Einige Anmerkungen zum Brutto-Modell

(Textpassagen im Fettdruck beziehen sich auf den Beitrag des Superintendenten Koch)

Die Befürworter des Brutto-Modells hinterfragen an keiner Stelle den kirchlichen Bedarf an Geld. Sie gehen ganz selbstverständlich davon aus, daß die Kirchen ein Anrecht auf ca. 16-17 Mrd. Mark haben. Das Gehaltsgefüge der Hirten beginnt mit A 13 plus.

Die Vermutung, dass

"so mancher Kirchenaustritt die schlichte Reaktion auf eine Steuerstruktur (sei), deren Gerechtigkeit nur auf einem hohen Abstraktionsniveau noch konstruierbar ist",

ist nicht von der Hand zu weisen. Es ist jedoch erfreulich, dass nun auch ein Kirchenbeamter es laut ausspricht: Die derzeitige staatliche Steuergesetzgebung spiegelt nicht Gerechtigkeit im Sinne christlicher Vorstellungen wider und kann dies vermutlich auch gar nicht. Deswegen versieht jede Ankoppelung der Kirchensteuer an eine staatliche Steuer die staatlichen Steuergesetze zu Unrecht mit einem Heiligenschein. Die Kirchen werden aber nicht umhin kommen, auch bei der Umstellung auf einem Brutto-Modell ihrerseits eine eigene Steuerstruktur zu entwickeln, deren "Gerechtigkeit" sich erst noch erweisen müsste.

Der Hinweis, dass heute mancher Kirchenaustritt eine Art Stellvertreterfunktion hat, weil man anders seinen Protest gegen eine Steuer- und Abgabenbelastung nicht ausdrücken könne, ist zutreffend und irreführend zugleich. Warum sollten sich solche Gefühle nicht auch beim Brutto-Modell einstellen? Möglicherweise würde gerade die auf diese Weise erzwungene Verbreiterung der Basis von Steuerpflichtigen die Zahl der Kirchenaustritte nach oben schnellen lassen.

Manche Passagen der Begründung für das neue Modell sind einfach geschmacklos: dass nämlich beim derzeitigen Modell

"klassische kirchliche Dienste weiterhin ernsthaft gewünscht werden, ohne dass man an deren Finanzierung noch beteiligt wäre: Taufe und Konfirmation von Kindern, von deren Eltern oder verdienendem Elternteil die Mitgliedschaft gekündigt worden ist, kirchliche Trauung unter derselben Voraussetzung oder die kirchliche Bestattung von Ausgetretenen, die deren Angehörige erbitten, die Mitglied geblieben sind."

Nur selten wird so deutlich und schamlos zugleich argumentiert: Taufe nur gegen Geld!!

"Für die Beiträge der Rentner und eines Teils der Arbeitslosengeldempfänger könnten aber die Sozialversicherungsträger als Körperschaften des öffentlichen Rechts gegen eine angemessene Entschädigung ihres Verwaltungsaufwands in derselben Weise tätig werden, wie ihn die Finanzbehörden ja schon von jeher von den Kirchen erhalten. Der zur Zeit mit gewichtigen Argumenten geforderte Zusammenschluss der Rentenversicherungsträger würde die Übernahme dieses Nebenauftrags sicher erleichtern und zu günstigeren Kosten ermöglichen."

Befürworter des Brutto-Modells wollen also die Arbeitsämter und die Rentenversicherungsträger vor den kirchlichen Karren spannen. Statt die zu Recht kritisierte Praxis, Arbeitgeber und der staatlichen Finanzbehörden beim Eintreiben der Kirchensteuer zu beenden, soll der Kreis der Helfer sogar noch ausgeweitet werden.

Dem Autor scheint das Paradoxe seines Vorschlags entgangen zu sein: Eine immer größere Annäherung an den Staat und eine weitere Indienstnahme seiner Organe (Rentenversicherungsträger und Arbeitsämter) soll die Autonomie der Kirchen gewährleisten, im kirchlichen Binnenbereich die Steuersätze gegebenenfalls variabel gestalten zu können.

Friedrich Halfmann