Ausländer nehmen Anstoß an der deutschen Kirchensteuerpraxis

Wenn sich Ausländer  in Deutschland mit einem festen Wohnsitz anmelden, werden sie von den MitarbeiterInnen des Einwohnermeldeamtes nach ihrer Zugehörigkeit zu einer Religionsgesellschaft befragt. Wichtig erscheint der Behörde eine zutreffende Antwort vor allem im Hinblick auf jene Religionsgesellschaften, die berechtigt sind, Steuern zu erheben. Auf der Lohnsteuerkarte muss das Amt den entsprechenden Eintrag, z.B.  "rk" oder "ev" vornehmen.

In der letzten Zeit haben Betroffene aus Frankreich, den Beneluxstaaten und Österreich ihren Unwillen über diese staatskirchenrechtlich verankerte Regelung geäußert. Sie fühlen sich weiterhin der Kirche ihres Heimatland verbunden, sind auch bereit, dieser gegenüber ihre finanziellen Verpflichtung nachzukommen, aber auf freiwilliger Basis. Sie sehen keine Veranlassung, allein aus Gründen des Arbeitsplatzwechsels zwangsweise den deutschen Kirchen Geld zukommen zu lassen, erst recht nicht in der Form der automatisch einbehaltenen Kirchensteuer. Eine solche Praxis ist ihnen fremd.

Betroffene schildern, wie sie von der Behörde inquisitorisch befragt wurden. Die für alles weitere Vorgehen entscheidende letzte Frage war: "Sind sie getauft worden?". Wird diese Frage mit "Ja" beantwortet, steht eine Religions- bzw. Konfessionsbezeichnung auf der Lohnsteuerkarte fest und damit der automatische Kirchensteuereinzug.

Der in der Regel wütende Protest der Betroffenen, dass man nicht bereit sei, die katholische oder evangelische Kirche in Deutschland zu finanzieren, u.a weil man zu seinen bisherigen Verpflichtungen im Herkunftsland stehe, kontert die Behörde lakonisch: "Dann müssen Sie eben aus der Kirche austreten!", was die Betroffenen erst recht nicht verstehen. Auch eine solche Möglichkeit gibt es in ihrer Heimat nicht.

Nur nach intensiver Aufklärung war die Einsicht zu erreichen, dass ein "Austritt aus der Deutschen Kirche" eben keinen Austritt aus der Kirche bedeutet.

Friedrich Halfmann

Auszüge aus vier Briefen, die Namen der AbsenderInnen sind uns bekannt.

Erster Brief:

...ich bin vor einiger Zeit der Steuer wegen aus der Kirche ausgetreten. Ich finde es ein Unding, daß man hier in unserem Land für sein Glaubensbekenntnis zur Kasse gebeten wird. Ich gehe auch weiterhin in den Gottesdienst und beteilige mich mit Spenden an dem Kirchenwerk.

Nun habe ich folgendes Problem: Ich möchte meine Verlobte im Mai nächsten Jahres in Kroatien kirchlich ehelichen. Die katholische Kirche in Kroatien benötigt nun ein kirchliches Schreiben von mir, daß ich noch nicht (kirchlich) verheiratet bin. Obwohl ich getauft wurde und konfirmiert bin, verwehrt mir der Pfarrer, weil ich keine Kirchensteuer zahle (d.h. nicht kirchlich gemeldet bin), dieses Schreiben. Ist es nun nötig, daß ich für dieses Schreiben wieder in die Kirche eintreten muß, oder gibt es einen Ihnen bekannten anderen weg. Ich bin sehr gläubig, doch denke ich nicht, daß ich zur Ausübung meines Glaubens gezwungen werden sollte Geld zu bezahlen..." .
Für eine rasche Antwort von Ihnen wäre ich sehr dankbar.

Mit freundlichen Grüßen, Ihr S.W

Zweiter Brief:

.. Ich bin aus Zufall auf diese Seite gestoßen und finde sie wirklich gut, obwohl es schade ist, daß so etwas in diesem Land wirklich nötig ist. Als italienische Staatsbürgerin kannte ich keine Kirchensteuer und habe deshalb (leider) als Konfession rk angegeben - dafür muß ich nun im wahrsten Sinne des Wortes bezahlen. Da ich/ meine Eltern/ meine Familie in Italien Geld der Kirche (freiwillig !!) spenden und ich wenn, dann auch dort die Kirche besuche, sehe ich nicht ein, warum ich hier zusätzliche Kirchensteuer bezahlen sollte! Deshalb spiele ich mit dem Gedanken hier in Deutschland aus der Kirche auszutreten. Ist dieser Schritt gleichbedeutend mit einem Austritt auch aus der "italienischen katholischen Kirche"?? D.h. wird dies weitergeleitet oder kann ich davon ausgehen, daß ich damit auch wirklich nur das tue, was ich tun will, nämlich diese zusätzliche finanzielle Belastung zu unterbinden?

