Mönche-Machtkampf im Kloster Andechs 

Auf Bayerns "Heiligem Berg" ermittelt der Staatsanwalt Von Paul Winterer Andechs. In ganz Bayern nennen ihn betendes Volk wie Biertrinker den "Heiligen Berg". Die kleine Erhebung zwischen Starnberger See und Ammersee, eine halbe Autostunde von München entfernt, hat für viele Anhänger bayerischer Bierseligkeit Kultstatus. Das von den Benediktinermönchen im dort stehenden Kloster Andechs gebraute Bier gehört zum Feinsten, was Braukunst zu bieten hat. Doch jetzt mischt sich ein schaler Beigeschmack ins süffige Bier.

Auf dem "Heiligen Berg" Bayerns soll seit einiger Zeit ein Machtkampf um die Zukunft des Klosters Andechstoben. Auf dem ,.Heiligen Berg" tragen die Mönche einen erbitterten Machtkampf aus. Soll Bayerns bekanntestes Kloster, das 200 sein 550-jähriges Bestehen feiert, das erfolgreichste klösterliche Wirtschaftsunternehmen im deutschsprachigen Raum bleiben oder ein bloßer Ort des Gebets werden? Fürs Bier plädieren die älteren Mönche um den Andechser Prior Anselm Bilgri. Spiritualität und Abgeschiedenheit fordern die jungen Patres um Abt Johannes Eckert. Die Parteien stehen sich derart feindselig gegenüber, dass sogar die Staatsanwaltschaft hinter dicken Klostermauern ermittelt. Überraschend wurde vor einem Jahr der junge Theologe Eckert zum neuen Abt des Mutterklosters" St. Bonifaz in München gewählt, zu dem auch Andechs gehört. Die meisten hatten jedoch mit der Wahl des 15 Jahre älteren Bilgris gerechnet. Schließlich steht und fällt der unternehmerische Erfolg des Klosters mit seiner Person: Unter Bilgris Ägide wurden der Ausstoß der Brauerei erheblich gesteigert, Lizenzen für Liköre, Schnäpse, Brot und Käse vergeben sowie eine Kette mit "Andechser" Gaststätten aufgebaut. Doch missgönnt der asketisch wirkende neue Abt Bilgri den Erfolg. Das persönliche Verhältnis der beiden Patres soll zerrüttet sein. Für Bilgri wurde die Situation derart unerträglich, dass er sich im Frühjahr für ein Jahr ins Ausland zurückzog. Nun hat es Bilgris engsten Mitarbeiter erwischt. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Untreue gegen den Ex-Geschäftsführer der Kultur- und Veranstaltungs-GmbH im Kloster. Pikant ist, dass die Anzeige gegen die "Rechte Hand" von Bilgri aus dem Kloster kommt. Der 40-Jährige wird darin verdächtigt. seit 1999 der GmbH zustehende Gelder ..missbräuchlich verwendet zuhaben", wie es der Staatsanwalt Rüdiger Hödl in München nennt. Die Abtei belegte den Bilgri-Intimus mit Hausverbot. Dagegen erwirkte der eine Einstweilige Verfügung, gegen die wiederum der Abt Beschwerde einlegte. (dpa) WAZ 21.6.2004


Himmlischer Konzern

Benediktinerabtei Sankt Bonifaz in München und Andechs Körperschaft des öffentlichen Rechts

Unternehmensformen und Beteiligungsverhältnisse

 Die Gott-AG: Das Kloster Andechs / Profite im Na-men des Herrn

Pater Anselm Bilgri ist so etwas wie eine Mischung aus Wolfgang Clement und Hans Eichel. Mit dem Unterschied, dass sein Amtssitz nicht in Berlin liegt, sondern im tiefsten Oberbayern, und dass sein Titel nicht Wirtschafts- und Finanzminister ist, sondern Cellerar. Aber das ist in der klösterlichen Hierarchie so ziemlich dasselbe. Das Kloster Andechs, bekannt für seine schöne Lage im Voralpenland und sein Doppelbock-Bier, kann den wohl rührigsten Kloster-Ökonomen der Republik vorweisen: Pater Anselm, Cellerar und Manager. Wenn Sie wollen, bin ich ein Unternehmertyp, ganz egal, was ich anpacke", sagt er und streicht sich mit der Hand über seinen widerspenstigen, schwarzen Benediktiner-Habit.

