Vorbemerkung:
Es ist (für uns) kaum möglich, die (Finanz-)situation im Bistum Aachen umfassend zu dokumentieren. Darum beschränken wir uns auf gelegentliche Hinweise.


3000 Kirchen-Mitarbeitern drohen Einbußen

Aachen. Etwa ein Drittel der insgesamt rund 9000 Beschäftigten in der Diözese Aachen müssen in den kommenden Jahren mit drastischen Folgen durch das Sparpaket der Bistumsleitung rechnen - durch Kündigungen und reduzierte Beschäftigungsumfänge inklusive Gehaltseinbußen.

Dies hat Heinz-Leo Görtzen, Mitarbeiter-Vertreter in der Regional-KODA (Kommission zur Ordnung des Diözesanen Arbeitsrechts) am Mittwoch in Aachen betont. Dort sollte nach dem Willen von Mitarbeitervertretung (MAV) und der Initiative Zukunft Arbeitsplatz Kirche (ZAK) ein «Runder Tisch» Beschäftigte und Bistumsspitze zusammenführen. Doch das Tischtuch bleibt zerschnitten.

ZAK-Sprecher Ludger Roloff bedauerte, dass weder Bischof Heinrich Mussinghoff noch Generalvikar Manfred von Holtum der Einladung gefolgt sind. «Beide haben verdeutlicht, dass der Konsolidierungsplan - ebenso wie Gehaltskürzungen - in den zuständigen Gremien beraten werden: in den Räten und der Regional-KODA», erklärte Bistumssprecher Jobst Rüthers. «Wir halten es nicht für sinnvoll, ein weiteres Gremium zu installieren.»

Damit bleibt der «Runde Tisch» eine Plattform, auf der man sich ohne Entscheidungsträger des Generalvikariats austauscht. Dabei hatte sich ZAK zuletzt sogar dazu durchgerungen, die zentrale Bedingung für die Aufnahme von Beratungen zu streichen: die Garantie, auf Kündigungen zu verzichten.

Bislang sind 186 Auflösungsverträge freiwillig von Bistumsangestellten unterschrieben worden. 142 Arbeitsverhältnisse wurden 2004 beendet, darunter lediglich zehn Kündigungen. Bis 2008 will die Diözese mindestens 370 Vollzeitstellen abbauen; hinzu kommt eine unbekannte Zahl weiterer Jobverluste auf Gemeindeebene, weil die Pfarrzuschüsse - die «Schlüsselzuweisungen» - um mehr als ein Drittel reduziert werden.

Insgesamt will das Bistum - mit Unterstützung der Unternehmensberatung Droege & Co. - bis 2008 zwischen 65 und 70 Millionen Euro vom 400-Millionen-Euro-Haushalt abschmelzen. «Der Stellenabbau geht an keinem Bereich vorbei», sagte Gesamt-MAV-Vorsitzender Raimund Ignatz. Reinigungskräfte sind genauso betroffen wie Kindergärtnerinnen oder Pastoral- und Gemeindereferenten. Mitarbeitervertreter Dieter Freyaldenhoven kritisierte, dass auf Gemeindeebene kein Sozialplan existiere.

Doch nach der Einigung im Tarifstreit des Öffentlichen Dienstes stehen nun die nächsten Verhandlungsrunden der Regional-KODA an, denn die Vergütungstabelle der KAVO (Kirchliche Arbeits- und Vergütungsordnung) richtet sich bisher nach dem BAT-Kommunal-Tarif: Zur Debatte stehen hier Gehaltseinbußen von bis zu 17 Prozent sowie die Aussetzung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld.

Entsprechende Anträge sind im vergangenen Jahr zwar gescheitert, sollen jetzt aber erneut auf den Tisch. Beschäftigten, die in den nächsten Jahren ihre Stelle verlieren, würde dann in der Arbeitslosigkeit weniger Geld zustehen als vor der Gehaltskürzung, rechneten die Mitarbeitervertreter vor.

www.aachener-zeitung.de
Von unserem Redakteur Robert Esser (09.02.2005 | 20:30 Uhr)


 

Kritik von allen Seiten

KIRCHEN / Gehälter kürzen und Einrichtungen schließen: Der Sparkurs der beiden großen Kirchen stößt auf Widerstand.

