Kirchenaustritt ohne Kirchenausschluss

von Holger Gohla

Was wie ein Widerspruch klingt, ist der Wunsch mancher Katholiken. Für Dieter Kiene in Sigmaringen scheint er sich zu erfüllen: Sakramente ohne Kirchensteuer. Austritt ja, Exkommunikation nein. Diese Regelung hatte der Vatikan bereits 2006 angewiesen. Doch von deren Umsetzung will die katholische Deutsche Bischofskonferenz anscheinend wenig wissen.

Katholische Kirche: Sakramente ohne Kirchensteuer?

Dieter Kiene, Oberstleutnant i.R. aus Sigmaringen, ist noch immer erstaunt. Seinen Austritt aus der katholischen Kirche hat der 68-Jährige persönlich beim Standesamt erklärt. Doch die Kirche vollzog nicht zugleich seinen Ausschluss, also die Exkommunikation aus der Glaubensgemeinschaft.

Vatikan für Einzelfallprüfung

Der Ex-Soldat berief sich auf eine Weisung des Vatikans. Der „Päpstliche Rat für Gesetzestexte" habe am 13. März 2006 verfügt, dass beim Kirchenaustritt eine kirchliche Autorität, zum Beispiel der Pfarrer, jeden Einzelfall eingehend überprüft, ob es sich um einen Abfall vom Glauben handelt. „In meinem Fall hat die Seelsorgeeinheit Sigmaringen schriftlich bestätigt, dass bei mir kein Glaubensabfall vorliegt", so Kiene gegenüber dem SWR. Daraufhin habe er bei seinem Antrag zum Austritt aus der Amtskirche diese Bestätigung beigelegt und beantragt, nicht exkommuniziert zu werden. Allerdings hat der kirchenjuristische Offizial in Freiburg den „modifizierten Kirchenaustritt" von Dieter Kiene noch nicht offiziell bestätigt.

Deutsche Amtskirche gegen Vatikan? Trotz Austritt gläubiger Katholik?

Wer bislang seinen Austritt aus der katholischen Kirche beantragt, der wird im Gegenzug als „Tatstrafe" ohne weitere Überprüfung unverzüglich durch die Kirche exkommuniziert, darf also keine Sakramente mehr empfangen. Doch dagegen wehrt sich der Katholik Dieter Kiene.
„Ich bin ein gläubiger Mensch – und möchte weiterhin zur Gemeinschaft der Katholiken gehören", bekennt der Sigmaringer und ergänzt: „Ich habe ein Problem mit der Amtskirche." Sie sei gegenüber Menschen manchmal zu hart. Zudem zeige sie nicht klar genug auf, was genau mit den Steuereinnahmen geschehe – und ob das Geld vor allem Bedürftigen zugutekomme.

Kirchensteueraustritt bisher unmöglich

Kiene ist nicht der erste brisante Kirchenaustritt. Im Südwesten wurde auch Hartmut Zapp bekannt. Der Freiburger Kirchenrechtsprofessor versuchte 2010, auf juristischem Wege aus der Kirche als „Körperschaft des öffentlichen Rechts" auszutreten.
Allerdings entschied der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg (VGH), ein reiner „Kirchensteueraustritt" sei nicht möglich. Ein Kirchenaustritt sei nur dann wirksam, wenn der Katholik sich „ernsthaft und vollständig von der Religionsgemeinschaft lossagen" wolle. Weitere Fragen seien innerkirchlich zu klären, urteilte der VGH.

Kirchenrecht: Einmal katholisch immer katholisch

Fälle wie Kiene oder Zapp sind „weder theologisch noch kirchenrechtlich vorgesehen", sagt Kirchenrechtsexperte Prof. Dr. Thomas Schüller von der Universität Münster dem SWR. Wer einmal durch die Taufe in die katholische Kirche aufgenommen wurde, bleibe „dauerhaft katholisch".
Laut dem Münsteraner Kirchenrechtsexperten macht der Vatikan inzwischen Druck auf die deutschen Bischöfe, die Weisung von 2006 auch umzusetzen. Dies würde bedeuten: Die Kirche müsste bei jedem Einzelfall überprüfen, ob ein Glaubensabfall vorliegt. „Man kann also nicht, wie das die deutschen Bischöfe tun, einfach mit einer Generalannahme (Präsumtion) sagen, alle die, die bürgerlicher Wirkung austreten, gelten als abgefallen", so Schüller.

Kirchensteuerausgaben offenlegen

Er rät zudem der Kirche, offen zu erklären, was mit der Kirchensteuer geschieht. Rund 60 Prozent kämen den Kirchengemeinden zugute. Außerdem würden Schulen, Kindergärten und andere soziale Einrichtungen mit einem „Eigenanteil" mitfinanziert. Die treuesten Kirchensteuerzahler seien die „Kirchendistanzierten". Besonders denen müsse man erklären, was mit ihrem Geld passiert, rät Professor Schüller.

http://www.swr.de/swr1/rp/programm/-/id=446640/vv=print/pv=print/nid=446640/did=7289380/19i6myz/index.html

19,12,2010