Sein Geschäftsmodell: Bier. Doch Anfang der Neunziger stagnierte der Absatz - auch in Andechs. Der klösterliche Gerstensaft galt allenfalls als regionale Spezialität. "Dem mussten wir gegensteuern. Um überleben zu können, mussten wir nach Alternativen suchen', sagt Pater Anselm im besten Unternehmerdeutsch. Mittlerweile sei der Imagewechsel zu einer "gelungenen Symbiose von Kirche, Wirtshaus und Kultur" geschafft, und seit das Bier überregional verkauft werde, steige auch der Absatz wieder.

Der gute Name wird verkauft

Rund um die Brauerei ist eine Firmengruppe mit neun geistlichen und 200 weltlichen Mitarbeitern entstanden. Zu dem kleinen Konzern gehören der Klostergasthof, das Bräustüberl und ein Klosterladen. Eine Kultur GmbH organisiert Tagungen sowie das jährliche Festival Orff in Andechs und vergibt Lizenzen für allerlei ortstypische Lebensmittel, die gegen Bezahlung den Namen des berühmten Klosters tragen dürfen. Dazu gehört etwa der süße Andechser Senf der Firma Develey mit Senfkörnern aus dem Klostergarten. Wo Andechs draufsteht, muss natürlich auch Andechs drin seid, sagt Pater Anselm. Die Landwirtschaft hat er auf biologischen Betrieb umgestellt, sie beliefert nun unter anderem eine Münchner Großbäckerei mit Biogetreide. Jüngstes "Baby" des Paters ist die Gastronomie AG. Die Firma betreibt nach einem Franchise-System die Restaurantkette Der Andechser und ist deutschlandweit auf Expansionskurs. Und dem Geistlichen gehen die Geschäftsideen nicht aus: Bald soll am Fuße des Klosterberges ein modernes Hotel gebaut werden.

"Ora et labora!" Die alte benediktinische Lebensweisheit, dass neben der geistigen Tätigkeit gleichberechtigt die Handarbeit stehen sollte, erweist sich auch für das 21. Jahrhundert als tragfähige Geschäftsgrundlage. Sie steht für einen wirtschaftlichen Aufbruch vieler Klöster in Deutschland, Europa und Obersee. Ordensleute öffnen sich modernen Unternehmens- und Marketingstrategien, entdecken den Markt. Dabei können sie an eine jahrtausendealte spirituelle und ökonomische Tradition anknüpfen. Klöster spielten im Mittelalter eine Schlüsselrolle bei der wirtschaftlichen Urbarmachung Europas. "Gebt den Mönchen ein ödes Moor oder einen wilden Wald, lasst ein paar Jahre vergehen, und ihr werdet nicht nur schöne Kirchen, sondern auch menschliche Siedlungen dort errichtet sehen", schrieb Theodor Fontane voller Bewunderung für die vom Glauben beflügelte wirtschaftliche Kraft der Klöster.

"Kontrollierte Klosterherkunft"

Die Säkularisation im Jahre 1803 und auch der anhaltende Mitgliederschwund haben daran nichts geändert. Heute gibt es hierzulande noch etwa 5700 Ordensmänner und 30 000 Ordensfrauen in mehr als 3300 klösterlichen Niederlassungen. Sie betreiben Läden, Hotels und Gaststätten, Brauereien und Weingüter, produzieren Kosmetika, Kerzen und Spirituosen, unterhalten landwirtschaftliche und handwerkliche Betriebe aller Art sowie fromme Verlage und Druckereien. In Frankreich haben sich Klöster für ihre handgefertigten Marmeladen, Käsesorten und anderen Lebensmittel sogar ein eigenes Qualitätssiegel - "kontrollierte Klosterherkunft" - zugelegt, um Nachahmerprodukte abzuwehren. Ein ähnliches "Ordenssiegel" für Deutschland wurde vom oberbayerischen Kloster Ettal initiiert, hat sich aber nicht durchsetzen können. Im Verein "Klösterreich" haben sich österreichische Klöster zusammengeschlossen, um gemein-sam kulturelle und touristische Angebote zu vermarkten. Und in den USA? Dort sind Mönche und Nonnen im Computergeschäft, betreiben Online-Dienste und erstellen Internet-Seiten.

