunden. Der menschliche Wunsch nach Sinnerfüllung und Religiosität wird anderswo gedeckt.

4.       Die zentrale Ursache dafür ist die Finanzierung durch die Kirchensteuer. Dadurch hat sich eine teure, menschenferne Bürokratie etabliert. Die Arbeit vor Ort verliert an Kraft. Die Kirche zieht sich "aus der Fläche" zurück. Viele Gemeindepfarrer fühlen sich überfordert und alleingelassen. Das verstärkt die Abwendung von unserer Kirche. Dazu ein führender Kopf in Nordelbien: "Christliche Seelsorge ist eine Holeschuld, keine Bringeschuld."

  5.         Oder um einen anderen zu zitieren: Tür mein Leben reicht es". Diese Feststellung ist trotz der rückläufigen Kirchensteuereinnahmen sicherlich 'richtig. Sie sind die "solide" Basis für Selbstgerechtigkeit und Selbstherrlichkeit, insbesondere aber für die Politisierung der kirchlichen Gremien. Man ist unter sich und wird nicht vom Unmut, dem Unverständnis, der Gleichgültigkeit austretender Kirchensteuerzahler unmittelbar getroffen und damit abgestraft.

  6.         Es ist in der Sache sicherlich sehr schwer, sich von jetzigen System der Finanzierung unserer Kirche zu trennen. Es wirkt aber wie ein schleichendes Gift. Ein Bemühen um jeden einzelnen Christen ist aus finanziellen Gründen nicht notwendig. Ohne sichtbaren Widerstand wird das Feld den aktiven Freikirchen überlassen. Nur eine Reform unseres Finanzsystems kann unsere Kirche zwingen, von ihrem hohen Roß herabzusteigen.

7.            Papierene Resolutionen und amateurhafte Besserwisserei können nichts bewegen, vor allem nicht die Gleichgültigen und ihre Einstellung zu unserer Kirche.

Vortrag im Bremer Rathaus am 22. November 1997 auf Einladung des "Bundes gegen Kirchensteuermißbrauch e.V." Bremen

 

 

 

 

aus: idea Dokumentation 22/97