AACHEN. Mehr arbeiten, weniger verdienen und sich aufs Kerngeschäft beschränken: Was in der Wirtschaft als rettender Dreiklang in Krisensituationen gilt, hat längst auch bei den beiden großen Kirchen Konjunktur - und ist dort nicht minder umstritten. Gestern wiesen die Mitarbeiter-Vertreter in der Diözese Aachen eine geforderte Lohnsenkung um 17 Prozent als "maßlose Provokation" zurück. Die Bistumsleitung habe nicht "die geringste Gegenleistung in Aussicht gestellt", kritisierte der Sprecher der Mitarbeiter in der Tarifkommission, Herbert Böhmer und sprach von "Lohndiktat nach Gutsherrenart".

Das ist nicht nur der Sprachgebrauch von Tarifauseinandersetzungen. Es ist auch, VW lässt grüßen, auf eine bekannte Kompromissformel ausgerichtet: Als Ausgleich für "zeitlich befristete Einschnitte" verlangte Böhmer den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen. Gespräche darüber werden jetzt aufgenommen. Das Bistum sieht sich wegen ausbleibender Kirchensteuer in der Not, jährlich 30 Millionen Euro einzusparen. Das (Gerechtigkeits)-Problem dabei: Von Lohnkürzungen sind nur etwa die Hälfte der Mitarbeiter betroffen. Priester und Angestellte, die analog zu Beamten bezahlt werden, berührt die Radikalkur nicht; auch wenn Bistumsprecher Rüthers "freiwillige Solidarbeiträge" dieser Gruppen in Aussicht stellte.

NRZ 5.11.2004


 

Sparkonzept kommt Bistum teuer zu stehen

Aachen. Mehrausgaben von 330.000 Euro fallen jetzt im Bistum Aachen für zusätzliche Beratungskosten und Prüfungsgebühren an. Vor allem der neue Konsolidierungsplan der Düsseldorfer Unternehmensberatung Droege & Comp. sowie der Managementberatung BSL schlagen dabei zu Buche - darüber wurde der Kirchensteuerrat in den jüngsten Sitzungen informiert.

Generalvikar Manfred von Holtum appellierte in den nicht-öffentlichen Konferenzen an die Loyalität der Ratsmitglieder: Er sehe zum Droege-Konzept angesichts der drohenden Insolvenz keine Alternative.

Nach den Beratungen in den diözesanen Räten ist sicher, dass an dem von Droege errechneten Einsparvolumen festgehalten wird: Weil die Kirchensteuereinnahmen von 194,8 Millionen (2004) laut Prognose auf 176 Millionen Euro (2008) fallen, sollen die Ausgaben pro Jahr um 30 Millionen Euro sinken - hinzu kommt ein «Risikopuffer» von fünf bis zehn Millionen Euro.

Zu bewältigen ist zudem ein Finanzierungsloch von 58 Millionen Euro bis 2008 - weil die Sparmaßnahmen erst verzögert greifen. An diesen Eckdaten wollen Räte und Bistumsleitung festhalten.

Aber die Streichliste bleibt umstritten. An Droege erging erneut der Auftrag, die Zahl der zu schließenden Bildungshäuser zugunsten von zwei Kompetenzzentren sowie die Zentralisierung der 540 Gemeindeverwaltungen auf vier Dienstleistungszentren zu überprüfen.

«Es gibt erhebliche Zweifel an der Umsetzbarkeit. Vor allem die Distanz zur Gemeindebasis macht uns Sorgen», sagte ein Kirchensteuerratsmitglied.

Ursprünglich sollten die Verwaltungen - entsprechend der territorialen Aufteilung der 72 Gemeinschaften von Gemeinden - auf 72 Kirchengemeindeverbände reduziert werden. Dieses Konzept steht wegen weiterer Personaleinsparungen vor dem Aus. Auch die Zukunft des Oswald-von-Nell-Breuning-Hauses in Herzogenrath bleibt ungewiss.

Am Dienstag werden die Mitarbeitervertretungen über die Entscheidungen des Bischofs informiert. Zu Debatte stehen der Abbau hunderter Arbeitsplätze, Gehaltseinbußen für mehrere Jahre, der Verkauf von Immobilien, die weitere Kürzung der Zuschüsse für Kirchengemeinden von 65,5 (2004) auf 58,7 Millionen (2008) etc.