Bei aller zur Schau getragenen Modernität steht Tradition jedoch immer noch an erster Stelle. Ziel der Orden ist die pastorale und sozialkaritative Arbeit: Klosterschulen, Bildungsstätten, Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime. Im eigenem Auftrag oder im Dienst der Diözesen arbeiten Mönche auch als Gemeindepriester und in der weltweiten Mission. Oft sind es die klösterlichen Wirtschaftsbetriebe, die das personal- und kostenintensive "Kerngeschäft" sowie die eigene Gemeinschaft am Leben erhalten müssen. Die Rechnung der Cellerare lautet: Je effizienter und ideenreicher diese geführt werden, desto mehr springt unter dem Strich für den eigentlichen Auftrag heraus. Andechs etwa finanziert mit seinen Erträgen die Obdachlosenarbeit seines Mutterklosters Sankt Bonifaz in München. Und die Oberschüsse des florierenden Mineralwasserbrunnens der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul im oberbayerischen Bad Adelholzen fließen in die ordenseigenen Krankenhäuser, Alters- und Kinderheime- nach allfälligen Investitionen natürlich.

Schwester Theodolinde Mehltretter kann es nicht nur, was Prominenz anbelangt - mit Pater Anselm aufnehmen. Die gelernte Betriebswirtin ist Personalchefin der Adelholzener Alpenquellen GmbH, mit 360 Mitarbeitern und einem geschätzten Jahresumsatz von 80 bis 90 Millionen Euro einer der 15 größten Brunnen Deutschlands. In Branchenkreisen gilt die Ordensschwester im dunkelblauen Habit mit weißer Haube als hartgesottene Geschäftsfrau. Die im Jahre 286 entdeckte Primusquelle, benannt nach einem später heilig gesprochenen römischen Legionär, wird besonders innovativ geführt: Bei der Einführung von PET Mehrwegflaschen spielte das Unternehmen bundesweit eine Vorreiterrolle.

Schwester Theodolinde kennt jeden ihrer Mitarbeiter mit Namen und teilt sogar die allmonatlichen Lohnzettel persönlich aus. Wir sind ein ganz normaler Wirtschaftsbetrieb", sagt sie. Einziger Unterschied zu weltlichen Unternehmen sei die Tatsache, dass 100 Prozent der Firmenanteile bei der Kongregation der Barmherzigen Schwestern lägen.

Wie andernorts auch stehe der Erfolg des Unternehmens an erster Stelle, freilich nicht um jeden Preis. "Der Papst hat gesagt, Erfolg ist keiner der Namen Gottes. "Das heißt aber nicht, dass man nicht schauen muss, das Unternehmen auf gesunde Füße zu stellen. Wir wollen etwas erwirtschaften, um wieder Gutes tun zu können." Berührungsängste zu nichtkatholischen Mitarbeitern hat die Ordensfrau nach eigener Aussage nicht. Auch der Werbung steht sie aufgeschlossen gegenüber. Sie ist sogar selbst schon im Fernsehen aufgetreten, in Werbespots für ihr Mineralwasser. Slogan: "So rein kann Wasser sein." - "Ich wollte damit auch zeigen, dass es Schwestern gibt, die mit zwei Füßen auf dem Boden stehen, dass Orden ein Bestandteil unserer Gesellschaft sind."

Ein so unverkrampfter Umgang mit Ökonomie ist innerhalb der Orden allerdings umstritten. Wenn Pater Anselm wieder einmal sein Kloster als perfekte "Markenwelt" preist, erhebt sich andernorts Kritik an der "Eventmarketing-Agentur" vom Heiligen Berg. "Die Ökonomisierung darf nicht so weit gehen, dass unsere geistlichen Inhalte vernachlässigt werden", sagt Pater Wolfgang Schumacher von der Vereinigung Deutscher Ordensobern in Bamberg. Pater Anselm kontert: ,Wir gewinnen doch nur altes Terrain zurück. Wenn wir uns auf den reinen Glauben zurückziehen und nur mit der Harke unser Gärtchen bearbeiten würden, dann müssten wir alles zusperren. Ora et labora heißt, die beiden Sphären miteinander zu verbinden." Doch auch in Andechs sind nicht alle vom ökonomischen Eifer des Cellerars gleichermaßen angetan. Gegen seinen Plan, gleich die gesamte Klosterwirtschaft in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln und weltlichen Mitarbeitern Anteile daran zu geben, gibt es eine Menge Vorbehalte.