Von einem Bekannten, der sich ebenfalls in der gleichen Situation befindet aber bereits hier arbeitet und auch seinen Erst-Wohnsitz nun hier in Deutschland hat, habe ich erfahren, daß die Kirche hier leider mit einer gewissen Erpressungstaktik vorgehe. Wir kommen aus Südtirol, sind also deutschsprachig - folglich würde eine Meldung aus Deutschland auch verstanden werden. Und wenn ich hier austrete, muß ich damit rechnen, daß dieser Austritt auf der Kirchentüre in meinem Heimatort veröffentlicht wird, wie es bereits geschehen ist! Das ist natürlich tragisch, wenn man in einem1000- Einwohner-Dorf wohnt, wo jeder jeden kennt!
Ich hoffe, Sie können mir bei diesem Problem weiterhelfen, C.

Dritter Brief:

."...Ich stehe vor einem großen Dilemma: ich bin Französin und katholisch, bin in Deutschland seit 6 Jahren und mit einem Deutschen verheiratet; aber lebe 'im Untergrund' der deutschen katholischen Kirchen gegenüber, sprich, ich habe mich bisher geweigert, Kirchensteuern zu zahlen (d.h. ich habe mich immer als konfessionslos eingetragen). Als Französin ist Kirchensteuer etwas Undenkbares. Nun weiß ich nicht, in wieweit meine Situation regelwidrig ist (mein Mann ist konfessionslos): ich wurde doch in Frankreich getauft und war dort im Katechismus, warum sollte ich jetzt für eine Institution zahlen, in der ich heute nicht mehr 'physisch' aber nur 'seelisch' gehöre. Das Problem wäre nicht so groß, wenn mir nicht am Herzen liegen würde, mein Baby taufen zu lassen, allerdings in Frankreich: wie wird es für ihn dann aussehen, soll mein Mann - so lang ich im Erziehungsurlaub bin - für ihn zahlen? Und was ist mit mir: muß ich dann die Steuer rückwirkend zahlen? Christin sein ist ein Teil meiner Identität, und dieses Teil möchte ich meinen Sohn verschenken: gibt es irgendeinen Grund, dafür zahlen zu müssen? Wenn ich Mal irgendeine christliche Einrichtung (Kindergarten z.B.) benutze, da bin ich natürlich bereit, zu zahlen, aber nur freiwillig.                          Kann mir da jemand einen Rat geben? Im voraus vielen Dank! J.T.                                  

Vierter Brief:

... Ich habe die Belgische Staatsangehörigkeit und wohne seit einen Monat in Deutschland. Heute ging ich mich anmelden in Frankfurt. Ich mußte dabei vermelden, welche Religion ich hatte. Ich wollte das nicht einfüllen, weil ich das eine persönliche Sache finde. Wenn man durchfragte sagte ich, dass ich keine Religion hatte. Danach fragte man, ob ich getaucht war: Ich antwortete "ja" und darauf mußte ich auf die Anmeldung einfüllen, daß ich Römisch Katholisch war, damit ich Kirchensteuern bezahle. Wenn ich nicht wollte, dann müßte ich aus der Kirche austreten... .

Wegen vieler Gründe will ich keine Kirchensteuer bezahlen: :
1. Ich gehe nie in die Kirche und wenn ich gehen sollte, dann wäre es in Belgien, wo ich noch immer meinen Hauptsitz habe. .
2. Ich bin kein Mitglied einer Kirche (Gemeinde) in Deutschland und werde es nie werden. Wenn ich meinen Glaube bekennen will (z.B. Eheschließung, katholische Beerdigung), dann wird es in Belgien sein. In soweit ich Mitglied bin einer Gemeinde, ist es eine Kirchengemeinde in Belgien, wo immer noch mein Hauptsitz ist....

Können Sie mir sagen, was ich machen soll? V.