Bis 2007 sollen laut Droege-Plan die Zuschüsse für Kindergärten um 6,1 Millionen Euro sinken.

Auffällig ist hier Punkt 5 des vertraulichen Droege-Plans «Soziale Dienste bieten Ansatzpunkte für weitere Optimierung»: Neben «Zusammenlegung und Schließung» empfehlen die Unternehmensberater eine «Standardabsenkung der Leistungen in Kindertagesstätten auf vergleichbares Niveau von kommunalen Einrichtungen».

Von unserem Redakteur Robert Esser  (27.09.2004 | 23:16 Uhr)

Bistum steckt noch tiefer in der Krise

Was das klamme Bistum Aachen mit Hilfe der externen Wirtschaftsprüfer von Droege & Comp. während der Sommerferien berechnet hat, erschüttert die Diözese bis ins Mark. Weitere Millionen Euro fehlen, die bittere Streichliste des Generalvikariats kennt noch kein Ende. Das dramatische Zahlenmaterial, das seit Mitte 2003 große Ängste und Sorgen in der Mitarbeiterschaft und in den katholischen Kirchengemeinden auslöst, ist ein weiteres Mal von der Realität überholt - und damit erneut verschärft - worden.

Ausschlaggebend sind der anhaltende Sturzflug der Kirchensteuereinnahmen - und eklatante Berechnungsfehler. «Unsere Fehleinschätzungen bezüglich der künftigen Einnahmen offenbaren, dass wir keine geeigneten Instrumente zur Hand hatten, um verlässlich für die Zukunft zu planen», erklärte Bistumssprecher Jobst Rüthers am Montag in Aachen. «Dieses Schicksal teilen wir allerdings mit vielen anderen Bistümern.»

Während Kirchensteuerrat und im Anschluss die diözesanen Räte ab dem 18. September über zusätzliche Sparmaßnahmen diskutieren, um das neue zweistellige Millionenloch zu stopfen, absolvieren die ersten Mitarbeiter bereits ihre Kündigungsgespräche.

«Wir haben 86 Auflösungsverträge. So sind wir zumindest optimistisch, die Kündigungen aus Sparmaßnahmen des vergangenen Jahres senken zu können», hofft Rüthers. Derzeit durchläuft die erste Kündigungswelle - aus dem alten Konsolidierungsplan 2003 - die Gremien der Mitarbeitervertretung (MAV); präzise Kündigungszahlen werden weiterhin geheim gehalten.

Die Personalabteilung des Bistums hat sich unterdessen schon im Juli für die anstehenden Aufgaben schulen lassen. Das renommierte ASB-Management-Zentrum in Heidelberg war für einen «Personalleiter-Lehrgang» gebucht worden. Titel eines Workshops: «Konsequente Führung von Trennungsgesprächen».

Am Dienstag steht zudem die nächste Schlichtungsrunde zwischen MAV und Dienstgeber an. Haupttagesordnungspunkt: der immer noch ausstehende Sozialplan inklusive Höhe der Abfindungen.

Parallel sind Anträge des Generalvikariats Richtung KODA unterwegs, um die Tarifverträge für kirchliche Mitarbeiter zu modifizieren. Dem Vernehmen nach soll das Weihnachtsgeld auf bis zu 40 Prozent abgeschmolzen werden, im Gegenzug werden mehr Urlaubstage angeboten.

Sorgen müssen sich aber nicht nur Mitarbeiter auf der Bistumsebene, sondern auch in den Gemeinden. Die Zuwendungen des Bistums sollten ursprünglich (Stand 5. Mai 2004) ab 2005 um fünf Prozent und ab 2007 um weitere 15 Prozent abgeschmolzen werden - von 94,3 Millionen (2003) auf 75,7 Millionen Euro (2008).

Befürchtet wird nun, dass diese Schlüsselzuweisungen um mehr als zunächst berechnete 25 Prozent sinken - mit fatalen Auswirkungen auf die Gemeindearbeit.

Auch die für 2008 von derzeit 19,1 Millionen auf 13 Millionen Euro gesenkten Ausgaben für Kindergärten stehen dann erneut zur Disposition. Die Regionalstellen sollen - wie geplant - bereits Ende dieses Jahres aufgelöst sein.

Robert Esser, Aachener Zeitung, 7.8.2004