Mit gemischten Gefühlen sieht man die Aktivitäten der Andechser auch in der ober-pfälzischen Benediktinerabtei Plankstetten - obwohl es auch hier nicht an Ideen mangelt. Die Geistlichen hatten 1989 ihre Knabenrealschule geschlossen und die Landwirtschaftsbetriebe wiederbelebt. Auch die Plankstettener Benediktiner erregten Anstoß - allerdings weniger mit Marketing-Eskapaden als mit konsequenter Orientierung auf Nachhaltigkeit. Wir waren eine der ersten kirchlichen Einrichtungen, die auf Ökolandbau umgestellt haben", sagt Cellerar Frater Andreas Schmidt. "Am Anfang haben uns viele gefragt, ob wir zu den Grünen übergelaufen sind. Jetzt werden wir als Vorzeigeprodukt gehandelt." Die Mönche sind überzeugt, dass Landwirtschaft nur in der ökologischen Variante eine Chance hat. Deshalb ersannen sie das Konzept einer "regionalen Kreislaufwirtschaft" - sozusagen das weltliche Abbild des Mönchsgelübdes der Stabilitas Loci, der lebenslangen Gebundenheit an eine bestimmte Ordensgemeinschaft. Das Kloster will Zentrum eines regionalen Netzwerkes sein, das auch kleineren Bauern außerhalb der Klostermauern eine Oberlebenschance bietet. Landwirten im Umkreis von 50 Kilometern, die bereit sind, auf Ökobetrieb umzustellen und einem anerkannten Anbauverband beizutreten, versprechen die Mönche Absatzmöglichkeiten, etwa im Konvent, dem Gästehaus, der Klosterschenke oder dem eigenen, modernen Klosterladen. Einen Teil ihrer Produkte verkaufen sie über das Spezialsortiment Gutes aus Klöstern des Edelversandhauses Manufactum - mit der Aura des Klostelebens als Werbeargument. Bei aller ökologischen Korrektheit lässt Frater Andreas keine Zweifel an seiner marktwirtschaftlichen Orientierung aufkommen. \ Wir stellen uns klar dem Markt." Auch wenn manche Mitbrüder "in ganz anderen geistigen Sphären" lebten.

Das Kloster will Zentrum eines regionalen Netzwerkes sein, das auch kleineren Bauern außerhalb der Klostermauern eine Oberlebenschance bietet. Landwirten im Umkreis von 50 Kilometern, die bereit sind, auf Ökobetrieb umzustellen und einem anerkannten Anbauverband beizutreten, versprechen die Mönche Absatzmöglichkeiten, etwa im Konvent, dem Gästehaus, der Klosterschenke oder dem eigenen, modernen Klosterladen. Einen Teil ihrer Produkte verkaufen sie über das Spezialsortiment Gutes aus Klöstern des Edelversandhauses Manufactum - mit der Aura des Klosterlebens als Werbeargument. Bei aller ökologischen Korrektheit lässt Frater Andreas keine Zweifel an seiner marktwirtschaftlichen Orientierung aufkommen. Wir stellen uns klar dem Markt." Auch wenn manche Mitbrüder "in ganz anderen geistigen Sphären" lebten.

Aus: Die Zeit, 23.12.2002

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Für eine kritische Auflistung weiterer "himmlischer Konzerne" sei auf das Buch von

Carsten Frerk: Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland, Aschaffenburg 2002 verwiesen. Auf den Seiten 281 bis 320 werden weitere Unternehmungen aus dem Bereich der Klosterbrauereien, der Handels-, Touristik-, Hotel- und Gastronmiebranche vorgestellt.